Die etwa zwei Zentimeter großen Fadenwürmer namens Trichuris suis helfen Patienten mit Autoimmunerkrankungen. © JOEL WEINSTOCK LAB

ZEIT ONLINE: Herr Weinstock, Sie infizieren Ihre Patienten bewusst mit Würmern. In der Zeitschrift Nature schreiben sie, dass die Therapie immer mehr Erfolge zeigt. Wie kommt der Wurm denn in den Körper?

Joel Weinstock : Die Patienten schlucken Eier des Wurmes Trichuris suis . Eine Dosis umfasst etwa 2.500 bis 7.500 Eier. Kein Angst, das klingt schlimmer als es ist. Die Eier sind mikroskopisch klein und mit dem menschlichen Auge nicht zu sehen. Sie sind zudem geschmacklos und können in einer Flüssigkeit gelöst und so zum Beispiel in einem Energy-Drink verabreicht werden.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit den Eiern im Körper?

Weinstock: Sobald die Eier verschluckt sind, wandern sie durch den Magen und setzen sich im Dünndarm fest. Dort schlüpfen kleine Larven, die sich schließlich zu einem ausgewachsenen Wurm entwickeln. Diese Würmer sind dann etwas kürzer als zwei Zentimeter und weniger als ein Millimeter breit. Sie sind während der gesamten Zeit unsichtbar, auch im Stuhl sind sie nie zu sehen. Im Wirt, also im Menschen, bleiben die Würmer nur für acht Wochen. Danach gehen sie zugrunde, da der Mensch gar nicht ihr natürlicher Wirt ist, sondern das Schwein. 

ZEIT ONLINE: Ist eine Wurminfektion nicht eigentlich selbst eine Krankheit?

Weinstock: Bis in die fünfziger Jahre waren die meisten Menschen mit Würmern infiziert. Um im menschlichen Darm überleben zu können, mussten sich die Würmer an den Menschen anpassen. So bestand eine Art Symbiose zwischen Wurm und Mensch, die es für uns Menschen gut möglich machte, mit einer Wurminfektion zu leben, ohne wirklich krank zu sein.

ZEIT ONLINE: Und warum gibt es diese Symbiose seit den fünfziger Jahren nicht mehr?

Weinstock: Einen Faktor stellt die Hygiene dar, weil sie natürliche Darmparasiten ausrottet. Unser Abwehrsystem, das sonst mit der Bekämpfung dieser harmlosen Zeitgenossen beschäftigt war, ist damit arbeitslos. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Immunsystem bei manchen Menschen verrücktspielt.

ZEIT ONLINE: Wenn das Immunsystem verrücktspielt, reden Mediziner von einer Autoimmunkrankheit. Würmer sollen die Heilung solcher Krankheiten unterstützen. Wie genau funktioniert das?

Weinstock: Bei Autoimmunerkrankungen ist es typisch, dass unsere körpereigene Abwehr zu aktiv ist und deshalb auch Organe des eigenen Körpers attackiert. Würmer und andere Darmparasiten können diese gesteigerte Abwehrbereitschaft des Immunsystems vermindern. Das machen sie natürlich ursprünglich nicht, um uns zu helfen, sondern weil es für sie selbst einen Überlebensvorteil darstellt. 

ZEIT ONLINE: Was für ein Überlebensvorteil?

Weinstock: Um sich einen Lebensraum im menschlichen Darm zu schaffen und nicht selbst bekämpft zu werden, greifen Würmer in das menschliche Immunsystem ein. Sie aktivieren dazu zum Beispiel spezielle regulatorische Abwehrzellen in unserem Körper. Diese T-Helferzellen tragen wiederum dazu bei, eine verstärkte Aktivität des Immunsystems zu dämpfen und zu kontrollieren.

Würmer schlucken, um Krankheiten vorzubeugen

ZEIT ONLINE: Wie haben die Patienten reagiert, als Sie ihnen eine Wurmtherapie vorgeschlagen haben?

Weinstock: Die meisten habe ich gar nicht fragen müssen, sondern die Patienten sind von sich aus auf uns zugekommen, als sie von unserer Forschung gehört haben.

ZEIT ONLINE: Hatten die Patienten gar keine Bedenken, Wurmeier zu schlucken?

Weinstock: Nein, überhaupt nicht. Die ersten Patienten konnten es sogar kaum abwarten, die Eier zu sich zu nehmen, da es ihnen mit der aktuellen Medikation so schlecht ging. Es war eher so, dass unsere Therapie einen Ausweg für die Patienten darstellte und sie sich erhofften, ihre Symptome lindern zu können. Das ist ein bekanntes Problem bei Autoimmunkrankheiten. Zum einen sind die Medikamente, die man derzeit zur Behandlung einsetzt, nicht bei allen Patienten wirksam und zum anderen können schwere Nebenwirkungen auftreten.

ZEIT ONLINE: Welche Nebenwirkungen können bei einer Wurmtherapie auftreten?

Weinstock: Natürlich gibt es Würmer, die sehr gefährlich für den Menschen sein können. Wir haben bewusst eine Wurmart gewählt, die bekannterweise am Menschen sehr sicher ist. Bisher wurden mit der Gattung Trichuris suis keine auffälligen Nebenwirkungen beobachtet. Das sieht man auch daran, dass sich die im menschlichen Darm gezüchteten Würmer dort gar nicht durchsetzen können und nach wenigen Wochen wieder verschwinden.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet, die Patienten müssen immer wieder zu ihnen kommen, um sich mit neuen Würmern zu infizieren?

Weinstock: Im Moment können wir das nicht genau sagen, weil noch verschiedene Studien anstehen. Wahrscheinlich müssen die Würmer alle ein bis zwei Wochen durch eine neue, sagen wir Dosis, aufgefrischt werden. Ich habe die Hoffnung, dass die Therapie nicht lebenslang durchgeführt werden muss, sondern nach einer gewissen Zeit beendet werden kann und dem Patienten dennoch hilft.

ZEIT ONLINE: Würden Sie gesunden Menschen raten, sich zur Vorbeugung mit Würmern zu infizieren?

Weinstock: Ich halte Prävention für sehr wichtig. Wenn unsere Studien abgeschlossen sind, kann ich mir gut vorstellen, dass spezielle Personen auch für eine vorsorgliche Behandlung mit Würmern infrage kommen. Ich denke dabei an Mitglieder von Familien, in denen sich Autoimmunkrankheiten auffällig häufen. Wenn unsere Therapie glückt, könnten wir diese vor dem Ausbruch einer Krankheit schützen, indem wir ihr Immunsystem durch die Würmer in Schach halten.