Bald wieder suchen sich Grippeviren in den kalten und feuchten Wintertagen ihre Opfer. Millionen Deutsche wappnen sich jedes Jahr gegen die Erreger mit einer Impfung. Nun wird es tatsächlich eng: Der Pharmakonzern Novartis , einer der größten Hersteller von Influenza-Vakzinen, konnte seine Bestellungen in drei Bundesländern nicht rechtzeitig ausliefern – insgesamt mehr als eine Million Dosen. Nun muss der Konzern auch noch insgesamt fünf Chargen seiner Seren Begripal und Fluad zurückrufen – die gleichen Impfstoffe waren im Produktionsland Italien negativ aufgefallen : Ihr Inhalt bildete Flocken. Nun fehlen in Hamburg , Schleswig-Holstein und Bayern die Ampullen.

Schuld daran ist aber weniger Novartis als die zuständigen Krankenkassen: 14 weitere Vakzinen anderer Hersteller sind in dieser Grippesaison in Deutschland zugelassen – vor der Rückrufaktion waren 14,2 Millionen Dosen freigegeben. Die Auswahl ist also groß. Allerdings diktieren Verträge den Hausärzten und Impfstellen, welches Serum sie verabreichen dürfen. Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern haben in diesem Jahr ihre Seren exklusiv bei Novartis geordert. Um zu sparen, wird der Arzneikauf der Bundesländer wie auf einer Auktion verhökert: Wer den besten Preis bietet, bekommt meist den Zuschlag.

Mediziner werden dazu gedrängt, nur die eingekaufte Vakzine zu verwenden, ansonsten übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht. Die AOK Bayern freute sich in diesem Jahr besonders über den abgeschlossen Rabattvertrag mit Novartis. Gegen den hatten Konkurrenzhersteller erfolglos geklagt. Mit Novartis hätten die Kassen nun "einen leistungsstarken und hochqualifizierten Partner (...) gewinnen können", meldete die AOK Ende Juni . Man erwarte "Einsparungen in einstelliger Millionenhöhe".

Nun ist das Desaster da, und anstatt zu sparen, werden die Kassen wohl draufzahlen. Teuer wird es ohnehin, denn im Schnitt kostet in Europa eine Ampulle Impfstoff etwa sechs Euro. Das hätte nicht sein dürfen. Impfstoffe herzustellen ist schwierig und riskant. Alljährlich wiederholt sich in den Produktionshallen der Impfstoffhersteller der Wettlauf gegen die Zeit. Grippeviren müssen zunächst vermehrt werden, meist in Hühnereiern oder speziellen Zellkulturen – anschließend werden sie mit weiteren Stoffen zu Seren verarbeitet. Lieferverzögerungen sind nicht selten, denn manche Virenstämme wachsen schlechter als andere.

Die Krux im Vakzinenmarkt: In jeder Grippesaison ändert sich der Inhalt der millionenfach befüllten Ampullen. Denn Influenzaviren sind gewieft: Rasant verändern sie sich und können so die menschliche Körperabwehr stets neu überlisten. Jedes Jahr empfiehlt die Weltgesundheitsbehörde daher andere Antigene im Kampf gegen die mutierenden Erreger.

Fällt Impfstoff flach, gibt es so rasch keinen Nachschub

Exklusivverträge über einzelne Impfstoffe widersprechen einer effizienten und wirtschaftlichen Grippevorsorge, die die Kassen gerne propagieren. Die Herstellung von Vakzinen ist kostspielig, zu viel will kein Konzern produzieren – wer soll für die Lagerung zahlen, wer für die Vernichtung überschüssiger Dosen? Die Margen sind genau berechnet. Und fällt der Impfstoff flach, gibt es so rasch keinen Nachschub: Gewöhnlich dauert es zwischen vier und sechs Monate, bis eine Vakzine in georderter Menge hergestellt ist. Für die Grippe-Saison 2012/2013 kommt eine Nachbestellung damit zu spät. Denn geimpft werden sollte in der Regel vor Beginn der Saison, die in den kommenden Wochen anlaufen wird.

Deshalb ist es dieses Jahr ein schwacher Trost, dass Ärzte nun in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern auch zu den 14 anderen Seren gegen die Grippe greifen können. Da die Länder meist etwas mehr Impfstoff ordern, als tatsächlich verabreicht wird, geht nun ein unnötiges Geschacher um überschüssige Impfdosen aus benachbarten Bundesländern los. In Hamburg und Schleswig-Holstein fehlen zusammen rund 300.000 Ampullen, berichtet das Hamburger Abendblatt , Bayern musste 800.000 Dosen neu beschaffen, heißt es in der Süddeutschen Zeitung .

Krankenkassen und Politik müssen die ausufernde und gefährliche Preistreiberei beenden, mit denen Arzneien wie Impfstoffe eingekauft werden. Wer seine Impfstoffbestellungen auf zwei oder drei Hersteller verteilt, handelt eher im Sinne der Millionen von Menschen, die sich jedes Jahr vor einer Infektion schützen wollen. Fällt ein Hersteller aus, kann dies leichter aufgefangen werden. Engpässe verschärfen sich nicht so rasch wie zurzeit. Vor allem Ältere, chronisch erkrankte Menschen sowie Schwangere, Kinder und medizinische Fachkräfte profitieren davon. Eine Influenza verläuft nicht immer glimpflich – die Vorsorge hat deshalb nichts unter dem Auktionshammer von Krankenkassen zu suchen.