TransplantationsskandalMünchner Chefarzt verschweigt Manipulationsverdacht

Der Chefarzt eines Münchener Transplantationszentrums soll über Fälschungen von Patientenakten informiert gewesen sein. Jetzt werden alle bayerischen Kliniken untersucht. von dapd

Ein Abteilungsleiter am Münchner Klinikum Rechts der Isar soll seit mehr als zwei Jahren von kriminellen Machenschaften in Zusammenhang mit einer Lebertransplantation gewusst haben, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hatte der Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik das Gedächtnisprotokoll, das eine Organschieberei an dem Klinikum der TU München im Jahr 2010 entlarvt, damals weggeschlossen. Der Gastroenterologe habe es bei sich verwahrt, wie eine Sprecherin des Klinikums sagte.

Der Professor muss jetzt gegenüber seinem Arbeitgeber und dem für die Universitätskliniken verantwortlichen Wissenschaftsministerium erklären, weshalb er in der Sache nichts unternommen hat. Manipulationen bei der Erstellung der Warteliste für Organtransplantationen verstoßen gegen das Transplantationsgesetz.

Anzeige

Bayerische Kliniken sollen überprüft werden

Nachdem vermehrt Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Organverpflanzungen in Bayern aufgedeckt wurden, sollen Medienberichten zufolge alle bayerischen Transplantationszentren überprüft werden. Nach Angaben des Focus hätten bisherige Recherchen durch ein Gremium der Bundesärztekammer Anhaltspunkte erbracht, dass Ärzte Diagnosedaten manipulierten, um die Kriterien für Lebertransplantationen zu erfüllen. Ein mögliches Motiv der Manipulationen, eine Aufwertung der Klinik, könnte Reformen nach sich ziehen.

Inspektionen in München, Augsburg , Würzburg , Erlangen und Regensburg sollen noch im Oktober beginnen. Der Wiener Chirurg Ferdinand Mühlbacher soll laut Magazin die Inspektionen leiten. Er stellte sich nach Angaben des Focus etwa die Frage, warum "eine Stadt wie München" zwei Transplantationszentren habe. Günther Jonitz von der Bundesärztekammer will sich für ein "neues Qualitätsmanagementsystem" in dieser medizinischen Disziplin einsetzen.

CSU will Organspende neu regeln

Die CSU will unterdessen eine umfassende Neuregelung der Organspende . Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) schrieb in einem Brief an Gesundheitsminister Daniel Bahr ( FDP ), der der Frankfurter Rundschau vorliegt, die bisher vereinbarten Verbesserungen reichten nicht aus, um den in der Bevölkerung entstandenen Vertrauensverlust zu beheben.

Singhammer forderte sowohl eine staatliche Aufsicht über die Organisation der Organspende als auch eine Beteiligung des Staates bei der Festlegung der Richtlinien für die Organvergabe. Nur so könnten Zweifel an der rechtsstaatlichen Legitimität der Verteilungsregeln ausgeräumt, Manipulationen wirksam bekämpft und Verstöße geahndet werden, schrieb Singhammer.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • H.v.T.
    • 06. Oktober 2012 12:17 Uhr

    werden. Ich möchte nicht zahlungskräftigen Patienten das geben, was vielleicht einem anderen Patienten nur deswegen vorenthalten wird, weil er nicht die richtigen finanziellen Mittel und/oder Kontakte hat.

    Solch Entscheidung trifft man nicht leicht, aber in der Abwägung aller mir bekannten Argumente blieb schlussendlich die Überlegung, dass ich mit einer Organspende vielleicht den Einzug einer betrügerischen Struktur fördere.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kann ihre Entscheidung natürlich verstehen, warum sie ihre Organe nicht jemandem zur Verfügung stellen wollen, der sich womöglich auf kriminelle Weise einen Vorteil verschafft hat.
    Doch zu bedenken ist auch :

    All diese Organspendeskandale sind NUR möglich, weil es nicht genügend Spender gibt!
    Wenn es genügend Organe gäbe, und jeder, der eines benötigt, sofort eines bekommen würde, hätte niemand die Notwendigkeit, sich illegal Vorteile zu verschaffen.

    Also bitte, überlegen sie sich ihre Entscheidung nochmal! Nicht Spenden ist nicht die Lösung dieses Problems!

  1. . . .da abgeht. Da ich Befürchtungen in dieser Richtung hatte, bin ich nie Organspender geworden. Und natürlich bestätigen sich diese jetzt mehr und mehr. Anderseits , wenn eine Ware begehrt und rar ist, wird das immer so laufen. Auf etwas anderes kann man lange warten, da die Leute , die es verhindern sollen leider selbst involviert sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eben.

    Insofern liegt es an jedem einzelnen dafür zu sorgen, dass diese "Ware" nicht mehr rar bleibt.

    Sie ist es nur, da es zu wenige Menschen mit Organspendeausweis gibt.

    Ich habe seit zehn Jahren meinen Ausweis immer bei mir. Und auch die gegenwärtige Aufdeckung von Korruption wird mich nicht dazu bringen, diesen zu zerreissen.

    Zum einen benötigt selbst ein durch Korruption bevorzugter Patient ggf. mein Spenderorgan.

    Zum Zweiten hat damit auch ein trotz Korruption auf der Liste weiter hinten stehender Patient eine grössere Chance es zu erhalten.

    Zum Dritten kann ich damit illegalen Organhandel - in welchem Menschen aus Geldmangel ihre Organe verkaufen - etwas entgegen setzen.

    Weil es im System auch Missbrauch gibt, ist das keine Begründung Bedürftigen todkranken Menschen Hilfe generell vorzuenthalten.

    Skrupellose Ärzte und in Verzweiflung skrupellos gewordene Patienten mit entsprechendem Geld, werden immer Verzweifelte finden, welche ihre Organe verkaufen.

    Alle Missstände und Korruption und Betrug müssen aufgedeckt und bestraft werden. Finanzielle Anreize für Ärzte und Kliniken müssen dringend wieder abgeschafft werden.
    Das ist selbstverständlich.

    Der beste Weg jedoch, diesem kriminellen Handeln die profitable Basis zu entziehen, ist Organspender zu sein.

    Denn wie Sie schrieben: "wenn eine Ware begehrt und rar ist, wird das immer so laufen. "

    Wer also diese "Ware" rar macht, ist mitschuldig.

  2. Geld regiert die Welt - das ist traurig aber wahr.

  3. "Ein mögliches Motiv der Manipulationen, eine Aufwertung der Klinik, könnte Reformen nach sich ziehen."

    Die einzige meiner Ansicht nach erfolgversprechende Reform muss so aussehen, dass die zahlreichen finanziellen Anreize aus dem Gesundheitssystem eliminiert werden, und das Wohlergehen der Patienten im Fokus steht.

    Die Privatisierung, die mit angeblich möglichen Einsparungen begründet wurde, führt letzlich nur dazu, dass das Wohlergehen der Menschen eine nachgeordnete Größe in diesem System ist.

  4. hieß es doch bei den amigos laptop und lederhosen-

    nun wohl organe und lederhosen-

    da startet wohl der informationsfluß ganz ganz langsam und am ende will es wieder keiner gewesen sein....

    ich würde bereits im 22 jahr organe spenden und werde das auch beibehalten, denn egal wer noch etwas von mir zum besseren leben gebrauchen kann, dem gönne ich es.

  5. eben.

    Insofern liegt es an jedem einzelnen dafür zu sorgen, dass diese "Ware" nicht mehr rar bleibt.

    Sie ist es nur, da es zu wenige Menschen mit Organspendeausweis gibt.

    Ich habe seit zehn Jahren meinen Ausweis immer bei mir. Und auch die gegenwärtige Aufdeckung von Korruption wird mich nicht dazu bringen, diesen zu zerreissen.

    Zum einen benötigt selbst ein durch Korruption bevorzugter Patient ggf. mein Spenderorgan.

    Zum Zweiten hat damit auch ein trotz Korruption auf der Liste weiter hinten stehender Patient eine grössere Chance es zu erhalten.

    Zum Dritten kann ich damit illegalen Organhandel - in welchem Menschen aus Geldmangel ihre Organe verkaufen - etwas entgegen setzen.

    Weil es im System auch Missbrauch gibt, ist das keine Begründung Bedürftigen todkranken Menschen Hilfe generell vorzuenthalten.

    Skrupellose Ärzte und in Verzweiflung skrupellos gewordene Patienten mit entsprechendem Geld, werden immer Verzweifelte finden, welche ihre Organe verkaufen.

    Alle Missstände und Korruption und Betrug müssen aufgedeckt und bestraft werden. Finanzielle Anreize für Ärzte und Kliniken müssen dringend wieder abgeschafft werden.
    Das ist selbstverständlich.

    Der beste Weg jedoch, diesem kriminellen Handeln die profitable Basis zu entziehen, ist Organspender zu sein.

    Denn wie Sie schrieben: "wenn eine Ware begehrt und rar ist, wird das immer so laufen. "

    Wer also diese "Ware" rar macht, ist mitschuldig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • H.v.T.
    • 06. Oktober 2012 16:19 Uhr

    Ihr Aufruf wäre also, werft alle eure Organe auf den Markt, dann wird es für jedermann erschwinglich, und niemand muß mehr betrügen ?

    • H.v.T.
    • 06. Oktober 2012 16:19 Uhr

    Ihr Aufruf wäre also, werft alle eure Organe auf den Markt, dann wird es für jedermann erschwinglich, und niemand muß mehr betrügen ?

  6. Vielleicht sollte man nicht nur die bayrischen, sondern alle Transplantationszentren der Welt einmal näher unter die Lupe nehme?. Man weiss weder, ob die Verteilung der Transplantate innerhalb Deutschlands ordentlich funktioniert, noch ob die über Eurotransplant zugewiesenen Organe ohne Beziehungen oder Bestechung ihre Empfänger finden.

    Ein Vorfall in der Vergangenheit hatte mich in dieser Hinsicht sehr stutzig werden lassen. Johannes von Thurn und Taxis starb im Dezember 1990, nachdem ihm innert kürzester Zeit 2 Herzen transplantiert worden waren - im Klinikum Grosshadern/ München. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Patienten jemals auf eine Herztransplantation warten, grenzen diese beiden Herzen, nach neutralen Kriterien ausgewählt und zugeordnet, an ein wahres Wunder.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kein Mensch hat je geglaubt, daß eine Aldi-Kassiererin, eine Sekretärin oder ein Taxifahrer genauso behandelt werden, falls sie ein Spenderorgan brauchen, wie ein Industriemagnat, ein Oligarch, ein Kardinal, ein Millionär/Milliardär, ein Landes- oder Bundespolitiker, .

    Wir kennen uns und unser Land.
    Und diese "Gleichmacherei" würde nicht zu unserer "Leistungsgesellschaft" passen.
    Insofern sind die nun kommunizierte Überraschung und Empörung absolut scheinheilig.

    Mein Vorschlag:
    Wer einen Spenderausweis hat, der bekommt auch ein Spenderorgan. Bei gleichgelagerten Fällen ist danach zu entscheiden, wer länger als Spender registriert ist.
    Zudem bekommen privat Versicherte nur Organe von privat Versicherten Spendern und gesetzlich Versicherte erhalten nur Organe von gesetzlich Versicherten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dapd
  • Schlagworte CSU | FDP | Johannes Singhammer | Bundesärztekammer | Daniel Bahr | Focus
Service