Wer heute die Diagnose HIV-positiv erhält, der kann noch Zukunftspläne schmieden. Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten hätte eine anschließende Aids-Erkrankung vermutlich den Tod bedeutet. Seit den 1990er Jahren gibt es antiretrovirale Wirkstoffe, die den Erreger des Immunschwäche-Leidens von der Vermehrung abhalten. Diese Medikamente versprechen zwar keine Heilung. Doch sie können das Virus in Schach halten und den Infizierten auf diese Weise viele Jahre Lebenszeit schenken. Der Nachteil: Die Infizierten müssen bis an ihr Lebensende täglich Tabletten nehmen, die auf Dauer die inneren Organe schädigen und psychische Beschwerden auslösen können.

Wirkstoffe mit weniger Nebenwirkungen gibt es bislang nicht. Michel Nussenzweig von der Rockefeller University in New York und seine Mitarbeiter haben den Aids-Erreger nun ganz ohne Medikamente in den Griff bekommen. Eine Kombination aus fünf verschiedenen Klassen menschlicher Antikörper könnte das Virus über Monate hinweg hemmen, berichten die Forscher im Magazin Nature .

Antikörper sind vom Körper produzierte Abwehrmoleküle, die Eindringlinge erkennen und abwehren können. Die meisten HIV-positiven Menschen produzieren Antikörper, die nur eine Variante des Virus attackieren können. Da der Erreger seine Erscheinung aber ständig verändert, sind sie nutzlos. Nur wenige Menschen sind in der Lage, Antikörper zu bilden, die mehrere Formen des HI-Virus abwehren können.

Eine Kombination aus fünf dieser hoch potenten Antikörper spritzten die Forscher HIV-infizierten Mäusen – mit Erfolg: "Die Viruskonzentration im Blut der Mäuse sank auf ein so niedriges Level ab, dass wir sie gar nicht mehr messen konnten", sagt Nussenzweig.

Versuchsmäuse lebten zwei Monate ohne HI-Viren

Der Schutz durch die Antikörper hielt in den Versuchsmäusen etwa zwei Monate an, danach mussten die Wissenschaftler eine neue Dosis nachspritzen. "Antikörper halten sich im Blut viel länger als antiretrovirale Medikamente", sagt Nussenzweig. Das sei ihr großer Vorteil. Er vermutet, dass die Antikörper in Menschenblut sogar noch länger überleben könnten als in den Mäusen. "Da sie aus Menschen stammen, haben sie in humanem Blut ihre höchste Lebensdauer", sagt er. Es sei also denkbar, dass HIV-Patienten nur noch halbjährlich eine Spritze bekommen müssten, statt täglich Tabletten zu schlucken. Zudem hätten die Antikörper keinerlei Nebenwirkungen, weil sie ein natürliches Produkt des menschlichen Körpers seien.

Huldrych Günthard von der Abteilung für Infektiologie des Universitätsspitals Zürich sieht die Ergebnisse des amerikanischen Forscherteams weniger euphorisch: "Nur weil die Antikörper in Mäusen zu guten Resultaten geführt haben, heißt das nicht, dass sie auch bei Menschen wirken", sagt er. Menschen hätten eine deutlich höhere Viruskonzentration im Blut als Mäuse. Es sei fraglich, ob die Antikörper bei einer größeren Menge von Viren einen ebenso starken Effekt hätten. "Bei Menschen müsste man möglicherweise häufiger nachspritzen", sagt Günthard. Zudem seien die Mäuse nur mit einem einzigen Virusstamm infiziert gewesen, wohingegen HIV-positive Menschen meist mit vielen verschiedenen Virusstämmen zu kämpfen hätten.