Dengue-FieberPharmafirma feiert nutzlosen Impfstoff als Durchbruch

Der Konzern Sanofi Pasteur bejubelt sein Serum gegen Dengue-Fieber trotz schwacher Datenlage. In Wahrheit ist der Impfstoff weder wirksam noch sicher. von 

Bis heute gibt es gegen Dengue-Fieber weder spezielle Medikamente noch eine Impfung. Nach Berichten der Weltgesundheitsorganisation WHO breitet sich die tropische Virus-Erkrankung seit den siebziger Jahren aus. Das liegt vor allem daran, dass täglich Millionen Menschen in Flugzeugen um die Welt reisen. So haben sich alle vier ursprünglich lokal begrenzten Typen des Dengue-Virus auf dem Globus verteilt. Hinzu kommt, dass sich die Überträger-Mücken größere Lebensräume erschließen. 50 bis 100 Millionen Dengue-Fälle zählt die WHO inzwischen pro Jahr. Das größte Ansteckungsrisiko besteht in  Asien und im Pazifikraum, aber auch in Afrika , den USA  und Südamerika ist Dengue-Fieber häufig.

Das Einzige, was bisher vor einer Infektion schützt, sind Moskitonetze, Anti-Insekten-Sprays und lange Kleidung – also alles, was verhindert, dass einen die Weibchen der Ägyptischen ( Stegomyia aegypti ), oder Asiatischen Tigermücke ( S. albopicta ) stechen. Sie sind die häufigsten Überträgerinnen von Dengue, neben anderen sowohl nacht- als auch tagaktiven Moskito-Arten.

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Eine ganze Reihe von Forschern großer Pharmafirmen wie Sanofi Pasteur, GlaxoSmithKline , Inviragen und Merck fahndet seit Jahren nach einem Impfstoff. Doch keines der getesteten Mittel war bislang wirksam und sicher. Nun präsentiert das französisches Unternehmen Sanofi Pasteur eine Studie im Medizinmagazin The Lancet , die das Unternehmen selbst als Durchbruch feiert. Zum ersten Mal habe gebe es ein Serum, das gegen drei von vier Dengue-Virus-Typen wirkt, noch dazu ohne besondere Nebenwirkungen.

Dengue-Verbreitung
Karte Dengue Tigermücke Dengue-Fieber

Klicken Sie auf das Bild, um die Verbreitungskarte zu Dengue-Fieber zu sehen.  |  © CDC

Das wäre tatsächlich ein großer Erfolg. Doch der Schein trügt gewaltig. Für die Studie wurden 4.002 thailändische Kinder im Alter von vier bis elf Jahren zwei Jahre lang beobachtet. Ein Teil bekam den Probe-Impfstoff, ein anderer einen Placebo beziehungsweise eine Tollwut-Impfung. Während des Studienzeitraums erkrankten 134 der Kinder auf natürliche Weise an Dengue-Fieber, vier davon erlitten zwei Krankheitsschübe. Das Entscheidende: Von den 2.669 Kindern mit Dengue-Impfung bekamen 45 das Tropenfieber trotzdem, und zwar nachdem sie schon drei Spritzen mit dem Serum erhalten hatten. Unter den 1.333 Kindern aus der Kontrollgrippe wurden 32 krank.

Die Sanofi-Forscher errechnen daraus einen Impferfolg von 30,2 Prozent. Die Ergebnisse zeigten, dass es möglich sei, einen "sicheren und effektiven Impfstoff gegen Dengue" zu entwickeln, schreibt Derek Wallace, der für die Firma in Singapur forscht. Finanziert wurde die Studie komplett von dem Pharmaunternehmen, mit dem Ziel, eine solche Impfung zu vermarkten.

"In Wirklichkeit gab es zwischen den geimpften Kindern und der Kontrollgruppe keinen signifikanten Unterschied", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Viren-Diagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Andere Impfstoffe, zum Beispiel gegen Cholera, seien bei Werten von 40 bis 60 Prozent wegen mangelnder Wirksamkeit vom Markt genommen worden. Der Virologe ist spezialisiert auf die schnelle Diagnose von Dengue als Reisekrankheit und erforscht das Potenzial einheimischer Mückenarten als Virus-Überträger.

Auch die Autoren der Lancet -Studie schreiben, dass die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind und keine signifikante Wirksamkeit messbar war. Die Forscher selbst sprechen nicht von einem Durchbruch. In der Phase 2b der klinischen Erprobung ging es primär um die Sicherheit des Mittels.

Die allermeisten Dengue-Fälle verlaufen milde. Typische Symptome sind hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, ähnlich wie während einer Grippe. Höchstens vier Prozent der Infektionen entwickeln sich zu einer schweren Form, und selbst dann stirbt nur ein geringer Teil der Erkrankten an den Folgen. Die WHO gibt die Sterblichkeit mit 2,5 Prozent an.

Riskante Zweitinfektionen

Gefährlich wird es, wenn Menschen, die schon einmal Dengue-Fieber hatten, sich wieder anstecken. Man könnte meinen, die Antikörper, die die Immunabwehr beim ersten Infekt gebildet hat, würden von nun an immun machen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Weil die Antikörper nur auf eine von vier Typen von Viren spezialisiert sind, reagiert die körpereigene Abwehr fatal, sobald ein neuer, noch unbekannter Typ von Dengue in der Blutbahn auftaucht. Verwirrung und fehlgeleitete Reaktionen sind die Folge – und der Mensch erkrankt schlimmer als zuvor.

Durch so eine Zweitinfektion kann es sogar zu einem Hämorrhagischen Fieber mit Blutungen kommen, ähnlich wie nach einer Ebola-Infektion . In diesen sehr seltenen Fällen kann Dengue tödlich verlaufen. Für Kinder, die schon von Geburt an durch ihre Mütter weitergegebene Antikörper tragen, besteht ein besonderes Risiko für so einen schweren Verlauf.

Leserkommentare
  1. Im Artikel steht das es nun zu einer 3. Testphase kommt. Normalerweise gibt es 3 klinische Studien. In der 1. und 2. geht es vor allem um die Unbedenklichkeit des Wirkstoffes. Erst in der 3. Phase muß der Wirkstoff beweisen, das es signifikante Vorteile gegenüber herkömliche Wirkstoffe aufweist. Viele Wirkstoffe scheitern genau in dieser letzten Phase. Von dem her ist noch nichts passiert. ein weiterer Sturm im Zeit-Wasserglas.

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    • cb81
    • 21. Oktober 2012 23:14 Uhr

    Das sich der vermeintliche Impfstoff noch in Phase 2b, also der Phase der klinischen Prüfung befindet, in der es "primär um die Sicherheit" ging, bestreitet keiner, auch nicht die Forscher von Sanofi und Co. Entscheidend ist, dass die Forscher zeigen konnten, dass ein sicherer Impfstoff gegen Dengue nicht ganz so unwahrscheinlich ist wie es immer alle dachten. Der Zeit-Artikel geht mit dem Ergebnis der lancet-Studie mit dem dazu gehörendem kritischen Journalismus um und sensibilisiert für eine der vielen vernachlässigten Tropen-Krankheiten. Dengue-Fieber ist , auch durch den Klima-Wandel in Zukunft, eine ernstzunehmende Bedrohung geworden, der Beachtung geschenkt werden muss.

    • fraunwx
    • 13. September 2012 19:58 Uhr

    ....war fuer mich der Tropfen, der das Fass zum Ueberlaufen brachte und habe mein Zeit-Abo vor 3 min gekuendigt.
    Sanofi-Aventis bestaetigt auf der website des Konzerns, dass die Ergebnisse so "lala" sind, dass jedoch die Datenlage ermutigend genug ist, um in die kritische klinische Phase 3 zu gehen.
    Selbst die New York Times, normalerweise sehr Pharma-freundlich, berichtet "In a Setback, Sanofi's Dengue Fever Vaccine Falls Short of Its Goal
    New York Times (09/11/12), Autor Andrew Pollack.

    Liebe Zeit Redaktion - werden eigentlich Artikelvorschlaege bzw. -einreichungen Ihrer Autorer ueberhaupt noch ab und an hinsichtlich Aussagekraft ueberprueft? Sorry, aber das war's fuer mich als langjaehrigen Abonnenten.

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    Redaktion

    Lieber Leser,

    in der Pressemitteilung zu dem Lancet-Paper spricht das Unternehmen vom Durchbruch. Diese Pressemitteilung wurde zusammen mit der Veröffentlichung auf EurekAlert präsentiert. Hier ein Zitat:

    Scientists make dengue vaccine breakthrough

    Dengue is one of the most widespread mosquito-borne viral diseases in the world, with WHO estimating that around half of the world's population are currently at risk. While infection usually causes flu-like symptoms, it can develop into a more serious form of the disease, known as severe dengue, which is a leading cause of severe illness and death among children in some Asian and Latin American countries...

    Viren sind Mutationen unterworfen, insofern ist ein 100%iger Schutz noch Zukunftsmusik.
    Die Tests funktionieren nur bei drei der vier Dengue-Arten, ich konnte auch keine Jubelmeldung bei Sanofi-Aventis oder Sanofi Pasteur finden, man wertet es als ersten Schritt in die richtige Richtung.

    Ich bin auch sehr kritisch gegenüber den Wirkstoff- und Patentrochaden der Pharmaindustrie, die Forschungspipes bestimmter Bereiche sind nicht so doll gefüllt. Ich sehe auch sehr kritisch, dass lieber an Wohlstandskrankheiten wie Herz- oder Stoffwechselkrankheiten geforscht wird, die Tropenmedizin für nicht solvente Kunden "eher nachrangig" behandelt wurde. Zum Glück reagieren Pharmakonzerne halbwegs auf öffentlichen Druck.

    Trotzdem darf man hier eine halbwegs ausgewogene Berichterstattung erwarten, auch wenn sich
    nur Praktikanten oder paid-content leisten kann.

  2. ...wer beschwert sich ueber den Autor des Artikel und kuendigt sein ? Sanofi - Aventis gibt es nicht mehr ! Der Name ist Sanofi ,Aventis ist aus dem Namen gestrichen worden .

  3. '"In Wirklichkeit gab es zwischen den geimpften Kindern und der Kontrollgruppe keinen signifikanten Unterschied", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Viren-Diagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.'

    Ich nehme an, daß Herr Schmidt-Chanasit- im Gegensatz zu Frau Lüdemann- die Originalveröffentlichung im Lancet gelesen hat (http://www.thelancet.com/...)
    Dort steht nämlich bereits ganz oben in der fettgedruckten summary klipp und klar: Unterschied nicht signifiant, Studienziel nicht erreicht.

    Der Durchbruch bezieht sich wohl eher darauf, daß es zum ersten mal so aussieht, als sei eine Ipmfung gegen Dengue überhaupt prinzipiell möglich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Leser,

    es kommt mir komisch vor, denn es sollte selbstverständlich sein, aber vielleicht muss ich es mal ausdrücklich erwähnen: Selbstverständlich schreibt hier in der Wissenschaftsredaktion von ZEIT ONLINE niemand - ich auch nicht – einen Artikel über eine wissenschaftliche Publikation, ohne sie gelesen zu haben.

    Natürlich habe ich die Studie gelesen – und sie hat große Schwachstellen. Ich habe mich gewundert, wie unkritisch andere Medien in den letzten Tagen über dieses Paper berichtet haben. Mir war wichtig, klarzustellen, dass wir weit entfernt sind von einer wirksamen und sicheren Dengue-Impfung.

    In einem Punkt haben Sie Recht: Man sollte fairer Weise erwähnen, dass die Autoren nicht behaupten, eine signifikante Wirksamkeit erzielt zu haben – und dass es hier zunächst auch hauptsächlich um die Sicherheit ging. Das werde ich noch ergänzen.

    Herzliche Grüße.

  4. Redaktion

    Lieber Leser,

    in der Pressemitteilung zu dem Lancet-Paper spricht das Unternehmen vom Durchbruch. Diese Pressemitteilung wurde zusammen mit der Veröffentlichung auf EurekAlert präsentiert. Hier ein Zitat:

    Scientists make dengue vaccine breakthrough

    Dengue is one of the most widespread mosquito-borne viral diseases in the world, with WHO estimating that around half of the world's population are currently at risk. While infection usually causes flu-like symptoms, it can develop into a more serious form of the disease, known as severe dengue, which is a leading cause of severe illness and death among children in some Asian and Latin American countries...

  5. Redaktion

    Lieber Leser,

    es kommt mir komisch vor, denn es sollte selbstverständlich sein, aber vielleicht muss ich es mal ausdrücklich erwähnen: Selbstverständlich schreibt hier in der Wissenschaftsredaktion von ZEIT ONLINE niemand - ich auch nicht – einen Artikel über eine wissenschaftliche Publikation, ohne sie gelesen zu haben.

    Natürlich habe ich die Studie gelesen – und sie hat große Schwachstellen. Ich habe mich gewundert, wie unkritisch andere Medien in den letzten Tagen über dieses Paper berichtet haben. Mir war wichtig, klarzustellen, dass wir weit entfernt sind von einer wirksamen und sicheren Dengue-Impfung.

    In einem Punkt haben Sie Recht: Man sollte fairer Weise erwähnen, dass die Autoren nicht behaupten, eine signifikante Wirksamkeit erzielt zu haben – und dass es hier zunächst auch hauptsächlich um die Sicherheit ging. Das werde ich noch ergänzen.

    Herzliche Grüße.

  6. Viren sind Mutationen unterworfen, insofern ist ein 100%iger Schutz noch Zukunftsmusik.
    Die Tests funktionieren nur bei drei der vier Dengue-Arten, ich konnte auch keine Jubelmeldung bei Sanofi-Aventis oder Sanofi Pasteur finden, man wertet es als ersten Schritt in die richtige Richtung.

    Ich bin auch sehr kritisch gegenüber den Wirkstoff- und Patentrochaden der Pharmaindustrie, die Forschungspipes bestimmter Bereiche sind nicht so doll gefüllt. Ich sehe auch sehr kritisch, dass lieber an Wohlstandskrankheiten wie Herz- oder Stoffwechselkrankheiten geforscht wird, die Tropenmedizin für nicht solvente Kunden "eher nachrangig" behandelt wurde. Zum Glück reagieren Pharmakonzerne halbwegs auf öffentlichen Druck.

    Trotzdem darf man hier eine halbwegs ausgewogene Berichterstattung erwarten, auch wenn sich
    nur Praktikanten oder paid-content leisten kann.

    • pakZ
    • 14. September 2012 9:05 Uhr
    8. .....

    Wenn die Pharmaindustrie an gesunden Menschen keinen einzigen Cent verdient... Welches Interesse hat sie dann die Menschen auch zu heilen?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Weltgesundheitsorganisation | GlaxoSmithKline | Merck | Australien | Thailand | USA
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