TransplantationStreit über mögliche Organspende-Manipulation in München

Auch Münchener Ärzte könnten die Organvergabe von Lebern manipuliert haben. Prüfer fanden Auffälligkeiten in einer Klinik, Bayerns Wissenschaftsminister widerspricht. von dpa

Organspende-Kontrolleure haben gegen ein Münchner Krankenhaus Ermittlungen wegen des Verdachts auf Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen eingeleitet. Bei einer Kontrolle des Transplantationszentrums im Klinikum Rechts der Isar seien "mehrere Auffälligkeiten" bei der Zuteilung von Spenderlebern festgestellt worden, teilten die zuständige Prüf- und Überwachungskommissionen für Organtransplantationen mit. Es sei eine Sonderprüfung eingeleitet worden, deren Ergebnisse noch ausstehen.

Das bayerische Wissenschaftsministerium sieht dagegen keinen Verdacht auf aktive Manipulationen bei Lebertransplantationen im dortigen Transplantationszentrum. Das Krankenhaus habe vor einem Monat sieben Fälle an das Ministerium gemeldet, sagte ein Sprecher von Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch ( FDP ). Dabei habe es "Auffälligkeiten" gegeben, aber nach bisherigem Stand keine absichtliche Manipulation von Patientendaten. Das Krankenhaus habe die Fälle auf Anweisung des Ministeriums an die Bundesärztekammer und die Münchner Staatsanwaltschaft zur Überprüfung gemeldet. "Vom ersten Anschein haben wir keinen ausreichenden Anfangsverdacht für eine Straftat", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Prüfung sei aber noch nicht abgeschlossen.

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Das Münchner Klinikum räumte "einzelne Auffälligkeiten" bei Lebertransplantationen der vergangenen Jahre ein. "Insbesondere wurden Unstimmigkeiten bei Angaben zur Dialyse sowie bei Laborwerten festgestellt", teilte die Klinik mit. Ärztekammerpräsident Frank-Ulrich Montgomery sagte im Bayerischen Rundfunk: "Es geht in etwa in die Richtung wie in Göttingen und Regensburg ." Dort soll ein Oberarzt die Labordaten seiner Patienten gefälscht haben, damit diese schneller eine neue Leber bekamen.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Montgomery kritisierte zugleich die bayerischen Behörden: "Mich irritiert sehr, dass aus der bayerischen Staatsregierung vor einiger Zeit vermeldet worden war, dass man die bayerischen Programme überprüft und nichts gefunden habe." Die neuen Auffälligkeiten zeigten einmal mehr, dass eine unabhängige Kommission der Selbstverwaltung wahrscheinlich "genauer und besser prüft, als eine reine Kommission der betroffenen Ministerien".

Montgomery lehnt eine Verschärfung der staatliche Kontrollen ab, wie sie nach der Aufdeckung der mutmaßlichen Transplantationen in Göttingen und Regensburg von vielen Politikern gefordert wurde. Heubisch hatte alle sechs bayerischen Transplantationszentren aufgefordert, ihre Akten und Patientenkarteien zu überprüfen.

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Leserkommentare
  1. "Kannibalismus in der Hightech-Medizin? Ein harter Vorwurf. Im Fall der Organspende steht die Ethik des Sterbens gegen die Segnungen des medizinischen Fortschritts. Wer auf dem Spenderausweis nichts einschränkt, spendet praktisch alles: Knochen, Blutgefäße, Augenhornhäute, Venen, Därme die Haut - das ganze Warenlager. Die Ökonomisierung des Lebens macht auch vor dem Sterben nicht Halt. "
    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/164419/index.html

    Mal wieder ein hervorragender Beitrag in 3sat! Der das Thema nicht aus der Sicht einer Werbekampagne betrachtet.

  2. Selbst dann, wenn staatsanwaltschaftlich keine Ermittlungen aufgenommen werden, kann keiner daraus schließen, dass besagte "Auffälligkeiten" am Klinikum rechts der Isar in München noch dem sozial Ärzten erteilten Auftrag entsprechen, weil das Strafrecht, an dem sich die Behörde orientiert, nicht identisch mit den unabhängig davon sich vollziehenden und den Einzelnen umfassend schützenden Bewegungsgesetzen moderner Gesellschaften ist. Konsequent wäre daher gewesen, fragliche Dokumente dem Wissenschaftsausschuss des bayerischen Landtags vorzulegen. Sie auf ministerielle Anweisung hin zunächst dem Staatsanwalt auszuhändigen bzw. der Bundesärztekammer, adressiert sie insofern falsch.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte München | FDP | Frank Ulrich Montgomery | Bundesärztekammer | Ermittlung | Krankenhaus
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