Nodding Syndrome Rätselhafte Seuche befällt Afrikas Kinder

Unkontrolliertes Kopfnicken, Krämpfe und bleibende Hirnschäden sind die Symptome. Mediziner suchen nach dem Auslöser für die Krankheit, die im Kindesalter ausbricht.

Am "Nick-Syndrom" erkrankte Kinder im nördlichen Uganda

Am "Nick-Syndrom" erkrankte Kinder im nördlichen Uganda

Eine mysteriöse Krankheit verunsichert zunehmend die Menschen im Norden Ugandas und im Süden des Sudan. Die verzweifelten Eltern wenden sich immer mehr an traditionelle Heiler und hoffen auf deren Pülverchen, wie die New York Times kürzlich berichtete. Die westliche Schulmedizin steht dem "Nick-Syndrom" bisher ratlos gegenüber.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Forscher der Centers of Disease Control and Prevention (CDC) im amerikanischen Atlanta sich seit Jahren darum bemühen, etwas über die Ursachen des Leidens herauszufinden, das im Englischen den Namen Nodding Syndrome bekam und in milderer Form wohl in den sechziger Jahren schon in Tansania auftauchte, liegen sie noch im Dunkeln.

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Das Leiden, das meist mit Denk- und Konzentrationsstörungen beginnt und sich mit dem charakteristischen unkontrollierten Kopfnicken fortsetzt, beginnt im Alter zwischen fünf und 15 Jahren. Das für die Mitmenschen erschreckend aussehende Absacken des Kopfes befällt die Betroffenen typischerweise, während sie Essen vor sich stehen haben oder wenn ihnen kalt ist.

Die Anfälle sind nicht aufzuhalten, auch wenn sich die Betroffenen verzweifelt dagegen wehren. Fest steht weiter: Es handelt sich um ein neurologisches Leiden, das Nerven und Gehirn befällt. "In der Magnetresonanztomographie erkennen wir, dass das Gehirn im Lauf der Zeit schrumpft", sagt Scott Dowell von den CDC, der in Uganda erkrankte Kinder untersuchte. Die Patienten verlieren während der Krampfanfälle häufig das Bewusstsein. Mit der Zeit wird das Gehirn geschädigt, die Kinder bleiben geistig zurück, können die Schule nicht mehr besuchen.

Das Gehirn schrumpft in Folge der Krankheit

Außerdem hören sie auf zu wachsen, verlernen das Laufen und das Sprechen, können oft kaum mehr Nahrung zu sich nehmen, sind zeitweise verwirrt und würden sich allein verirren. Deshalb müssen sie ständig beaufsichtigt werden. Einige erleiden trotzdem Unfälle mit schweren Kopfverletzungen oder verbrennen sich an offenen Feuerstellen. In Filmen aus Uganda sind Kinder zu sehen, die wegen ihrer Erkrankung an Pfähle angebunden werden.

Mehr als 3.000 Kinder sind nach Angaben der WHO derzeit allein in Norduganda erkrankt, in einigen Dörfern lebt in jeder Familie ein Kind, das unter den Anfällen leidet. Hunderte von ihnen sind inzwischen entkräftet gestorben. Bei einigen der Opfer sorgen gängige Mittel gegen Epilepsie wenigstens dafür, dass die Anfälle glimpflich verlaufen, auch Vitamin B6 kommt zur Behandlung zum Einsatz.

Ein Parasit – oder doch ein Psychotrauma?

Doch um eine klassische Form der Epilepsie handelt es sich wohl nicht. Über die Ursachen gibt es bisher nur Vermutungen. Warum erkranken alle Betroffenen in diesem Lebensabschnitt? Warum bekommen sie ihre Krämpfe fast immer beim Anblick von traditionellem Essen, aber nicht von ihnen bisher fremden Nahrungsmitteln wie etwa Schokolade – ein Kuriosum, das die WHO 2011 ermittelte? Gibt es Zusammenhänge zwischen der Nick-Krankheit und Erlebnissen während der frühen Kindheit, die die meisten der Betroffenen unter miserablen hygienischen Bedingungen in Lagern verbrachten, während Rebellenkriege das Land erschütterten? Ist ein Mangel an dem Vitamin B6 der Grund, der bekanntermaßen Krämpfe verursachen kann?

Beobachter fragen sich auch, ob inzwischen in den Dörfern eine Art Hysterie ausgebrochen ist, so dass alle Arten von Krämpfen und Anfallsleiden mit dem neuen Etikett versehen werden.

Auch ein Parasit ist in Zusammenhang mit dem Nodding Syndrome unter Verdacht geraten. Auffällig ist, dass weit mehr erkrankte Kinder und Jugendliche mit dem Fadenwurm Onchocerca volvulus infiziert sind als gesunde Altersgenossen. Führt also eine heiße Spur zum Immunsystem? Ist die Nick-Krankheit eine Spätfolge der Parasiten-Infektion? Wendet sich die körpereigene Abwehr, von der Infektion angestoßen, möglicherweise in der Folge gegen sich selbst, wie bei klassischen Autoimmunerkrankungen?

Die Forscher gehen noch vorsichtig mit dieser Hypothese um, denn der von Mücken übertragene Parasit, der die Flussblindheit verursacht, ist in diesen Regionen Afrikas insgesamt weit verbreitet.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich zum konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/kvk

  2. Neulich wurden Europas Kinder durch eine Magen-Darm-Infektion befallen. Oder war es doch nur in Ostdeutschland? Diese ständige Ausdehnung von lokalen Problemen auf ganz Afrika ist irreführend und nervt.

    7 Leser-Empfehlungen
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    • TDU
    • 24.10.2012 um 14:09 Uhr

    "Diese ständige Ausdehnung von lokalen Problemen auf ganz Afrika ist irreführend...."

    Stimmt. Man hätte "Kinder in Afrika" schreiben können, wenn man nicht "Region Tansania und Uganda" schreiben will.

    • TDU
    • 24.10.2012 um 14:09 Uhr

    "Diese ständige Ausdehnung von lokalen Problemen auf ganz Afrika ist irreführend...."

    Stimmt. Man hätte "Kinder in Afrika" schreiben können, wenn man nicht "Region Tansania und Uganda" schreiben will.

  3. Es wird angenommen, dass die Krankheit durch giftige Substanzen ausgelöst wurde, die die Lord's Resistance Army im Kampf gegen Regierung in Kampala eingesetz hat.
    http://derstandard.at/132...

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    • Flari
    • 24.10.2012 um 13:37 Uhr

    Schön, dass Sie googeln können..
    Trotzdem wird NICHT "angenommen", dass giftige Substanzen der Auslöser sind, sondern lediglich mit erwogen, da bisher auch nichts anderes belegt oder ausgeschlossen werden konnte.

    • Flari
    • 24.10.2012 um 13:37 Uhr

    Schön, dass Sie googeln können..
    Trotzdem wird NICHT "angenommen", dass giftige Substanzen der Auslöser sind, sondern lediglich mit erwogen, da bisher auch nichts anderes belegt oder ausgeschlossen werden konnte.

    • Varech
    • 24.10.2012 um 13:28 Uhr

    Den Seitenhieb ins Leere hätte die Autorin sich und uns ersparen können. Weiss denn sonst wer Rat?

    Aber das "Schokolade-Kuriosum" lässt mich an in Europa dokumentierte Fälle von Wachstums- und Entwicklungsstop bei psychisch und physisch schwer geschädigten Kindern denken. In rundum anderem und geradezu himmlischem Milieu (Klinik) konnte normale Entwicklung schnell wieder eingeschaltet und durch Rückbringung ins "traute Heim" wieder ausgeschaltet werden, und v.v.

    In den Literaturlisten, die ich eben im Internet finden konnte, sah mir kein Titel nach einem Therapieversuch durch totalen Milieuwechsel aus.

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    • Varech
    • 28.10.2012 um 6:18 Uhr

    ... ist ein Text von Betany Williams überschrieben, der einen Therapieansatz wie ich ihn mir dachte, beschreibt.
    (Via Google leicht zu finden)

    • Varech
    • 28.10.2012 um 6:18 Uhr

    ... ist ein Text von Betany Williams überschrieben, der einen Therapieansatz wie ich ihn mir dachte, beschreibt.
    (Via Google leicht zu finden)

    • Flari
    • 24.10.2012 um 13:37 Uhr

    Schön, dass Sie googeln können..
    Trotzdem wird NICHT "angenommen", dass giftige Substanzen der Auslöser sind, sondern lediglich mit erwogen, da bisher auch nichts anderes belegt oder ausgeschlossen werden konnte.

    Antwort auf "Giftige Substanzen"
    • TDU
    • 24.10.2012 um 14:09 Uhr

    "Diese ständige Ausdehnung von lokalen Problemen auf ganz Afrika ist irreführend...."

    Stimmt. Man hätte "Kinder in Afrika" schreiben können, wenn man nicht "Region Tansania und Uganda" schreiben will.

    Antwort auf "Africa is a country"
    • Aluni
    • 25.10.2012 um 0:09 Uhr

    und infolgedessen geschädigte bzw. falsch zusammengesetzte Darmflora. Salze und Wasserzufuhr stehen in einem ungleichgewichtigen Mengenverhältnis zueinander. Grade bei Menschen, die nicht fett sind, geht das ganz schnell. Dann bilden sich Faulgase, die Nerven schädigen. Und die Nährstoffe (insbes. Glucose) kommen nicht an ihr Ziel z.B. in den Kopf zu den Gehirnzellen, weil sie vorher abgefangen und von den falschen Darm- und Blutbahn-Bewohnern verzehrt und verdaut werden. Schluckgeschwerden? schon mal die Zink- und Kupferbilanz überprüft? Auch Aluminium-, Cadmium- und Bleikontamination (Stäube und Partikel in Bürgerkriegsgebieten, Pestizide im Export-Blumenanbau, Düngemittel, Industrieabgase usw.) könnte eine Rolle spielen.

    Eine Leser-Empfehlung
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    die Nerven schädigen?
    Was sind das für Gase (wie heißen sie?)
    Wie gelangen sie in die Blutbahn?
    Wie kommen sie durch die Blut-Hirn-Schranke?
    Wie schädigen sie dann dort die Nerven?
    Was hat das mit der Glukose zu tun?
    Welche "falschen" Bewohner der Blutbahn?
    Was hat Botulismus damit zu tun?

    Stichworte genügen, vielen Dank ;-)

    Verstehen Sie irgendwas von Anatomie, Physiologie, Biochemie, Mikrobiologie? Tokikologie?
    Ich frage, weil es nicht den Anschein hat.

    die Nerven schädigen?
    Was sind das für Gase (wie heißen sie?)
    Wie gelangen sie in die Blutbahn?
    Wie kommen sie durch die Blut-Hirn-Schranke?
    Wie schädigen sie dann dort die Nerven?
    Was hat das mit der Glukose zu tun?
    Welche "falschen" Bewohner der Blutbahn?
    Was hat Botulismus damit zu tun?

    Stichworte genügen, vielen Dank ;-)

    Verstehen Sie irgendwas von Anatomie, Physiologie, Biochemie, Mikrobiologie? Tokikologie?
    Ich frage, weil es nicht den Anschein hat.

    • Aluni
    • 25.10.2012 um 0:29 Uhr

    Habe gehört, dass Restfleisch aus hiesigen Geflügelschlachtereien tiefgefroren nach Afrika verfrachtet wird. Antibiotikabelastet und halbverdorben, dort ungenügend gekocht verzehrt von Kindern, die ohnehin durch Fehl- und Mangelernährung geschwächt sind, kein sauberes Trinkwasser bekommen, Parasiten haben und sengender Sonne ausgesetzt sind...

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