Der Bordstein wird Marion Sturm zum Verhängnis. Ihr Absatz verhakt sich an der Kante, sie taumelt und prallt auf den Asphalt. Für die 61-Jährige ist jeder Spaziergang in Berlin ein Hindernislauf. Denn Marion Sturm ist auf einem Auge blind. Schuld ist ein Arztfehler.

Mehr als 12.500 Patienten haben im vergangenen Jahr vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ein Gutachten eingefordert, weil sie vermuten, falsch behandelt worden zu sein . Bei den Ärztekammern meldeten sich 7.500 Menschen . Tatsächlich wurden rund ein Drittel der Vermutungen bestätigt. Da bei Weitem nicht alle Fälle gemeldet werden, schätzen Experten, dass die wahre Zahl der Fehler um den Faktor zwanzig höher liegt.

Die meisten Vorwürfe gibt es in der Orthopädie und in der Chirurgie , da nach einer Operation Fehler schneller auffallen. Auch Marion Sturm leidet unter einer verpfuschten OP: Vor neun Jahren ist in ihrem Kopf ein Tumor entdeckt worden, so groß wie eine Zigarettenschachtel. Sofort operieren, rät ihr der Arzt damals. Doch nach der Operation kommt der Schock: Ihr rechtes Auge ist zerstört, der Arzt hat fast alle wichtigen Nervenbahnen durchtrennt. Sie riecht nichts, hört nichts, ihre rechte Gesichtshälfte ist so gut wie gelähmt. "Ich hab nur noch geweint", sagt sie.

Seitdem kann Sturm nicht mehr arbeiten. Sie gravierte Logos und Namen auf Schilder, am liebsten bunte Schriftzüge. Eine Detailarbeit, die mit einem Auge unmöglich ist. Schon fast zehn Jahre kämpft sie um Schadensersatz – bislang vergeblich. Die Rechtslage für Betroffene ist schwach, das Verfahren kompliziert. Ein neues Patientenrechtegesetz soll dies ab nächstem Jahr ändern. Ein Entwurf dazu wird derzeit im Bundestag diskutiert. Das Gesetz soll es Patienten erleichtern, ihre Rechte einzuklagen.

Fehler-Gutachten müssen vor Gericht nicht anerkannt werden

Noch sind die Hürden hoch, um für einen Ärztefehler entschädigt zu werden. Zuerst müssen die Betroffenen den Fehler bestätigen lassen. Ein entsprechendes Gutachten können sie vom Medizinischen Dienst, den Ärztekammern oder einem anderen Arzt einholen. Wird der Behandlungsfehler tatsächlich bestätigt, reicht das aber nicht aus. In einem zweiten Schritt muss nachgewiesen werden, dass die Probleme des Patienten eindeutig auf den Fehler und nicht auf andere Ursachen zurückzuführen sind.

Marion Sturm hat all dies hinter sich. Ihr medizinisches Gutachten bestätigt, dass sie durch einen Fehler während ihrer Tumor-OP heute behindert ist. Dieses Gutachten muss aber noch vor Gericht anerkannt werden. Sie nahm sich einen Rechtsanwalt, von Freunden empfohlen, aber unerfahren in Medizinrecht. Er versäumte es, beim Prozess das sogenannte Umkehrrecht zu beantragen, wie es in schweren Fällen üblich ist. Damit hätte nicht mehr Sturm die Schuld des Arztes beweisen müssen, sondern der Arzt seine Unschuld. Durch die Unwissenheit ihres Anwalts verlor Sturm den Prozess, und das obwohl ihr medizinisches Gutachten den Fehler bestätigte. "Ich wusste von diesen Dingen doch damals nichts", sagt sie. "Für mich war ein Rechtsanwalt eben ein Rechtsanwalt."

Die Rentnerin ist nicht die Einzige, die mit dem bürokratischen Aufwand und den juristischen Feinheiten überfordert ist. Sechs von zehn Patienten kennen ihre Rechte gar nicht oder nur ungenügend. Das offenbarte eine Studie der Bundesregierung Anfang des Jahres. Das neue Patientenrechtegesetz soll genau dieses Problem nun lösen. Geplant ist, die Patientenrechte zu bündeln und im Bürgerlichen Gesetzbuch festzuschreiben. Der Entwurf sieht außerdem vor, das Umkehrrecht verbindlich zu machen – zumindest bei groben Fehlern. Bei offensichtlichen Fällen muss dann der Arzt seine Unschuld beweisen. Außerdem werden Krankenkassen verpflichtet, ihren Versicherten bei Schadensersatzklagen zu helfen. Etwa bei der Wahl des Rechtsanwaltes.