Als Pro-familia-Ärztin verschreibe ich mehrmals pro Monat die Pille danach (PiDaNa). Mit großem Interesse habe ich deshalb den Artikel Die Pille zu spät danach gelesen, der über die Initiative einiger Politikerinnen berichtete, die Rezeptpflicht für die PiDaNa aufzuheben.

Die Reaktionen auf diesen Vorschlag haben mich gewundert, teilweise sogar schockiert. Manche Menschen sind offenbar der Meinung, dass der freie Zugang zur PiDaNa Jugendliche zu wildem, ungeschütztem Sex animiert. Das ist aber nicht der Fall, wie viele internationale Studien beweisen. Fakt ist: Wenn die PiDaNa einfach zugänglich ist und es genügend Aufklärung und Wissen über ihre Wirkungsweise gibt, dann reduziert sich die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche.

Ein anderes Argument der Kritiker lautet, die PiDaNa auf Levonorgestrelbasis wäre mit einer Abtreibung zu vergleichen. Auch das stimmt nicht. Das Hormon-Medikament wirkt schonend. Es verzögert oder verhindert den Eisprung und kann so eine Schwangerschaft vermeiden, wenn es rechtzeitig eingenommen wird.

Besonders schockiert hat mich der Kommentar eines Gynäkologen: Die freie Verfügbarkeit würde nahelegen, dass das Hormonpräparat harmlos wie Aspirin ist. Man solle sich vorstellen, ein junges Mädchen würde, aus welchen Gründen auch immer, 15 Pillen auf einmal nehmen, die sie (einzeln) frei verkäuflich in der Apotheke oder bei einer Schulkrankenschwester erhalten hat.

Dazu kann ich nur sagen: Vergleichen Sie bitte die Fachinformationen von Aspirin (Acetylsalicylsäure) und einer PiDaNa auf Levonorgestrel-Basis. Aspirin hat viele Gegenanzeigen und eine lange Liste von möglichen Nebenwirkungen. Es gibt durchaus Vergiftungsfälle nach einer Überdosierung. Trotzdem bekommt jeder Mensch Acetylsalicylsäure in der 20er-Packung in jeder Apotheke rezeptfrei.

Für PiDaNa dagegen sind kaum Gegenanzeigen bekannt und es wurden keine gefährlichen Nebenwirkungen festgestellt. Selbst Beschwerden wie Übelkeit oder Bauchschmerzen treten nur bei jeder vierten Frau auf. Außerdem gab es bisher keine Fälle von Vergiftungserscheinungen. Im Übrigen wäre es verwunderlich, wenn eine 15-Jährige sich nur so zum Spaß 15 Tabletten in der Apotheke besorgt: In Deutschland kostet eine Tablette 17 Euro, europaweit ist das der höchste Preis.

Es ist wirklich schade, dass es Deutschland bis zum heutigen Tage nicht gelingt, die Pille danach kostengünstig und rezeptfrei zur Verfügung zu stellen. Das Bundesinstitut für Arzneimittelsicherheit hat die rezeptfreie Abgabe längst empfohlen. Leider gibt es derzeit keine starke Interessengruppe, die sich dafür einsetzt. In 28 europäischen Ländern bekommt man die PiDaNa bereits ohne ärztliche Verschreibung. Selbst das katholische Irland hat Anfang 2011 die Rezeptpflicht aufgehoben.