AutoimmunkrankheitenWenn der Körper verrücktspielt, können Würmer helfen
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Würmer schlucken, um Krankheiten vorzubeugen

ZEIT ONLINE: Wie haben die Patienten reagiert, als Sie ihnen eine Wurmtherapie vorgeschlagen haben?

Weinstock: Die meisten habe ich gar nicht fragen müssen, sondern die Patienten sind von sich aus auf uns zugekommen, als sie von unserer Forschung gehört haben.

ZEIT ONLINE: Hatten die Patienten gar keine Bedenken, Wurmeier zu schlucken?

Weinstock: Nein, überhaupt nicht. Die ersten Patienten konnten es sogar kaum abwarten, die Eier zu sich zu nehmen, da es ihnen mit der aktuellen Medikation so schlecht ging. Es war eher so, dass unsere Therapie einen Ausweg für die Patienten darstellte und sie sich erhofften, ihre Symptome lindern zu können. Das ist ein bekanntes Problem bei Autoimmunkrankheiten. Zum einen sind die Medikamente, die man derzeit zur Behandlung einsetzt, nicht bei allen Patienten wirksam und zum anderen können schwere Nebenwirkungen auftreten.

ZEIT ONLINE: Welche Nebenwirkungen können bei einer Wurmtherapie auftreten?

Weinstock: Natürlich gibt es Würmer, die sehr gefährlich für den Menschen sein können. Wir haben bewusst eine Wurmart gewählt, die bekannterweise am Menschen sehr sicher ist. Bisher wurden mit der Gattung Trichuris suis keine auffälligen Nebenwirkungen beobachtet. Das sieht man auch daran, dass sich die im menschlichen Darm gezüchteten Würmer dort gar nicht durchsetzen können und nach wenigen Wochen wieder verschwinden.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet, die Patienten müssen immer wieder zu ihnen kommen, um sich mit neuen Würmern zu infizieren?

Weinstock: Im Moment können wir das nicht genau sagen, weil noch verschiedene Studien anstehen. Wahrscheinlich müssen die Würmer alle ein bis zwei Wochen durch eine neue, sagen wir Dosis, aufgefrischt werden. Ich habe die Hoffnung, dass die Therapie nicht lebenslang durchgeführt werden muss, sondern nach einer gewissen Zeit beendet werden kann und dem Patienten dennoch hilft.

ZEIT ONLINE: Würden Sie gesunden Menschen raten, sich zur Vorbeugung mit Würmern zu infizieren?

Weinstock: Ich halte Prävention für sehr wichtig. Wenn unsere Studien abgeschlossen sind, kann ich mir gut vorstellen, dass spezielle Personen auch für eine vorsorgliche Behandlung mit Würmern infrage kommen. Ich denke dabei an Mitglieder von Familien, in denen sich Autoimmunkrankheiten auffällig häufen. Wenn unsere Therapie glückt, könnten wir diese vor dem Ausbruch einer Krankheit schützen, indem wir ihr Immunsystem durch die Würmer in Schach halten.
 

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Leserkommentare
  1. "ZEIT ONLINE: Und warum gibt es diese Symbiose seit den fünfziger Jahren nicht mehr?"

    Weil der moderne Hygienewahn jeden 'körperfremden Organismus' mit 'potentiell tödlicher Feind' gleichsetzt.

    Kleinkinder dürfen sich nicht mehr in Matsch und Dreck wälzen, keinen Dreck mehr essen, Haustiere werden übertrieben oft entwurmt und die Kleinen am besten mit Sagrotan abgeschrubbt, sobald der Familienhund ihnen mal übers Gesicht schleckt.

    Früher 'litt' beinahe jedes Kleinkind irgendwann an Wurmbefall und das schulte das Immunsystem in frühen Jahren.

    Eine Leserempfehlung
  2. ... das westliche Medizier und nicht-wetliche Mediziner,sowie deren Oeffentlichkeiten zu wenig einander austauschen. In Japan forschen und praktizieren hierzu Mediziner schon lange, z.B. im Einsatz von Bandwuermern bei AllergikerInn.

  3. assoziativ durch den Kopf ging: wieder einmal typisch für das kranke patriarchalische Denken unserer Zeit, Heilung immer nur mit Krieg gleichsetzen zu können!

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    • Marobod
    • 09. November 2012 20:39 Uhr

    Das sind auch nur kleine Lebewesen, und sie koennen scheinbar auch hilfreich sein, wegen diesem Hygienewahn kommt es halt oft zu Allergien. Bin froh das man langsam wieder etwas umdenkt. Kommentator 1 traf es da schon auf den Punkt.

    Wenn ich heute sehe wie kleine Kinder schon von dem kleinsten schmutz oder anderem fern gehalten werden, zB wenn sie an nem Springbrunnen stehen oder an pfuetzen spielen, im Sandkasten Dreck futtern, als wuerden se direkt danach tot umfallen ...

  4. Seit einigen Jahren werden gerade die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen nicht mehr als Autoimmunkrankheiten bezeichnet, da ursächlich mittlerweile stärker eine Barrierestörung der Schleimhäute diskutiert wird. Die Immunreaktion ist somit lediglich ein Symptom eines ursächlich gerade nicht unadäquat reagierenden Immunsystems.

  5. ...sind mir wesentlich lieber! ;-)

    • Jeff S.
    • 09. November 2012 19:38 Uhr

    Habe ich als Colitis-ulcerosa-Betroffener auf eigene Kosten schon vor 2 Jahren ca. 6 Wochen lang ausprobiert. Hat leider nicht geholfen.

    Die Lecithin-Therapie (Uni Heidelberg, Prof. Stremmel) klingt auch vielversprechend, allerdings braucht selbst eine Zulassung von solch harmlosen Wirkstoffen wie mikroverkapseltem Lecithin über 10 Jahre. Aber gut, an den klassischen Medikamenten mit oft hohen Nebenwirkungen verdient man als Hersteller ja mehr...

    Auch interessant ist das Thema Stuhl-Transplantation: http://www.spiegel.de/spi...

    • Marobod
    • 09. November 2012 20:39 Uhr

    Das sind auch nur kleine Lebewesen, und sie koennen scheinbar auch hilfreich sein, wegen diesem Hygienewahn kommt es halt oft zu Allergien. Bin froh das man langsam wieder etwas umdenkt. Kommentator 1 traf es da schon auf den Punkt.

    Wenn ich heute sehe wie kleine Kinder schon von dem kleinsten schmutz oder anderem fern gehalten werden, zB wenn sie an nem Springbrunnen stehen oder an pfuetzen spielen, im Sandkasten Dreck futtern, als wuerden se direkt danach tot umfallen ...

    Eine Leserempfehlung
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    hat aber nichts mit den Würmern zu tun. Ich habe nichts dagegen, wenn Kinder mal im Dreck spielen oder auch diese oder jene Kinderkrankheit durchmachen. Das ist etwas ganz natürliches und trainiert das Immunsystem für später! Aber sich Wurmeier einsetzen ist nichts natürliches, sondern pervers! Und ich bin deshalb davon überzeugt, daß diese "Therapie" auch gefährliche Nebenwirkungen haben wird!
    Wann wird man endlich aufhören, die medizinische Forschung primär als Wirtschaftsfaktor einzusetzen?
    Wir brauchen eine neue Weltordnung von Grund auf! Und der erste richtige Schritt hierzu ist eine Tierprotein-freie Ernährung!

  6. hat aber nichts mit den Würmern zu tun. Ich habe nichts dagegen, wenn Kinder mal im Dreck spielen oder auch diese oder jene Kinderkrankheit durchmachen. Das ist etwas ganz natürliches und trainiert das Immunsystem für später! Aber sich Wurmeier einsetzen ist nichts natürliches, sondern pervers! Und ich bin deshalb davon überzeugt, daß diese "Therapie" auch gefährliche Nebenwirkungen haben wird!
    Wann wird man endlich aufhören, die medizinische Forschung primär als Wirtschaftsfaktor einzusetzen?
    Wir brauchen eine neue Weltordnung von Grund auf! Und der erste richtige Schritt hierzu ist eine Tierprotein-freie Ernährung!

    Antwort auf "Was ist daran eklig?"
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    • Oyamat
    • 10. November 2012 3:35 Uhr

    Zitat: "Aber sich Wurmeier einsetzen ist nichts natürliches, sondern pervers!"
    Was daran ist perverser als eine Multivitamintablette? In beiden Fällen wird etwas, das man auch ganz normal im Rahmen anderer "Speisevorgänge" zu sich nehmen kann, erst vorgereinigt und konzentriert. Man könnte die Leute auch eine Weile zur tätigen Mitarbeit auf einen Bauernhof schicken und ihnen verbieten, sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Daß sie hinterher Würmer haben, merkt ja niemand - sie werden im Stuhl nicht sichtbar, schmerzen nicht, sie leben halt eine Weile und sterben dann.
    Aber Arbeit auf dem Bauernhof kostet Zeit - und es ist überigens auch wirklich nicht jeder dafür geeignet. Ein Medikament zu schlucken, spart andere Schwierigkeiten.

    Ich vermute eher, daß die Nebenwirkungen sich in engen Grenzen halten werden und vermutlich in einem physiologischen "Gesamtbild" untergehen. Das heißt, man kann gar nicht genau sagen, was jetzt eine Nebenwirkung ist, weil alles in völlig normalem Rahmen bleibt.

    MGv Oyamat

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