Kranke FrühchenAn der Charité sollten Ursachen statt Schuldige gesucht werden

Schnell wird Ärzten Schlamperei bei Hygienemaßnahmen vorgeworfen, wenn Menschen an Keimen in Kliniken sterben. Das reicht nicht, um etwas zu verändern, meint H. Wewetzer. von Hartmut Wewetzer

Lange galt Serratia marcescens als harmloser Zeitgenosse. Ein Keim, der überall vorkommt, im Erdreich wie auf Pflanzen, Tieren – und Menschen. Mittlerweile weiß man allerdings, dass er für Schwerkranke zur tödlichen Gefahr werden kann. Immerhin ein bis zwei Prozent aller Krankenhausinfektionen gehen auf Serratia zurück, und immer wieder kommt es zu Ausbrüchen in Kliniken. In Berlin ist nun ein Säugling nach einer Herzoperation möglicherweise an einer Infektion mit dem Mikroorganismus gestorben . Insgesamt ist der Keim bisher bei rund zwei Dutzend Kindern auf Frühgeborenenstationen der Charité nachgewiesen worden, seine Quelle noch nicht entdeckt.

Hätte die Infektionswelle vermieden werden können? Man kann sich die Antwort leicht machen und sagen: Ja, natürlich. Jede Ansteckung durch einen Keim im Krankenhaus ist eine Folge unzureichender Hygiene, also von Schlamperei. In einer Klinik, in der perfekte Sauberkeit herrscht, dürfte es auch keine Krankenhausinfektionen geben.

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Aber so eine Klinik gibt es nicht. Auch dort, wo ein hoher Hygienestandard herrscht, kommen Ansteckungen vor . Jedes Jahr stecken sich in Deutschland etwa eine halbe Million Menschen im Krankenhaus mit einem Erreger an, 10.000 bis 15.000 sterben an der Infektion. Zumindest ein Drittel der Todesfälle wäre jedoch nach Expertenmeinung vermeidbar, etwa durch mehr Sorgfalt bei der Hygiene.

Meist trifft es Menschen, deren Abwehrsystem geschwächt oder noch nicht richtig entwickelt ist, wie bei den Frühchen auf den Neugeborenenstationen der Charité. Bei vielen von ihnen hängt das Leben am seidenen Faden . Ein Keim, der einem Gesunden nicht das Geringste anhaben kann, wird für sie zur tödlichen Gefahr. Umso größer ist die Verantwortung des Personals, sich diese unsichtbare Gefahr stets zu vergegenwärtigen, trotz aller Routine nicht leichtfertig zu werden.

Serratia-Keime mögen es feucht, vermehren sich häufig in Badezimmern, auf Fugen, in Toiletten und Seifenlösungen. Ein verkeimter Seifenspender könnte also die Ursache sein, auch verunreinigte Infusionslösungen haben schon Serratia-Ausbrüche ausgelöst. Am Ende kann aber auch eine unzureichende Desinfektion der Hände die Mikroben übertragen haben, also Sorglosigkeit der Auslöser sein. Die Charité muss alles daransetzen, die Ursache zu finden, und sie muss eine verunsicherte und beunruhigte Öffentlichkeit gründlich und offen über die Situation und die weitere Entwicklung informieren. Wer sich in Schweigen hüllt, erzeugt dagegen Misstrauen, weil er den Eindruck erweckt, als hätte er etwas zu verbergen – auch wenn das vielleicht gar nicht der Fall ist.

Offenbar ist die Gefahr im Augenblick halbwegs gebannt, die Keime lassen sich mit Antibiotika gut bekämpfen, die kranken Kinder sind auf dem Weg der Besserung. Doch es stellen sich noch viele Fragen, die die Klinik und die zuständigen Politiker beantworten müssen. Warum wurde so lange gewartet, ehe man auf die Infektionswelle reagierte? Was hat es zu bedeuten, wenn der Gesundheitssenator sagt, es sei der Eindruck entstanden, die Charité komme mit der Lösung des Problems allein nicht weiter? Haben am Ende Kostendruck und Personalabbau ihren Anteil an dem tödlichen Hygieneproblem? Die Antworten sind wichtig, nicht zuletzt, um sich in Zukunft besser gegen den unsichtbaren Feind zu wappnen. Auch wenn es einen perfekten Schutz niemals geben wird.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Früher, es ist noch garnicht so lange her, vielleicht 30 Jahre, hatte jedes Klinikum fest angestelltes Reinigungspersonal, das immer vor Ort war und geschult werden konnte; heute dürfte dank des Outsourcing die Fluktuation extrem hoch liegen.
    Jede Klinik, die in Privatbesitz gegangen ist, hat als erstes, um zu 'sparen', Personal entlassen. Daß darunter auch die Qualität der Arbeit leidet, dürfte eigentlich auf der Hand liegen - aber Qualität ist ja heute kein bestimmendes Merkmal mehr, es geht immer nur um die Kostenfrage. Daß diese Einstellung sich irgendwann rächen wird, war vorauszusehen und es ist absehbar, daß weitere Vorfälle dieser Art folgen werden.

    6 Leserempfehlungen
  2. Soweit ich es mitbekommen habe, ist das wichtigste, was man immer dabei haben muss ein ---> Stift.
    Um immer und überall ununterbrochen zu dokumentieren, was man gemacht hat.
    Die echte Arbeit kommt da wirklich zu kurz.
    Daran ist dann NICHT das Personal selbst schuld, soviel ist klar.
    5 Minuten Patient betreuen. 10 Minuten Bericht schreiben, damit Fehler aufgrund der kurzen Behandlungszeit nicht gerichtlich belangt werden können.
    (ich weiß ich übertreibe ein wenig)

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  3. Ich habe in jungen Jahren mal bei McDonalds gearbeitet und lernte früh hygienisch zu arbeiten und stets auf Sauberkeit zu achten. Um so erstaunter war ich dann, als ich später als einmonatige Hilfskraft auf einer Krankenhausstation merkte, dass es dort mit der Sauberkeit nicht so ernst genommen wird. Ja, ich kann heute behaupten, dass ich lieber einen heruntergefallenes Brötchen aus der McDonalds-Filiale, in der ich damals arbeitete, essen würde, als mich in dem Krankenhaus auf dieser Station behandeln zu lassen.

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    • irridae
    • 22. Oktober 2012 13:12 Uhr

    Aha. Wieder einer dieser Artikel, die zu dem Schluss kommen, dass alle ein bisschen schuld sind und sich aber am Ende alle lieb haben.
    Man kann das auch besser recherchieren und natürlich gibt es sehr viel besseren Schutz:

    http://www.sueddeutsche.d...

    Nein, es ist ein Problem DEUTSCHER Krankenhäuser!

    @Christian Dossmann: Das haben Sie offenbar gut beobachtet und beschrieben. In einem Kommentar zu einem Spiegel-Artikel zum Thema Killerkeime im Krankenhaus schrieb ein Arzt: "Da müsste ich mir ja am Tag allein 60 min. die Hände desinfizieren."

    Leben retten ja, aber doch nicht so unspektakulär. Das Leben von Patienten ist die 60 min. anscheinend nicht wert.

    • Xdenker
    • 22. Oktober 2012 12:38 Uhr

    ... und das natürlich rücksichtslos auf Kosten Anderer.

    Erstens zeichnen sich Krankenhäuser nicht gerade durch ihre Profitabilität aus, sondern eher durch Unterfinanzierung. Genau deshalb stehen sie unter Kostendruck. Wer sich darüber beklagt, sollte auch sagen, wie denn die Krankenhäuser an mehr Geld kommen sollen: Weniger Krankenhäuser, weniger Leistungen, höhere Preise und Krankenkassenbeiträge, höhere Staatsverschuldung?

    Zweitens glaube ich kaum, dass die Krankenhäuser in den Niederlanden profitabler oder besser finanziert sind als in Deutschland. Ein vergleichbares Hygieneproblem haben sie allerdings nicht. Man weiß auch in Deutschland, warum nicht.

    Antwort auf "Es würde mich nicht"
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    Vorurteile; ich kenne die Problematik aus den Schilderungen Bekannter und Verwandter. Unsere frühere Universitätsklinik ist inzwischen in Privatbesitz; als erstes wurden Stellen gestrichen und Rationalisierungsmaßnahmen eingeführt.
    Das Putzpersonal hat strenge Auflagen bekommen: so und soviel Minuten für jedes Zimmer - auch diese Kenntnis habe ich aus erster Hand. Meine Schwester ist Chirurgin im Krankenhaus und bekommt den Trend zum Outsourcing ganz direkt mit.
    Unser 'neues' Klinikum hat einen Empfangsbereich, der wie das Foyer eines teuren Hotels aussieht - alles Marmor, Glas und Stahl. Im Empfangsbereich gibt es eine Cafeteria (outgesourct) und diverse Läden (ebenfalls outgesourct). In den Zimmern dagegen hängen keine Bilder; es gibt keine Haken, wo Besucher ihre Kleidung aufhängen können. Es gibt genau 2 Besucherstühle, für jedes Bett einen.
    Es gibt auch keinerlei Kontrollen, was die Besucher betrifft oder deren Anzahl und ebensowenig Maßnahmen, um das Einschleppen von Keimen zu unterbinden. Da marschieren täglich Hunderte von Menschen hinein, es geht zu wie auf einem belebten Bahnhof - aber eine Schuhdesinfektion ist nirgendwo zu sehen.
    Das Schwesternzimmer ist nicht durchgehend besetzt - das liegt daran, daß die Schwestern und Pfleger soviel zu tun haben, daß sie sich den Luxus einer ständigen Besetzung des Schwesternzimmers nicht leisten können. Man muß, sollte man Fragen haben, ihnen hinterher laufen - mit Glück erwischt man jemand.

    • ST_T
    • 22. Oktober 2012 12:38 Uhr

    "Wir können froh sein, keine englischen Verhältnisse zu haben, aber wir sind auf dem besten Weg dahin."

    Eine Leserempfehlung
    • irridae
    • 22. Oktober 2012 13:12 Uhr

    Aha. Wieder einer dieser Artikel, die zu dem Schluss kommen, dass alle ein bisschen schuld sind und sich aber am Ende alle lieb haben.
    Man kann das auch besser recherchieren und natürlich gibt es sehr viel besseren Schutz:

    http://www.sueddeutsche.d...

    Nein, es ist ein Problem DEUTSCHER Krankenhäuser!

    @Christian Dossmann: Das haben Sie offenbar gut beobachtet und beschrieben. In einem Kommentar zu einem Spiegel-Artikel zum Thema Killerkeime im Krankenhaus schrieb ein Arzt: "Da müsste ich mir ja am Tag allein 60 min. die Hände desinfizieren."

    Leben retten ja, aber doch nicht so unspektakulär. Das Leben von Patienten ist die 60 min. anscheinend nicht wert.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wundert mich nicht"
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    "In einem Kommentar zu einem Spiegel-Artikel zum Thema Killerkeime im Krankenhaus schrieb ein Arzt: "Da müsste ich mir ja am Tag allein 60 min. die Hände desinfizieren."

    Leben retten ja, aber doch nicht so unspektakulär. Das Leben von Patienten ist die 60 min. anscheinend nicht wert."

    Das Problem ist, dass kein Arzt in einem durchschnittlichen deutschen Krankenhaus Zeit hat, 60 Minuten am Tag nichts zu tun, außer sich die Hände zu desinfizieren. Die Arbeitslast ist sowieso schon enorm, die meisten Häuser sind unterbesetzt, und wenn man sich insgesamt 60 Minuten lang die Hände desinfiziert, dann macht man in den 60 Minuten eben nichts anderes, und muss die liegen gebliebene Arbeit dann nachholen (= Überstunden machen, meist unbezahlt). Eine Lösung wäre, mehr Personal einzustellen, aber das kostet ja wieder Geld...

  4. der Kliniken ist nichts mit "externen Reinigungskräften"

    Antwort auf "Es würde mich nicht"
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    Wie aus dem Kontraste-Video, danke an Bekassine, hervorgeht, hat auch die Charite outgesourct.
    http://www.rbb-online.de/...

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  • Schlagworte Antibiotikum | Hygiene | Krankenhaus | Mikroorganismus | Personal | Personalabbau
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