ZEIT ONLINE:  Normalerweise harmlose Serratia-Bakterien haben bei einem Frühgeborenen in Berlin eine tödliche Infektion verursacht. Sieben weitere Babys sind erkrankt. Im Jahr 2011 waren in Bremen Frühchen an multiresistenten Keimen gestorben. Warum passiert so etwas immer wieder?

Egbert Herting : Frühgeborene sind extrem empfindlich. Sie haben wortwörtlich eine dünne Haut und auch noch kein ausgeprägtes Abwehrsystem. Erst nach der Geburt werden sie mit Bakterien besiedelt, vor allem auf der Haut und im Darm.

ZEIT ONLINE: Gilt das nicht für alle Neugeborenen?

Herting: Ja, diesen Prozess durchläuft jedes Baby. Im Bauch ist es durch das Immunsystem der Mutter geschützt. Im Geburtskanal kommt das Baby dann zum ersten Mal in Kontakt mit Keimen. Und dann natürlich nach der Geburt über die Umwelt. Denn Keime schweben überall in der Luft und haften an Oberflächen. In den ersten Lebensmonaten bildet sich die Immunabwehr aus. Dazu ist der Kontakt zu den Keimen sogar wichtig – eine sterile Umgebung wäre ungesund.

ZEIT ONLINE: Gesunde Säuglinge überstehen Infekte auch in dieser Zeit recht gut. Warum ist das bei Frühchen anders?

Herting: Sie wachsen nach der Geburt zunächst nicht im häuslichen Umfeld auf. Im Krankenhaus kommen sie automatisch mit ganz anderen Keimen in Kontakt.

ZEIT ONLINE: Und die sind gefährlicher? Unter den 20 Kindern auf einer Frühgeborenen-Station der Charité , die mit Serratien besiedelt waren, sind bislang nur sieben erkrankt.

Herting: Nur, weil ein Baby mit ungewöhnlichen Keimen besiedelt ist, muss es noch nicht krank werden. Auch viele Erwachsene haben Serratien oder andere Bakterien, wie Klebsiellen , im Darm, ohne dass es jemals zu Problemen käme. Allerdings entwickelt sich das Immunsystem von Frühchen in der ersten Zeit meist langsamer als das von gesunden, ausgereiften Neugeboren.

ZEIT ONLINE: Warum?

Herting: Ein Grund könnte sein, dass viele von ihnen per Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden, also in einer sehr keimarmen Umgebung. Welche Auswirkungen das auf ihr Immunsystem hat, ist zwar noch nicht genau erforscht, es gibt aber Anzeichen dafür, dass Kinder generell nach Kaiserschnittentbindung ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Asthma haben. Das gilt übrigens vor allem für die Kinder, die keine Frühchen sind.

ZEIT ONLINE: Heute weiß man, dass die Nähe zur Mutter für Neugeborene entwicklungspsychologisch ausgesprochen wichtig ist. Auch deshalb dürfen Eltern auf Frühchenstationen oft zu ihren Babys und bei der Versorgung helfen. Birgt das ein zusätzliches Hygiene-Problem?

Natürliche Bakterien der Eltern sind wahrscheinlich besser als die Krankenhausflora
Egbert Herting, Neugeborenen-Mediziner

 
Herting: Dazu gibt es keine Studien. Aber wir wissen, dass die Eltern nach guter Anleitung die Hygienestandards strikt befolgen. Sie desinfizieren zum Beispiel ihre Hände sehr gründlich. Natürlich sind Eltern nicht keimfrei, aber die Kinder müssen sich für eine gesunde Entwicklung mit Umgebungskeimen besiedeln. Da sind natürliche Bakterien der Eltern meiner Einschätzung nach wahrscheinlich besser als die Krankenhausflora. Eltern oder ältere Geschwister, die Infektionen haben, müssen einen Mundschutz tragen oder – je nach Erkrankung – auf den Kontakt zum Baby verzichten.