Regenerative Medizin Forscher züchten Schilddrüse für Mäuse aus Stammzellen
Mit einem einfachen Rezept haben Wissenschaftler eine funktionierende Schilddrüse aus embryonalen Maus-Stammzellen erzeugt. Sogar die Transplantation des Organs glückte.
© Francesco Antonica/S. Costagliola Lab, IRBHM, ULB, Brussels, Belgium

Angefärbte Schilddrüsenfollikel: In ihrem Inneren speichert die Schilddrüse Vorläufersubstanzen, die an das Protein Thyroglobulin gebunden sind.
Mit einer überraschend einfachen Methode gelang es Forschern der Université Libre in Brüssel, aus embryonalen Stammzellen der Maus eine Schilddrüse zu erzeugen. Das im Labor gezüchtete Gewebe ordnete sich von selbst in einer für die Schilddrüse typischen Form an und war funktionsfähig. Das belegten Transplantationstests an Mäusen, denen zuvor die Schilddrüse entfernt worden war.
Wie das Team um Sabine Costagliola im Magazin Nature berichtet, genügen bereits zwei Botenstoffe, um Stammzellen dazu anzuregen, sich in Schilddrüsenzellen zu verwandeln: NKX2-1 und PAX8. Bei beiden handelt es sich um so genannte Transkriptionsfaktoren – Proteine, die die Genaktivität innerhalb der Zelle regeln. Die Forscher sorgten dafür, dass beide Stoffe von den Stammzellen besonders stark hergestellt wurden. Das löste die Verwandlung der Stammzellen in so genannte Thyreozyten aus, den wichtigsten Zelltyp in der Schilddrüse.
Das allein genügte jedoch noch nicht. Wie die Wissenschaftler feststellten, mussten sie den so gewonnenen Zellhaufen anschließend noch mit dem Schilddrüsenhormon Thyreotropin stimulieren. Erst diese Behandlung brachte die Zellen dazu, sich in der charakteristischen Gewebeform der Schilddrüse anzuordnen. Sie bilden dabei Follikel genannte Hohlräume, die eine Flüssigkeit mit Vorläufersubstanzen des Schilddrüsenstoffwechsels umschließen.
Nach der Transplantation in Versuchsmäuse habe das gezüchtete Gewebe seine Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt, so die Forscher. Die wesentlichen Aufgaben der Follikelzellen – die Aufnahme von Jod und die Produktion einer Anzahl von Schilddrüsenhormonen – seien bewältigt worden. Auch wuchs dem an die Niere transplantierten Gewebe eine Blutversorgung. Andere Zelltypen der Schilddrüse, wie die Calcitonin produzierenden C-Zellen, seien durch ihre Behandlung jedoch nicht entstanden, räumen die Forscher ein.
- Die Zellen
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In den ersten Tagen seiner Entwicklung ist ein Embryo noch nicht ausdifferenziert – das heißt, aus seinen Zellen können sich noch alle möglichen Organe entwickeln. Diese Tatsache will die Forschung sich zu nutze machen, und aus solchen embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe züchten. Erstmals wurden 1981 embryonale Stammzellen aus Mäusen isoliert. Im Jahr 1998 gelang es dem amerikanischen Forscher James Thomson von der Universität Wisconsin die ersten Zell-Linien aus menschlichen Embryonen zu züchten.
Doch auch Erwachsene können noch Stammzellen bilden, zum Beispiel im Knochenmark, wo daraus immer neue Blutzellen entstehen. Diese adulten Stammzellen, auf die Gegner der Forschung an embryonalen Zellen hoffen, können ebenfalls Gewebe nachbilden. Allerdings sind sie nicht so wandlungs- und vermehrungsfähig. Bei Querschnittgelähmten, die sich in den USA freiwillig einer Stammzelltherapie unterziehen wollen, hofft man, zerstörtes Nervengewebe regenerieren zu können.
- Was können sie?
Ob Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Querschnittlähmung oder Herzinfarkt – bei diesen Krankheiten stirbt Gewebe ab oder wird geschädigt, sodass die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Forscher hoffen, aus embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe zu züchten. Zudem könnte man an so hergestelltem Gewebe Medikamente testen.
- Umstrittene Forschung
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In Deutschland ist die Herstellung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verboten. Damit soll das ungeborene Leben geschützt werden. Zwar befinden sich die Embryonen bei der Zellentnahme in einem frühen Entwicklungsstadium und bestehen erst aus wenigen Zellen, doch theoretisch könnte aus ihnen ein Mensch heranwachsen, würden sie in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt.
In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, werden Embryonen für die Forschung genutzt, die bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben sind. Bis April 2008 war in Deutschland nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die aus dem Ausland stammen und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Da diese alten Zelllinien durch die häufige Vervielfältigung verunreinigt und genetisch verändert sind, wurde dieser Stichtag im April 2008 auf den 1. Mai 2007 vorverlegt.
Viele Wissenschaftler fordern eine weitere Lockerung der Gesetzgebung in Deutschland, um international konkurrenzfähig zu sein. Einige Gegner wollen ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen.
- iPS
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Das Kürzel steht für induzierte pluripotente Stammzelle. Sie entstehen, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen mit Hilfe der Biochemie auf einen sehr frühen, quasiembryonalen Zustand zurückprogrammiert. Dann entwickeln etwa Hautzellen Eigenschaften von Embryozellen: Aus ihnen kann praktisch jeder Zelltyp des Körpers entstehen.
Die iPS sind genetisch identisch mit den ursprünglichen Hautzellen. Ein entscheidender Vorteil: Daraus gezüchtetes Gewebe würde nach einer Transplantation vom Immunsystem des Zellspenders nicht abgestoßen werden. Die iPS könnten zudem in Zukunft ein ethisches Problem lösen: Um sie zu gewinnen, muss kein Embryo sterben.
Erstmals gelang die Reprogrammierung 2006 dem Team des japanischen Stammzellforschers Shinya Yamanaka mit Mauszellen. 2008 verwandelte Kevin Eggan von der Universität in Harvard menschliche Hautzellen zunächst in Stammzellen und anschließend in Nervenzellen.
Möglich wurden die iPS, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.
Veränderungen oder Funktionsausfälle von Schilddrüsenzellen zählen zu den häufigsten angeborenen Krankheiten des Hormonsystems. Betroffen ist ungefähr jedes zweitausendste Neugeborene. Dass ihre gezüchtete Schilddrüse sich vergleichsweise unproblematisch habe transplantieren lassen, mache Hoffnung für die weitere Forschung an möglichen Stammzelltherapien des Organs, so Costagliola und Kollegen.
- Datum 11.10.2012 - 12:15 Uhr
- Quelle spektrum.de
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Naja vllt wird es irgendwann soweit sein, dass man aus verschiedenen "erzeugten" Körperteilen, Mäuse nach Bedienungsanleitung wie Puzzelteile zusammenstecken kann...
Gruß
*Ironie ON* Das wäre doch ein Traum für Tierschützer. *Ironie OFF*
Ernsthaft: Es könnte in Zukunft Menschen helfen damit Sie nicht ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen! Eine grossartige Entwicklung!
*Ironie ON* Das wäre doch ein Traum für Tierschützer. *Ironie OFF*
Ernsthaft: Es könnte in Zukunft Menschen helfen damit Sie nicht ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen! Eine grossartige Entwicklung!
*Ironie ON* Das wäre doch ein Traum für Tierschützer. *Ironie OFF*
Ernsthaft: Es könnte in Zukunft Menschen helfen damit Sie nicht ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen! Eine grossartige Entwicklung!
die Organtransplantantionsmedizin, die ich aus vollem Herzen unterstütze.
Ein sehr spannendes Thema. Vielen Dank, dass Sie darüber berichten. Ich hoffe, dass in solche Forschungen zukünftig noch viel mehr Geld investiert werden wird. Hier liegen die Schlüssel für Lebenszufriedenheit, Gesundheit, Wohlbefinden und vermutlich auch für eine beachtliche Verlängerung der Lebenszeit verborgen. Vielleicht gelingt es eines Tages sogar, unseren Körper auf molekularer Ebene vollständig zu kontrollieren. Da Phänomene wie Emotionen, Motivation, Krankheiten, Intelligenz usw. molekulare Grundlagen haben dürften, käme die Menschheit "paradisieschen Zuständen" ein ganzes Stück näher. :)
das ist doch super! Und irgendwann werden wir unendlich alt und alle unsere Probleme sind gelöst! (Das Verdikt spreche ich jetzt aus: Der Mensch darf aus ethischen Gründen nicht zu alt werden - wir werden aktuell........ zu alt)
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