Medizin-Nobelpreis Das Backrezept für Unsterblichkeit

J. Gurdon und S. Yamanaka haben entdeckt, dass sich die Lebensuhr jeder Körperzelle auf Anfang zurückstellen lässt. Eine Erkenntnis, die die Medizin revolutionieren wird.

Dank John Gurdon wird heute weltweit mit reprogrammierten Zellen geforscht. Diese Gehirnzellen, hier unter Mikroskop, entwickelten sich aus einer iPS-Zelle im Labor des Neurowissenschaftlers Su-Chun Zhang an der Uni Wisconsin-Madison.

Dank John Gurdon wird heute weltweit mit reprogrammierten Zellen geforscht. Diese Gehirnzellen, hier unter Mikroskop, entwickelten sich aus einer iPS-Zelle im Labor des Neurowissenschaftlers Su-Chun Zhang an der Uni Wisconsin-Madison.

Das Leben beginnt als Zellhäufchen und es endet, wenn die Selbstheilungskräfte des Körpers dem Alter und der Krankheit weichen. Ein Schicksal, dem jede Zelle unseres Körpers unwiderruflich unterworfen zu sein scheint. Seit jeher träumen Menschen davon, diesem Prozess ein Schnippchen zu schlagen. John B. Gurdon und Shinya Yamanaka ist genau dies gelungen: Sie haben den Lauf des Lebens nicht nur angehalten, sondern zurück auf Anfang gestellt. Ihre Erkenntnisse liefern das Zeug dazu, den ewigen Kampf des Menschen gegen Krankheit und Leid zu revolutionieren.

Als erstes drehte vor 50 Jahren der Entwicklungsbiologe John Gurdon an der Lebensuhr. Aus einer frisch befruchteten Frosch-Eizelle entfernte er den Kern. Stattdessen pflanzte er ihr den Zellkern einer ausgewachsenen Darmzelle ein, und siehe da: Aus altem Kern und neuer Hülle entwickelte sich eine Kaulquappe. Damit bewies der Brite, dass im Erbgut jeder Zelle die Grundlagen für neues Leben schlummern – ganz gleich, wie alt die Zelle auch sein mag und was aus ihr geworden ist: Haut- oder Hirnzelle, Blut oder was auch immer.

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Klonschaf Dolly gäbe es ohne die Preisträger nicht

"Diese Grunderkenntnis, einen Zellkern auf Null zurücksetzen zu können, ermöglichte schließlich auch das Schaf Dolly", sagt der Kölner Stammzellforscher Jürgen Hescheler. 1996 erblickte das Tier das Licht der Welt. Biotechnologen hatten es aus dem Kern einer Euterzelle eines erwachsenen Schafs und einer entkernten Eizelle ins Leben geholt. Genetisch war es eine Kopie des Schafs, dessen Euterzelle für den Versuch herhalten musste – ein Klon. Dafür hätte es auch einen Teil des diesjährigen Medizin-Nobelpreises geben können, sagt Hescheler.

Doch neben dem 79 Jahre alten John Gurdon wird dieses Jahr nur ein weiterer Klon-Forscher die höchste Auszeichnung erhalten. Im selben Jahr als Gurdon in seinem Labor an der englischen Oxford-Universität mit Zellkernen hantierte, kam am anderen Ende der Erde Shinya Yamanaka zur Welt. Er wuchs in der japanischen Präfektur Osaka auf und wurde Chirurg in der orthopädischen Abteilung der Osaka-Klinik. Doch schnell wechselte er in die Forschung. Besonders faszinierten ihn embryonale Stammzellen, jene Zellen kurz nach der Befruchtung einer Eizelle, die in der Lage sind, sich in jedes nur denkbare Stück Mensch zu entwickeln. Yamanaka wollte wissen, was sie so pluripotent macht.

Revolutionäre Erkenntnisse über Stammzellen

Was Yamanaka 2006 schließlich veröffentlichte, bezeichnen viele seiner Kollegen ohne Neid als "bahnbrechend". Wo einst noch ganze Kerne transferiert wurden, um die Verjüngungskur einer Zelle zu erreichen, legte Yamanaka ein Rezept vor, das die Reprogrammierung so leicht machte "wie Brezelbacken", sagt Albrecht Müller. Der Stammzellforscher ist Sprecher des Programms Pluripotency and cellular reprogramming, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nur vier Gene schleuste Yamanaka mithilfe eines Virus in den Kern einer Mäuse-Hautzelle ein. Diese Gene setzten den biochemischen Motor der Zelle in Gang und machten sie praktisch unsterblich: Ihr Leben begann neu, ihre Entwicklung wurde komplett von den Erbanlagen namens c-Myc, Klf4, Oct4 und Sox2 zurückgesetzt. Alles auf Anfang. Die induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) waren geboren. "Das hat das ganze Forschungsfeld elektrisiert", sagt Müller. "Yamanaka wurde zum Schrittmacher." Heute haben Forscher weltweit sein Rezept weiter verfeinert.

"Dass es so einfach ist, hätten wir nie gedacht", sagt Magdalena Götz vom Institut für Stammzellforschung am Helmholtzzentrum München. Ihrem Forschungsteam war es 2002 gelungen, mithilfe von zwei Erbanlagen Gliazellen – also die stützenden Nachbarn der Hirnzellen – in echte Neuronen zu verwandeln, welche die Schaltkreise im Gehirn bilden. Yamanakas Ansatz erweiterte diese direkte Reprogrammierung von Zellen um ein Vielfaches. Und sie öffnete die Tür für eine Entwicklung, die eines Tages die Medizin revolutionieren wird.

Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  2. 2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "[...]"
    • Nero11
    • 08.10.2012 um 18:34 Uhr

    würde auch gerne in diesem Bereich forschen.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. "Doch schnell wechselte er in die Forschung" - was mich sehr interessieren würde, ist, was genau das bedeutet. Ging er in die organisierte Forschung, in die Forschung der Klinik oder handelte es sich (natürlich im weiteren Sinn) um private Forschung 'zu hause'. Wenn letzteres der Fall wäre, dann wäre das eine doppelte Revolution, wie ich finde.

  4. Es ist schön, wenn mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen Krankheiten geheilt werden können. "Backrezepte für die Unsterblichkeit" sollten sie aber nicht werden.
    Denken wir nur am Jonathan Swifts Struldbrugs in Luggnagg, an die mit dem roten Fleck über dem Auge, die nicht sterben können. Irgendwann werden sie Fremde im eigenen Land, weil sie nicht einmal mehr die Sprache der an ihnen vorbeiziehenden Generationen verstehen.
    Bei seinem Abschied von Luggnagg hält Gulliver von der Unsterblichkeit nur noch herzlich wenig.

    5 Leser-Empfehlungen
  5. Wäre ich gerne, das würde mir ermöglichen von diesem Planeten zu fliehen und andere Welten zu erforschen.

    9 Leser-Empfehlungen
    • fs0
    • 08.10.2012 um 18:49 Uhr

    Hollywood in Stockholm.
    Nach dem "Gottesteilchen" (CERN) jetzt endlich die Unsterblichkeit.

    5 Leser-Empfehlungen
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    "Das Gott verdammte Teilchen", da war aber der Verleger verlegen und hat das "damn" nicht veröffentlichen wollen.

    • palmax
    • 09.10.2012 um 8:34 Uhr

    Hier wird offenbar Wissenschaft mit Science-Fiction verwechselt. Sind naturwissenschaftliche Institute so knapp bei Kasse?

    "Das Gott verdammte Teilchen", da war aber der Verleger verlegen und hat das "damn" nicht veröffentlichen wollen.

    • palmax
    • 09.10.2012 um 8:34 Uhr

    Hier wird offenbar Wissenschaft mit Science-Fiction verwechselt. Sind naturwissenschaftliche Institute so knapp bei Kasse?

  6. Die unbeirrte wissenschaftliche Suche nach Erkenntnis ist faszinierend und sie macht aus meiner Sicht einen wesentlichen Teil des Menschseins aus. In diesem Sinne gilt auch meine Bewunderung für die wissenschaftlichen Leistungen der Nobelpreisträger. Was aber wird mit einer Spezies passieren, die den Tod überwindet? Ist nicht der Tod eine Erfindung der Evolution, die dann auch irgendwie konsequent und notwendig ist? "Der Tod ist eine der besten Erfindungen des Lebens" - ein berühmtes Zitat. Ich erinnere mich an einen Film von Prof. Heinz Haber in den 60-Jahren, in dem eine fiktive Welt beschrieben wurde, in der es einer Gruppe gelungen war, den natürlichen Tod zu überwinden - die dadurch verursachten sozialen Konflikte waren erschreckend

    10 Leser-Empfehlungen
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    Sie können dann ja gerne sterben, sofern sie dies wollen...
    Nein, tatsächlich, die ethischen Implikationen sind gewaltig. Wir sollten uns heute darüber schon Gedanken machen. Die Frage, ob wir das Leben verlängern können (den Tod abschaffen können wir nicht, man denke an Unfälle), ist nicht mehr eine Frage der Machbarkeit, sondern wann es soweit sein wird.

    • fs0
    • 08.10.2012 um 20:05 Uhr

    Ich fürchte, Sie glauben das tatsächlich.
    (Öfter BILD lesen! Immunisiert gegen handwerklich schlechte Schlagzeilen!)

    • Psy03
    • 08.10.2012 um 22:57 Uhr

    geschaffen ewig zu leben.
    Wozu auch?
    Um die 200ste Meisterschaft des FCB zu erleben?

    Ich bin nicht mal 32 und finde die Menschheit an sich bereits jetzt kaum noch erträglich. Ich denke jeder Mensch der Unsterblich ist, wird ein Menschheitsfeind.
    Außerdem verliert man sicher irgendwann den Verstand, dass passiert einem Gro ja bereits in den ersten 100 Jahren. ^^

    Man muß auch sehen was "unsterblich" bedeutet. Nicht zu Altern heißt nicht, dass einen nichts umbringen kann. Daran sollte die Menschheit vielleicht als erstes Denken und in diese Richtung forschen und was tun.

    Ich denke auch das uns was besseres nach dem Leben erwartet, deshalb hat der Tod schon seinen Sinn.
    Die Menschheit würde das eh versauen und es würde so Enden wie in Filmen wie "In Time".
    Die Regierung würde es natürlich freuen, Arbeiten für immer. :P

    Die Unsterblichkeit gehört zu jenen Träumen der Menschheit, die Traum bleiben werden.

    Sie können dann ja gerne sterben, sofern sie dies wollen...
    Nein, tatsächlich, die ethischen Implikationen sind gewaltig. Wir sollten uns heute darüber schon Gedanken machen. Die Frage, ob wir das Leben verlängern können (den Tod abschaffen können wir nicht, man denke an Unfälle), ist nicht mehr eine Frage der Machbarkeit, sondern wann es soweit sein wird.

    • fs0
    • 08.10.2012 um 20:05 Uhr

    Ich fürchte, Sie glauben das tatsächlich.
    (Öfter BILD lesen! Immunisiert gegen handwerklich schlechte Schlagzeilen!)

    • Psy03
    • 08.10.2012 um 22:57 Uhr

    geschaffen ewig zu leben.
    Wozu auch?
    Um die 200ste Meisterschaft des FCB zu erleben?

    Ich bin nicht mal 32 und finde die Menschheit an sich bereits jetzt kaum noch erträglich. Ich denke jeder Mensch der Unsterblich ist, wird ein Menschheitsfeind.
    Außerdem verliert man sicher irgendwann den Verstand, dass passiert einem Gro ja bereits in den ersten 100 Jahren. ^^

    Man muß auch sehen was "unsterblich" bedeutet. Nicht zu Altern heißt nicht, dass einen nichts umbringen kann. Daran sollte die Menschheit vielleicht als erstes Denken und in diese Richtung forschen und was tun.

    Ich denke auch das uns was besseres nach dem Leben erwartet, deshalb hat der Tod schon seinen Sinn.
    Die Menschheit würde das eh versauen und es würde so Enden wie in Filmen wie "In Time".
    Die Regierung würde es natürlich freuen, Arbeiten für immer. :P

    Die Unsterblichkeit gehört zu jenen Träumen der Menschheit, die Traum bleiben werden.

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