Ureinwohner-ErbgutEcuador wirft US-Forschern DNA-Schmuggel vor

Amerikanische Forscher haben Erbgut aus Blutproben des Waorani-Stammes aus Ecuador ins Ausland verkauft. Ein Richter muss nun klären, ob indigene DNA ein Kulturgut ist.

Waorani-Frau in Ecuador (Archiv)

Waorani-Frau in Ecuador (Archiv)

Bricht jemand das Gesetz, der Erbgut von Ureinwohnern außer Landes schafft und anschließend verkauft? Diese Frage will Ecuador klären. Der Präsident des südamerikanischen Landes Rafael Correa kündigte in Quito an, dass er einen entsprechenden Fall vor ein Internationales Gericht bringen will.

Die Regierung verdächtigt amerikanische Wissenschaftler und eine Firma genau dies getan zu haben, noch dazu ohne die Angehörigen des indigenen Stammes der Waorani um Erlaubnis gefragt zu haben. "Aus ethischen und bioethischen Gründen müssen die Betroffenen über jedes Experiment oder jede Studie umfassend informiert sein", sagte Correa. "Das widerspricht jeder Ethik. Wir werden nicht zulassen, dass dies straffrei bleibt."

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Zuständig ist nun die Koordinatorin für das nationale Kulturerbe, María Fernanda Espinosa. Sie hat den Fall übernommen und überraschender Weise nicht das Gesundheitsministerium. Offenbar erwägt Ecuador zusätzlich zu argumentieren, dass die US-Firma Maxus widerrechtlich Kulturgut aus dem Lande geschmuggelt habe.

Was ist DNA?

DNA ist die aus dem Englischen stammende Abkürzung von Desoxyribonukleinsäure. Im Deutschen spricht man daher auch von DNS. Im Normalzustand kommt sie als Doppelhelix in jeder Zelle des Menschen vor. Auf diesem Strang ist das komplette Erbgut des Menschen als Code aus Basenpaaren gespeichert.

Diese vier Genbausteine – symbolisiert durch die Buchstaben A, T, G und C – sind die Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Deren Buchstaben ergeben einen einzigartigen Code, ganz ähnlich wie die Striche maschinenlesbarer Etiketten im Supermarkt.

Damit die Informationen der DNA auch umgesetzt werden, muss sie abgelesen werden. Bei diesem Vorgang entstehen RNA Ribonukleinsäuren, darunter bestimmte Boten-RNA, die den Bau von Proteinen regulieren – so werden Informationen aus der DNA im Organismus in die Tat umgesetzt.

Proteine wiederum steuern nicht nur die Biochemie des Körpers. Organe, Knochen, Muskeln, Haut und Gewebe des Menschen formen sich, weil Proteine in ihren Zellen das Sagen haben.

Espinosa warf Maxus vor, 1991 von erkrankten Angehörigen des Stammes der Waorani DNA-Proben entnommen zu haben, um diese zunächst medizinisch zu behandeln. Zwischen 1994 und 2008 seien diese Proben dann über das Coriell-Institut der Universität Harvard verkauft worden, sagte Espinosa. Wozu das Erbgut verwendet werden sollte, ist unklar. Ecuadorianische Medien spekulieren, dass das Material zur Medikamenten-Entwicklung an Pharma-Unternehmen gelangt sei.

Ecuadors Präsident sieht die Würde der Waorani verletzt

Ecuador prüft nun, welcher juristische Weg der erfolgversprechendste ist, um die Rechte der Waorani zu wahren. Das Vorgehen der Firma aus den USA haben gegen die Menschenrechte verstoßen und die Würde der Ureinwohner verletzt, sagte Espinosa.

Das Coriell-Institut teilte auf Anfrage von ZEIT ONLINE mit, die Vorwürfe seien unberechtigt. Die Wissenschaftler seien nicht illegal, sondern mit Zustimmung der betroffenen Menschen an die Blutproben gekommen. Zudem seien die Proben nicht aus finanziellen, sondern ausschließlich aus wissenschaftlichen Interessen heraus verkauft worden. Insgesamt seien auf diese Weise sieben Zellkulturen und 36 DNA-Proben an wissenschaftliche Einrichtungen in acht Länder gegangen. Alle Mitarbeiter hätten unterschreiben müssen, die Proben nicht für kommerzielle Zwecke zu missbrauchen. Das Institut verfüge über keine weiteren Proben.

 
Leserkommentare
    • Moika
    • 05.09.2012 um 12:23 Uhr

    Zunächst sollte erst einmal lückenlos geklärt werden, ob die Proben tatsächlich verkauft wurden - oder nicht doch, wie vom Institut behauptet, aus rein wissenschaftliche Zwecken an andere Institute werter gegeben wurden.

    5 Leserempfehlungen
    • t_t_h
    • 05.09.2012 um 12:32 Uhr

    Wenn das so stimmt, wie es dargestellt wird, dann ist es auf jeden Fall zu kritisieren, wenn eine Firma (egal ob aus den USA oder sonst wo) ohne Einverständnis der Probanden die DNA kommerziell nutzt und/oder patentiert. Ich kann mir vorstellen, dass es um spezielle, für die Gentherapie interessante Varianten geht.

    Der Rest der Aktion des Präsidenten erscheint mir allerdings ziemlich dubios.
    Welches Recht nimmt er sich heraus, die Einwohner seines Landes zu bevormunden und ihnen den "Export" ihrer DNA zu verbieten? Wenn ich meine DNA, Proteom, o.Ä. der Forschung (auch gegen Geld) zur Verfügung stelle, ist das meine persönliche Entscheidung, und geht keine Regierung etwas an.

    Wenn die Politiker Ecuadors über den Tisch gezogene Indios auf deren initiative Verteidigen, ist das vollkommen in Ordnung und deren Recht bzw Pflicht. Aber ein Exportverbot für indigene DNA ist schon krasse Bevormundung.

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    Mal was von Biodiversitätskonvention und Biopiraterie gehört? Erst stehelen die Pharmakonzerene und Wissenschaftler das Wisseen der indigenen Bevölkerung, dann die genetische Ressourcen von Fauna und Flora und jetzt auch noch DNA der Einwohner? Wow, das grösste Laboratorium der Welt befindet sich anscheinde ausserhalb Europas und der USA, aber Profit wird dort nicht verzeichnet!
    Von wegen, man könnte die “indios” einfach mal um Erlaubnis fragen (oder auch nicht) und dann ihr Erbgut an Forschungsinstitute verkaufen. Die Aufregung in Ecuador ist berechtigt, denn internationale Verträge auch von den USA unterschrieben, schützen Flora, Fauna und auch den Menschen vor Biopiraterie.
    In Art. 15 und 8j der Biodiversitätskonvention werden zusätzliche Anforderungen für den Zugang und die Aufteilung der Vorteile definiert. Das Prinzip ist einfach: Man soll zuerst um Erlaubnis fragen und dann einen Vertrag aushandeln, durch welchen die Geber in einer gerechten und ausgewogenen Weise am Nutzen der Verwertung der genetischen Ressourcen partizipieren können.

    Mal was von Biodiversitätskonvention und Biopiraterie gehört? Erst stehelen die Pharmakonzerene und Wissenschaftler das Wisseen der indigenen Bevölkerung, dann die genetische Ressourcen von Fauna und Flora und jetzt auch noch DNA der Einwohner? Wow, das grösste Laboratorium der Welt befindet sich anscheinde ausserhalb Europas und der USA, aber Profit wird dort nicht verzeichnet!
    Von wegen, man könnte die “indios” einfach mal um Erlaubnis fragen (oder auch nicht) und dann ihr Erbgut an Forschungsinstitute verkaufen. Die Aufregung in Ecuador ist berechtigt, denn internationale Verträge auch von den USA unterschrieben, schützen Flora, Fauna und auch den Menschen vor Biopiraterie.
    In Art. 15 und 8j der Biodiversitätskonvention werden zusätzliche Anforderungen für den Zugang und die Aufteilung der Vorteile definiert. Das Prinzip ist einfach: Man soll zuerst um Erlaubnis fragen und dann einen Vertrag aushandeln, durch welchen die Geber in einer gerechten und ausgewogenen Weise am Nutzen der Verwertung der genetischen Ressourcen partizipieren können.

  1. 3. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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    Wie kommen sie denn auf die Idee, die Ecuadorianer wüssten nicht über die Existenz ihrer DNA Bescheid? Ist dieses Wissen etwa nur der "hochentwickelten westlichen Kultur" (ebenso eine Verallgemeinerung, wie Sie sie hier mit "die Ecuadorianer" vorbrachten) vorbehalten? Das sind ja längst vergangene Vorstellungen aus der Anfangszeit des Kolonialismus, die Sie offenbaren.

    Präsident Correa versucht mit dieser Kampagne einmal mehr, mithilfe verbaler Distanzierungen zur USA die Unabhängigkeit seines Landes von US-amerikanischen Interessen zu wahren. Das hat sicher auch mit Wahlkampfzwecken zu tun, zumal er bei der indigenen Bevölkerung nicht unumstritten ist, besonders infolge der Erdölförderung im Amazonasgebiet. Allerdings verlangt dieser Fall eine umfassende Aufklärung, und es interessiert dabei nicht, welches Wissen diejenigen, deren DNA untersucht wurde, hinsichtlich der Existenz eben dieser hatten.

    Wie kommen sie denn auf die Idee, die Ecuadorianer wüssten nicht über die Existenz ihrer DNA Bescheid? Ist dieses Wissen etwa nur der "hochentwickelten westlichen Kultur" (ebenso eine Verallgemeinerung, wie Sie sie hier mit "die Ecuadorianer" vorbrachten) vorbehalten? Das sind ja längst vergangene Vorstellungen aus der Anfangszeit des Kolonialismus, die Sie offenbaren.

    Präsident Correa versucht mit dieser Kampagne einmal mehr, mithilfe verbaler Distanzierungen zur USA die Unabhängigkeit seines Landes von US-amerikanischen Interessen zu wahren. Das hat sicher auch mit Wahlkampfzwecken zu tun, zumal er bei der indigenen Bevölkerung nicht unumstritten ist, besonders infolge der Erdölförderung im Amazonasgebiet. Allerdings verlangt dieser Fall eine umfassende Aufklärung, und es interessiert dabei nicht, welches Wissen diejenigen, deren DNA untersucht wurde, hinsichtlich der Existenz eben dieser hatten.

  2. ... sie ist aber ganz sicher kein "Kulturgut" was ja nur ein Euphemismus für "Staatseigentum" ist.

  3. Wie kommen sie denn auf die Idee, die Ecuadorianer wüssten nicht über die Existenz ihrer DNA Bescheid? Ist dieses Wissen etwa nur der "hochentwickelten westlichen Kultur" (ebenso eine Verallgemeinerung, wie Sie sie hier mit "die Ecuadorianer" vorbrachten) vorbehalten? Das sind ja längst vergangene Vorstellungen aus der Anfangszeit des Kolonialismus, die Sie offenbaren.

    Präsident Correa versucht mit dieser Kampagne einmal mehr, mithilfe verbaler Distanzierungen zur USA die Unabhängigkeit seines Landes von US-amerikanischen Interessen zu wahren. Das hat sicher auch mit Wahlkampfzwecken zu tun, zumal er bei der indigenen Bevölkerung nicht unumstritten ist, besonders infolge der Erdölförderung im Amazonasgebiet. Allerdings verlangt dieser Fall eine umfassende Aufklärung, und es interessiert dabei nicht, welches Wissen diejenigen, deren DNA untersucht wurde, hinsichtlich der Existenz eben dieser hatten.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"
  4. ob es zum Tatzeitpunkt in Ecuador ein Gesetz gab, welches das Außerlandesbringen von Blutproben und deren weitergehende Nutzung unter Strafe stellt. Wie heißt es so schön? Nulla poena sine lege (keine Strafe ohne Gesetz).

    Gibt es dieses Gesetz nicht, dann ist das Vorgehen von Präsident Correa nichts weiter als eine Rechtsbeugung mit dem vermuteten Zweck, irgendwo ein paar Dollar "Schadenersatz" abzugreifen.

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    Vermutlich gibt es ein Gesetz, dass die Ausfuhr von Kulturgütern verbietet; deshalb möchte der ecuadorianische Präsident wohl vor Gericht die DNS als Kulturgut anerkannt haben. Das klingt natürlich ziemlich albern und ist es wohl auch.

    Für die Zukunft sollte er vielleicht ein Gesetz machen, dass die Verwendung für Forschungs- und kommerzielle Zwecke von menschlichem Gewebe, das urspürnglich für andere Zwecke entnommen wurde, von der Zustimmung des Spenders, Gebers oder Herkunfts-Patienten abhängig macht. Und zwar nicht nur für indigenes Gewebe, sondern der Einfachheit halber gleich für alle Ecuadorianer.

    Nachdem ich Kommentar 5 gelesen habe, vermute ich aber, dass es dem Präsidenten mehr auf die politische Wirkung als auf die Sache ankommt. Nun, wer weiß.

    Vermutlich gibt es ein Gesetz, dass die Ausfuhr von Kulturgütern verbietet; deshalb möchte der ecuadorianische Präsident wohl vor Gericht die DNS als Kulturgut anerkannt haben. Das klingt natürlich ziemlich albern und ist es wohl auch.

    Für die Zukunft sollte er vielleicht ein Gesetz machen, dass die Verwendung für Forschungs- und kommerzielle Zwecke von menschlichem Gewebe, das urspürnglich für andere Zwecke entnommen wurde, von der Zustimmung des Spenders, Gebers oder Herkunfts-Patienten abhängig macht. Und zwar nicht nur für indigenes Gewebe, sondern der Einfachheit halber gleich für alle Ecuadorianer.

    Nachdem ich Kommentar 5 gelesen habe, vermute ich aber, dass es dem Präsidenten mehr auf die politische Wirkung als auf die Sache ankommt. Nun, wer weiß.

  5. Vermutlich gibt es ein Gesetz, dass die Ausfuhr von Kulturgütern verbietet; deshalb möchte der ecuadorianische Präsident wohl vor Gericht die DNS als Kulturgut anerkannt haben. Das klingt natürlich ziemlich albern und ist es wohl auch.

    Für die Zukunft sollte er vielleicht ein Gesetz machen, dass die Verwendung für Forschungs- und kommerzielle Zwecke von menschlichem Gewebe, das urspürnglich für andere Zwecke entnommen wurde, von der Zustimmung des Spenders, Gebers oder Herkunfts-Patienten abhängig macht. Und zwar nicht nur für indigenes Gewebe, sondern der Einfachheit halber gleich für alle Ecuadorianer.

    Nachdem ich Kommentar 5 gelesen habe, vermute ich aber, dass es dem Präsidenten mehr auf die politische Wirkung als auf die Sache ankommt. Nun, wer weiß.

    Antwort auf "Die Frage ist,"
  6. einer meiner Vorredner andeutete ist mir die Bedeutung des indigenen Erbgutes zwischen den Polen 'Kulturgut' und 'Forschungsobjekt' zu kurz gegriffen. Beise begriffe deuten auf einen Entzug der unabhängigen Entscheidungsfähigkeit der Indios hin (post-kolonialismus adé) und klammert in beiden Fällen die Souveränität des Stammes aus. Mit den begriffen wird die Bevölkerung einerseits zum Objekt der kulturellen Herkunft (Vergangenheit!) des Landes erklärt (Kulturgut), aus deren Bedeutung heraus es keinen eigene Deutungshohheit gibt da ein Teil der Vergangenheit, und zum anderen zum Objekt des übergeordneten Forschungsinteresses, das jede Eigenständigkeit, zum Erreichen eines eheren,höheren Ziels, überschreibt!

    Jeder Indio muss für sich entscheiden, was mit seiner DNA passiert, wie in jedem Rechtsstaat üblich!

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