InfluenzaÄrzte befürchten Impfstoff-Engpass vor Grippesaison

In Bayern und Norddeutschland gibt es nicht genügend Grippe-Vakzine. Nur eine Pharmafirma beliefert dort die Ärzte. Nun kommt sie mit der Produktion nicht hinterher. von dpa

Der Impfstoff in Bayern und Norddeutschland wird knapp.

Der Impfstoff in Bayern und Norddeutschland wird knapp.  |  © Florian Schuh/ddp

Gesundheitsexperten, Politiker und Ärzte streiten. Kurz vor Beginn der diesjährigen Grippesaison fehlt offenbar ausreichend Impfstoff . Schuld könnten Fehler in den Gesundheitssystemen der Länder sein. Denn eigentlich sollte es genug Vakzine geben, 16 Influenza-Impfstoffe sind offiziell in dieser Saison zugelassen.

Betroffen sind Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg . Als erste meldeten sich diese Woche Bayerns Hausärzte. Trotz Zusagen der Krankenkassen sei mitten in der Impfsaison noch kaum Vakzine angekommen. "Ich kann nicht mal alle chronisch Kranken impfen", sagte der Chef des Hausärzteverbandes Bayern, Dieter Geis. Die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, Monika Schliffke, sagt: "Es ist noch keineswegs sicher, dass unsere Ärzte genügend Menge für alle impfwilligen Versicherten erhalten." Nur wenig scheine sich die Lage derzeit zu entspannen.

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Warum der Engpass? Die Kassen können per Ausschreibung den günstigsten Anbieter für Grippe-Impfstoffe aussuchen. In den betroffenen Regionen kam der Pharmakonzern Novartis zum Zug. Doch Anfang Oktober teilte die Firma mit, den Impfstoff Begripal vorerst nicht liefern zu können. "Generell ist die Herstellung von Grippeimpfstoffen im Gegensatz zu vielen anderen Medikamenten ein komplexer biologischer Prozess, der jährlichen Schwankungen unterliegt", sagt der Sprecher der Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH, Volker Husslein. Beim Bundesgesundheitsministerium heißt es: "Die Krankenkassen haben den Auftrag, die Durchführung von Schutzimpfungen sicherzustellen."

Keine Probleme scheinen Krankenkassen zu haben in Bundesländern, die ganz ohne Ausschreibungen Impfstoffe einkaufen oder Verträge mit anderen Herstellern haben. Aus Kassenkreisen kommt der Vorwurf an Novartis, Lieferausfälle zu lange verschwiegen zu haben.

Koalition will Ausschreibungspraxis überdenken

In der Koalition werden jetzt Forderungen laut, die Praxis zu überdenken. "Bei Impfstoffen müssen wir das Instrument der Ausschreibungen überprüfen", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion , Jens Spahn ( CDU ).

Grippe: Die Symptome

Die durch das Influenza-Virus ausgelöste Grippe beginnt meist plötzlich mit Fieber, trockenem Reizhusten, Muskel- und/oder Kopfschmerzen. Weitere Symptome können allgemeine Schwäche, Schweißausbrüche, aber auch Übelkeit/Erbrechen und Durchfall sein. Die Krankheitsdauer liegt in der Regel bei fünf bis sieben Tagen.

Bei Weitem nicht alle Influenza-Infizierten erkranken so typisch. In den vergangenen drei Jahrzehnten starben im Schnitt geschätzt zwischen 8.000 und 11.000 Menschen pro Jahr in Deutschland an einer Influenza. Dabei können die Todesfälle von Jahr zu Jahr dramatisch schwanken. Dies hängt mit den unterschiedlichen Erregertypen zusammen. (Quelle: Robert Koch-Institut)

Ansteckung

Eine Ansteckung erfolgt überwiegend durch Tröpfchen, wie sie insbesondere beim Husten oder Niesen entstehen. Sie gelangen über eine geringe Distanz auf die Schleimhäute der Atemwege von gesunden Menschen. Darüber hinaus ist eine Übertragung auch über Hände und Oberflächen möglich, die durch virushaltige Sekrete verunreinigt sind.

Impfung für Risikogruppen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) empfiehlt die Influenzaimpfung für alle Personen ab 60 Jahre, alle Schwangeren,  Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung (z.B. Personen mit chronischen Krankheiten der Atmungsorgane, Herz- oder Kreislaufkrankheiten, Leber- oder Nierenkrankheiten, Diabetes oder andere Stoffwechselkrankheiten, Multiple Sklerose, angeborene oder erworbene Immundefizienz) sowie für Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen.

Außerdem sollten Personen mit erhöhter Gefährdung (z.B. medizinisches Personal) und Personen geimpft werden, die von ihnen betreute Risikopersonen infizieren könnten. Ebenso geimpft werden sollten Personen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln (die Impfung schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, aber es werden damit problematische Doppelinfektionen vermieden).

Der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Peter Wutzler, warnte zudem vor einer schlechteren Versorgung der Patienten durch Exklusivverträge der Kassen mit Herstellern. Die Mediziner müssten die Freiheit haben, die jeweils effektivsten Impfstoffe einzusetzen, statt auf bestimmte Mittel festgelegt zu werden. "Die Ärzte müssen sich bei der Wahl der Impfstoffe nach der Wirksamkeit richten und sich an der jeweiligen Zielgruppe orientieren können", sagte Wutzler.

Mittlerweile stellten es die Kassen den Ärzten in Bayern und Norddeutschland bereits frei, nun auch andere Impfstoffe zu verwenden. Doch auch da gibt es Probleme. Wie es von der AOK heißt, hat die Novartis-Konkurrenz keine weiteren Impfstoffvorräte aufgebaut. Etwa rund zwei Wochen dauert es, bis nach einer Impfung der Schutz einsetzt. Wie schwer die diesjährige Grippesaison ausfällt, ist nicht vorherzusehen. Vor allem chronisch Erkrankte und Senioren sollten daher rechtzeitig vorher geimpft werden. Optimal ist dafür die Zeit von September bis November, da die ersten Grippefälle meist im Dezember auftreten.

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Leserkommentare
  1. ... das ist die Frage!

    Nach jahrelangem Impfen lasse ich mich seit 5 Jahren nicht mehr impfen. Einmal im Jahr habe ich die Grippe mit und ohne, die übrigens mit Arzt 7 Tage dauert, ohne Arzt eine Woche.

    Imfpen oder nicht impfen ...?

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    ein einträgliches geschäft sind grippe-impfungen schon seit jahren ... jeder der nicht zu einer risikogruppe gehört (also kranke oder alte) sollte diesen unsinn lassen und seinen abwehrkräften vertrauen ... und wenn gar nichts anderes hilft, gibts immer noch antibiotika.

    Das hört sich jetzt aber mehr nach einem grippalen Infekt an, der aber gottlob nichts mit einer schwerwiegenden und auch teilweise tödlich verlaufenden Krankheit wie der influenza zu tun.
    Für mich gilt daher: Impfen! Auch zum Schutz der Mitmenschen..

    ... simpler Schnupfen, eine Erkältung, aber eben KEINE Grippe. Es wird zwar gerne inflationär von einer Erkältung als "Grippe" gesprochen, aber darum wird es nicht wahrer.

    Schade, wenn Ihr Arzt es nicht geschafft hat in fünf Jahren des Impfen Ihnen den Unterschiede zwischen einem Gripialen Infekt oder einfacher ausgedrückt eine Erkältung und einer Grippe zu erläutern. Erkältungen habe ich leider öfters, eine Grippe hatte ich bisher gott sei dank nur einmal. Da ist es dann auch nicht mit einer Woche getan.

    • Gerry10
    • 19. Oktober 2012 15:00 Uhr

    ...das Produkt knapp halten und so das Marketing umsonst bekommen...
    Ein Schelm wer böses...

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    "Da hat man wohl was von Apple gelernt...das Produkt knapp halten und so das Marketing umsonst bekommen..."

    Wenn ein Pharmaunternehmen ein Medikament, einen Impfstoff etc. absichtlich knapp hält, löst das unweigerlich unvorteilhafte Publicity aus. Nach der Berichterstattung dieses Artikels ist nicht ersichtlich, welchen Vorteil Novartis davon haben sollte, den Impfstoff absichtlich knapp zu halten.

    Generell: Ein Medikament, einen Impfstoff kann man doch nicht mit IT-Geräten vergleichen und ein Pharmaunternehmen nicht mit einem IT-Unternehmen.

    Grippeviren verändern sich ständig. Jeder saisonale Grippeimpfoff ist ein individuelles / virusspezifisches Produkt.

    Einen Impfstoff z.B. gegen die im Herbst 2012 umgehenden Grippeviren absichtlich knapp zu halten, ergibt für ein Pharmaunternehmen keinerlei Sinn, weil nach Abflauen der Herbst-2012-Grippe kein Bedarf mehr an dem Impfstoff besteht. Der Herbst-2012-Grippe-Impfstoff eignet sich nicht gegen die andersgearteten Grippeviren der nächsten Welle.

    Darüber hinaus ist Novartis als Gewinner der Ausschreibung der Krankenkassen dreier Bundesländern ggü. eine Preisbindung eingegangen.
    Eine künstliche Produktverknappung hat für Novartis also weder eine Preis- /Gewinnerhöhung noch vorteilhafte Publicity zur Folge.

    "Willst Du gelten, mach Dich selten" trifft in dieser Sache sicherlich nicht zu.

  2. Zeitungen schalten kostelos Annoncen für pharma riesen. das wär mal eine schlagzeile.

  3. aus der Schweinegrippe Zeit, oder ;-)

    Scherz bei Seite.
    Aber irgendwie werden ich den Eindruck nicht los, dass hier wieder etwas, damit bestimmte Kreise sich bereichern, gelogen wird.

    Eindruck ist nicht unbegründet, wenn ich bedenke, wieviel in der Vergangenheit, mittels völlig falscher Medieninformation, die Bürger belogen wurden.

    Die Gewinner dabei waren jedesmal die Pharma Konzerne.

    Der Ruf ist schon lange im Eimer, der Pharma Industrie und seinen Verlängerungen, wie Politiker und Medien.

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    • ad hoc
    • 19. Oktober 2012 16:44 Uhr

    Zitat:
    "Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Niedersachsen, das vergangenes Jahr den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz hatte, waren von den Ländern 34 Millionen Impfstoff-Dosen erworben worden.

    Doch davon seien fast 29 Millionen Dosen übrig geblieben. Die Länder blieben auf Kosten von 239 Millionen Euro sitzen, weil die Krankenkassen nur für Dosen zahlten, die auch genutzt wurden."

    aus dem Spiegel von letztem Jahr: http://www.spiegel.de/wis...

    Das muss man sich mal vorstellen , von 34 Millionen Impfdosen mussten 29 Millionen entsorgt werden ....

  4. würde ganz einfach reagieren und ab sofort bei Novartis nichts mehr einkaufen, da sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen (können?). Wetten, daß dann im nächsten Jahr mehr als genug Impfstoff zur Verfügung stünde?
    Ich frage mich außerdem, warum gerade Novartis in diesen Bundesländern sozusagen eine Monopolstellung hat. Hat da die Pharmaindustrie gekungelt? Würde mich nicht wirklich überraschen.

  5. "Schnell hin, bevor alles weg ist"
    Ist inzwischen schon eine etwas veraltete Marketingstrategie. Zieht sie etwa immer noch?

    Nur hätte ich erwartet, dass die ZEIT bei dem Humbug nicht mitmischt...

    • jagu
    • 19. Oktober 2012 15:32 Uhr

    Na da wollen wir mal sehen, ob in den versorgten Bundesländern weniger Grippefälle auftreten.

    Hab mich und meine Familie viele Jahre impfen lassen und hatten in den geimpften Jahren mehr Erkrankungen zu verzeichnen als jetzt, wo wir uns nicht mehr impfen lassen.

    Ich komme nicht umhin, die ganze Impferei als den größten Bluff der Gesundheitsindustrie in den letzten 50 Jahren zu werten.

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    und stehe den Grippeimpfungen auch teilweise skeptisch gegenüber, aber ganz abwerten möchte ich sie auch nicht - besonders ältere Menschen sollten sich auf jeden Fall impfen lassen; eine wirkliche Grippe (nicht zu vergleichen mit einem grippalen Infekt, den wir alle kennen) ist eine sehr schwere Erkrankung und wer sie einmal durchgemacht hat, ist durchaus nicht immun gegen die Grippewelle, die im Jahr darauf folgt. Die Erreger verändern sich.
    Bekanntlich sind nach dem 1. Weltkrieg 25 Mill. Menschen an der spanischen Grippe gestorben (sicherlich z.T. mitbedingt durch die Nachkriegssituation mit Fehl- oder Mangelernährung); sooooooo harmlos sind also Grippeerkrankungen nicht. Und gerade ältere Menschen, z.B. in Seniorenheimen, die evtl. körperlich vorbelastet sind, können sehr schnell an einer Grippe sterben, die ein junger gesunder Erwachsener 'einfach wegsteckt'.

  6. ...das ist ja schön zu lesen, wie hier die meisten persönlichen Erfahrungen auch in Richtung Unwirksamkeit der Impfung gehen. Entsprechend hält sich die Begeisterung in der Bevölkerung allgemein ja wohl auch in Grenzen.

    Hier im südeutschen Raum schaltet die Bundeszentrale für gesundheitliche Propaganda gerade auf Steuerzahlerkosten riesige Plakatwerbung für's Impfen...

    Kann man der gut vernetzten Pharmalobby nur gratulieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte CDU | AOK | Bundesgesundheitsministerium | Novartis | Unionsfraktion | Arzt
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