Ernährungspsychologie"Gesundes Essen zu mögen, kann man trainieren"

Per Møller ist Geschmacksforscher. Mit einem Gemüse-Süßigkeiten-Mix konditioniert der Däne schon Kleinkinder auf gesundes Essen. Ein Gespräch bei Wildschweinbraten. von 

Per Møller steht alleine an einem Bartisch in dem zur Veranstaltungshalle umgebauten Pumpwerk. Früher wurden hier Berliner Abwässer entsorgt, heute diskutieren Spitzenforscher über die Zukunft. Auf der Falling Walls Konferenz stellen sie ihre aktuellen Forschungsergebnisse vor. Die Aufmerksamkeit des Neurowissenschaftlers ist auf einen Teller mit Wildschwein-Sauerbraten gerichtet, der Hauptgang des Mittagsmenüs, inspiriert von Møllers Forschungsfeld: dem guten Geschmack. Genau genommen dem Geschmackssinn. Auf ein Gespräch hat er keine Lust. "Ein Interview?", fragt er und senkt die Augenbrauen. "Aber ich esse doch gerade."

ZEIT ONLINE: Herr Møller , Sie erforschen das Geheimnis des "guten Geschmacks". Ist es nicht sehr subjektiv, was einem Menschen schmeckt?

Per Møller: Ein Mensch mit gutem Geschmack ist für mich jemand, der Lebensmittel zu sich nimmt, die wertvoll für seinen Körper sind. So jemand muss sich nicht dazu zwingen, Gemüse zu essen. Er hat gelernt, es zu mögen . Außerdem hat diese Fähigkeit etwas mit Vielfalt und Abwechslung zu tun. Wenn man immer nur Hamburger, Kuchen oder langweilige Sandwiches isst, ist das für mich keine "Geschmackssache", sondern ein Zeichen für einen schlecht ausgebildeten Geschmackssinn. Man kann dagegen etwas tun. Auch weil Übergewicht in unserer Gesellschaft ein immer größeres Problem wird, sollte man das auch.

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ZEIT ONLINE: Wann entscheidet sich, was uns gut oder schlecht schmeckt?

Møller: Die Ausbildung des Geschmackssinn beginnt im Mutterleib und geht in der Stillzeit weiter. Man weiß mittlerweile, dass das Fruchtwasser Aromen aus dem Essen enthält, das die Mutter zu sich genommen hat. Studien zeigen, dass Babys, deren Mütter regelmäßig Knoblauch oder Anis essen, später eine Vorliebe für diese Gewürze zeigen. Das Gleiche passiert, wenn stillende Mütter regelmäßig Hustenbonbons lutschen: Ihre Kinder haben später eine Neigung zu Menthol. Ich würde deshalb jeder Schwangeren und stillenden Mutter empfehlen, sich möglichst vielfältig zu ernähren. So gewöhnt sich auch das Kind früh an ungewohnte Aromen.

Per Møller
Per Møller

Per Møller ist Chefredakteur des Fachmagazins Flavour und Professor für Neurowissenschaften an der Universität Kopenhagen, wo er Vorlesungen im Fachbereich Food Choice and Acceptancehält.

ZEIT ONLINE: Eltern müssen ihre Kinder manchmal fast dazu zwingen , Gemüse zu essen. Schokolade essen die Kleinen freiwillig. Ist es nicht paradox, dass wir ungesundes Essen von Natur aus mögen und gegen gesundes Essen eine Abneigung haben?

Møller: Ganz und gar nicht. Es ist sogar sehr logisch. Haben Sie schon mal Muttermilch probiert? Sie ist klebrig und zähflüssig, weil sie fast nur aus Fett und Zucker besteht. Kein Wunder also, dass unser Körper süße und fette Nahrung als vertraut und zuträglich wertet. Auf alle unbekannten Geschmacksrichtungen – zum Beispiel bitter oder salzig – reagiert der Körper dagegen mit "Kenn ich nicht, mag ich nicht!". Auch das hat einen Sinn: Viele giftige Beeren und Pflanzen enthalten Bitterstoffe. Dieser Geschmack ist ein natürliches Warnschild. Noch vor etwa 10.000 Jahren hat das manchem das Leben gerettet. Damals war Nahrung knapp und der Hungertod eine reale Bedrohung. Die Suche nach energiereichem Essen war überlebenswichtig und dadurch ein evolutionärer Vorteil.

ZEIT ONLINE: Das würde bedeuten, dass der Heißhunger auf Fast Food und die Abneigung gegen Rosenkohl in unseren Genen verankert ist. Dann können wir ja gar nichts dagegen tun.

Møller: Ersteres ja, letzteres nein. Unser Geschmackssinn ist zwar auf kalorienreiche Nahrung ausgerichtet, aber lernfähig. Eltern versuchen heute unermüdlich, den Nachwuchs an gesunde Lebensmittel heranzuführen. Das ist ein wichtiger Teil der Kindeserziehung. Ich betrachte es als Bildung: Man lernt, was gutes Essen ist.

ZEIT ONLINE: Was passiert während dieses Lernprozesses im Gehirn?

Mit dieser Strategie (Pawlowsche Konditionierung) habe ich schon Zweijährige dazu bewegt, Artischocken-Pürée zu mögen.

Per Møller, Geschmacksforscher

Møller: Es ist das Prinzip der Pawlowschen Konditionierung : Wenn wir etwas Bekanntes und Leckeres essen – sagen wir Steak – wird unser Belohnungszentrum aktiv. Wir verspüren ein Glücksgefühl. Dann kombinieren wir das bekannte Essen mit einem neuen, ungewohnten Gericht – zum Beispiel Kohl. Wieder schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, die glücklich machen. Wenn wir das oft genug wiederholen, tricksen wir unser Gehirn aus: Es reagiert dann auch auf den Kohl mit Belohnung, wenn wir kein Steak dazu essen. Mit dieser Strategie habe ich schon Zweijährige dazu bewegt, Artischocken-Pürée zu mögen. Im Moment erforsche ich, wie oft man den Prozess wiederholen muss. Einmal im Jahr scheint nicht zu reichen, täglich ist zu viel. Ich vermute, dass etwa ein bis zwei Wochen dazwischen liegen sollten.

ZEIT ONLINE: Das klingt einfach. Wieso sind Ihrer Meinung nach trotzdem so viele Menschen übergewichtig?

Møller: Ein großes Problem ist, dass fast alle Speisen zu viel Zucker enthalten. Gerade in den USA nimmt das langsam absurde Züge an: Dort pumpen sie den Supermarkt-Kakao mit Zucker voll, um ihn besonders "schokoladig" zu machen. Ich mische ihn immer mit Halbfettmilch, weil ich ihn pur nicht trinken kann. Die Amerikaner haben damit kein Problem, weil sie sich an den Zuckergehalt gewöhnt haben. Da ist es doch kein Wunder, dass dort viele Menschen dick werden.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit dem Essverhalten?

Møller: In den Industrieländern wird nicht selten vor dem Fernseher oder Computer gegessen. Wer das macht, konzentriert sich nicht auf die Nahrung und isst automatisch schneller. Das Sättigungsgefühl tritt aber erst nach etwa 20 Minuten ein. Bis dahin hat man vor dem Bildschirm dann schon viel zu viel gegessen.

Leserkommentare
  1. ...weshalb denkst du, steht das auf dem künstlich gesüssten kram drauf....? ;)

    ganz abgesehen davon täuschen sie den körper zucker vor, aber es ist kein zucker da um abgebaut zu werden; ergo stratigie das körper ist, nach noch mehr zucker zu verlangen.

    hinzu kommt, dass künstliche süssungmittel noch schnell süchtig machen als normaler zucker.

    Eine Leserempfehlung
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    • porph
    • 14. November 2012 14:26 Uhr

    ... und jetzt? Hat man halt über Umwege (Aspartam-Metabolismus) ein bisschen mehr von einer der essentiellen Aminosäuren. Wenn man nicht gerade an Phenylketonurie leidet, eher gesund als ungesund...

    Wenn jemand tatsächlich eine (aktuelle, nicht aus den 80ern) Studie kennt, die gängige Süßstoffe als gesundheitsschädlich beschreibt, würde mich das allerdings interessieren!

    die phen-al-quelle ist nur für menschen mit einem bestimmten (sehr seltenen)gen-defekt problematisch.

    und was das vortäuschen von zucker angeht, auch dieser effekt ist nicht nachgewiesen, jedenfalls nciht durch eine seriöse studie.
    was ich mit meinem ursprünglichen post sagen wollte, es ist doch viel ideologie-denken, das vom süsstoff abhält, weil zucker als "natürlich" gilt ( deshalb gut) , und süsstoff nicht (deshalb pöhse), das ist alles.

  2. Antwort auf "Wissenschaft"
    • TDU
    • 14. November 2012 12:18 Uhr

    Richtig. Der Körper braucht Zucker, sonst wäre Unterzuckerung bei Diabetikern in Behandlung kein Problem um diesen speziellen Schluss mal zu ziehen.

    Zucker ist eben in vielen Dingen und zuviel zusätzliche Zugabe gewöhnt an den Geschmak, wie ein ständiges Zugeben von scharfen Gewürzen oder Salz. Jeder kennt ja vemutlich welche: Essen auf dem Tisch, egal wer gekocht hat, egal wo, erst mal würzen vor Probieren.

    Antwort auf "Den Süßstoff..."
  3. "in jedem verdammten Produkt ist dieser Scheiss Zucker"

    Das Problem ist leicht zu lösen, wenn Sie ihr Essen selbst zubereiten.
    90% aller "Nahrungsmittel" im Supermarkt sind Müll.
    Es gibt aber keinen zwingenden Grund, sie zu kaufen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Er hat ja so recht"
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    • TDU
    • 14. November 2012 13:06 Uhr

    Da ist er wieder der Verfechter des Guten und Richtigen ohne Rücksicht auf die Verhältnisse des Einzelnen. Nicht jedes Lebensmittel im Supermarkt ist Dreck und ein Vergifter kann sich nicht rausreden, er habe gewarnt, und man müüse sein Zeugs ja nicht essen.

    auf die Dummheit und Ignoranz des Einzelnen!

    90% mögen hoch gegriffen sein, aber allzuweit von der Wahrheit dürfte es nicht sein.

    Die 100% haben Sie ihm/ihr in den Mund gelegt.

    Und umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Nach der tausendsten Warnung kann der Vergiftete sich auch nicht mehr rausreden...

    Und die "persönlichen Verhältnisse" sind nur eine bequeme Ausrede!
    Grundzutaten sind nicht teurer als Fertigfutter, eher billiger wenn man intelligent genug ist saisonal zu kaufen.

    Und wenn man nicht jeden Tag ein 5-Gänge-Menü kocht, ist auch der Zeitfaktor nicht das entscheidende Problem.
    Eher der Willen, sich mal 30 Minuten in die Küche zu stellen als vor den Fernseher zu setzen, während die Fertigpizza im Ofen gart...

  4. ... mit ein-zwei Wochen Fasten vorneweg. Danach stehen Ihre Geschmacksnerven quasi auf 'Werkseinstellung' und Sie werden Obst und Gemüse sehr viel feiner, intensiver riechen und schmecken.

  5. daß man gar nicht merkt, dass man drin ist.

  6. ... wenn man da nur ein Joghurt pro Person einkauft, derjenige, der zuerst am Kuehlschrank ist, aber 3 davon verputzt, dann klappt das leider nicht.

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    • Nibbla
    • 14. November 2012 17:33 Uhr

    auch wär es ein problem wenn man zum nächsten Supermarkt weiter weg wohnt. (ka wie weit Namen drauf schreiben helfen könnte oder des anderen Stress verursacht. In ner WG funktionierts, da hat aber auch jeder sein eigenes Zeug. Wie weit man Rücksichtnahme "einfordern" bzw erwarten kann, ist mir auch nicht klar. Vlt hilft es schon, so "Luxus" güter im Keller aufzubewaren, wenn man einen hat.

    • -psyc-
    • 14. November 2012 12:48 Uhr

    auch noch als Erwachsene(r) seinen Geschmack umerziehen. Ein eigenes Beispiel: Ich war früher als Nutella Vernichter bekannt, obwohl ich wusste, dass Nutella nicht niur fäkal aussieht, sondern auch (naja, lassen wir das).

    Dann hatte ich die Gelegenheit, für 4 Monate nach Südostasien zu gehen. Die Ernährung war fettarm, gemüsedominiert, nie süß, oft sehr scharf.
    Danach war ein Supermarkt-Erdbeer-Yoghurt ungenießbar, unerträglich süß. Mit dem Esslöffel ins Nutella-Glas? Heute, viele Jahre später ist das immer noch unvorstellbar.

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  • Schlagworte Bioprodukt | Essen | Gehirn | USA
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