Gesundheitsexperten, Politiker und Ärzte streiten. Kurz vor Beginn der diesjährigen Grippesaison fehlt offenbar ausreichend Impfstoff . Schuld könnten Fehler in den Gesundheitssystemen der Länder sein. Denn eigentlich sollte es genug Vakzine geben, 16 Influenza-Impfstoffe sind offiziell in dieser Saison zugelassen.

Betroffen sind Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg . Als erste meldeten sich diese Woche Bayerns Hausärzte. Trotz Zusagen der Krankenkassen sei mitten in der Impfsaison noch kaum Vakzine angekommen. "Ich kann nicht mal alle chronisch Kranken impfen", sagte der Chef des Hausärzteverbandes Bayern, Dieter Geis. Die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, Monika Schliffke, sagt: "Es ist noch keineswegs sicher, dass unsere Ärzte genügend Menge für alle impfwilligen Versicherten erhalten." Nur wenig scheine sich die Lage derzeit zu entspannen.

Warum der Engpass? Die Kassen können per Ausschreibung den günstigsten Anbieter für Grippe-Impfstoffe aussuchen. In den betroffenen Regionen kam der Pharmakonzern Novartis zum Zug. Doch Anfang Oktober teilte die Firma mit, den Impfstoff Begripal vorerst nicht liefern zu können. "Generell ist die Herstellung von Grippeimpfstoffen im Gegensatz zu vielen anderen Medikamenten ein komplexer biologischer Prozess, der jährlichen Schwankungen unterliegt", sagt der Sprecher der Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH, Volker Husslein. Beim Bundesgesundheitsministerium heißt es: "Die Krankenkassen haben den Auftrag, die Durchführung von Schutzimpfungen sicherzustellen."

Keine Probleme scheinen Krankenkassen zu haben in Bundesländern, die ganz ohne Ausschreibungen Impfstoffe einkaufen oder Verträge mit anderen Herstellern haben. Aus Kassenkreisen kommt der Vorwurf an Novartis, Lieferausfälle zu lange verschwiegen zu haben.

Koalition will Ausschreibungspraxis überdenken

In der Koalition werden jetzt Forderungen laut, die Praxis zu überdenken. "Bei Impfstoffen müssen wir das Instrument der Ausschreibungen überprüfen", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion , Jens Spahn ( CDU ).

Der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Peter Wutzler, warnte zudem vor einer schlechteren Versorgung der Patienten durch Exklusivverträge der Kassen mit Herstellern. Die Mediziner müssten die Freiheit haben, die jeweils effektivsten Impfstoffe einzusetzen, statt auf bestimmte Mittel festgelegt zu werden. "Die Ärzte müssen sich bei der Wahl der Impfstoffe nach der Wirksamkeit richten und sich an der jeweiligen Zielgruppe orientieren können", sagte Wutzler.

Mittlerweile stellten es die Kassen den Ärzten in Bayern und Norddeutschland bereits frei, nun auch andere Impfstoffe zu verwenden. Doch auch da gibt es Probleme. Wie es von der AOK heißt, hat die Novartis-Konkurrenz keine weiteren Impfstoffvorräte aufgebaut. Etwa rund zwei Wochen dauert es, bis nach einer Impfung der Schutz einsetzt. Wie schwer die diesjährige Grippesaison ausfällt, ist nicht vorherzusehen. Vor allem chronisch Erkrankte und Senioren sollten daher rechtzeitig vorher geimpft werden. Optimal ist dafür die Zeit von September bis November, da die ersten Grippefälle meist im Dezember auftreten.