AutoimmunkrankheitenWenn der Körper verrücktspielt, können Würmer helfen

Der Mediziner Joel Weinstock lässt Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen Wurmeier schlucken. Im Interview erklärt er, wie Wurminfektionen dem Immunsystem helfen. von 

Die etwa zwei Zentimeter großen Fadenwürmer namens Trichuris suis helfen Patienten mit Autoimmunerkrankungen.

Die etwa zwei Zentimeter großen Fadenwürmer namens Trichuris suis helfen Patienten mit Autoimmunerkrankungen.  |  © JOEL WEINSTOCK LAB

ZEIT ONLINE: Herr Weinstock, Sie infizieren Ihre Patienten bewusst mit Würmern. In der Zeitschrift Nature schreiben sie, dass die Therapie immer mehr Erfolge zeigt. Wie kommt der Wurm denn in den Körper?

Joel Weinstock : Die Patienten schlucken Eier des Wurmes Trichuris suis . Eine Dosis umfasst etwa 2.500 bis 7.500 Eier. Kein Angst, das klingt schlimmer als es ist. Die Eier sind mikroskopisch klein und mit dem menschlichen Auge nicht zu sehen. Sie sind zudem geschmacklos und können in einer Flüssigkeit gelöst und so zum Beispiel in einem Energy-Drink verabreicht werden.

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ZEIT ONLINE: Was passiert mit den Eiern im Körper?

Weinstock: Sobald die Eier verschluckt sind, wandern sie durch den Magen und setzen sich im Dünndarm fest. Dort schlüpfen kleine Larven, die sich schließlich zu einem ausgewachsenen Wurm entwickeln. Diese Würmer sind dann etwas kürzer als zwei Zentimeter und weniger als ein Millimeter breit. Sie sind während der gesamten Zeit unsichtbar, auch im Stuhl sind sie nie zu sehen. Im Wirt, also im Menschen, bleiben die Würmer nur für acht Wochen. Danach gehen sie zugrunde, da der Mensch gar nicht ihr natürlicher Wirt ist, sondern das Schwein. 

Joel Weinstock
Joel Weinstock

Joel V. Weinstock ist Arzt und Leiter der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am Tufts Medical Center in Boston, Massachusetts. Zudem ist er Professor an der Tufts Universität.

ZEIT ONLINE: Ist eine Wurminfektion nicht eigentlich selbst eine Krankheit?

Weinstock: Bis in die fünfziger Jahre waren die meisten Menschen mit Würmern infiziert. Um im menschlichen Darm überleben zu können, mussten sich die Würmer an den Menschen anpassen. So bestand eine Art Symbiose zwischen Wurm und Mensch, die es für uns Menschen gut möglich machte, mit einer Wurminfektion zu leben, ohne wirklich krank zu sein.

ZEIT ONLINE: Und warum gibt es diese Symbiose seit den fünfziger Jahren nicht mehr?

Weinstock: Einen Faktor stellt die Hygiene dar, weil sie natürliche Darmparasiten ausrottet. Unser Abwehrsystem, das sonst mit der Bekämpfung dieser harmlosen Zeitgenossen beschäftigt war, ist damit arbeitslos. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Immunsystem bei manchen Menschen verrücktspielt.

ZEIT ONLINE: Wenn das Immunsystem verrücktspielt, reden Mediziner von einer Autoimmunkrankheit. Würmer sollen die Heilung solcher Krankheiten unterstützen. Wie genau funktioniert das?

Weinstock: Bei Autoimmunerkrankungen ist es typisch, dass unsere körpereigene Abwehr zu aktiv ist und deshalb auch Organe des eigenen Körpers attackiert. Würmer und andere Darmparasiten können diese gesteigerte Abwehrbereitschaft des Immunsystems vermindern. Das machen sie natürlich ursprünglich nicht, um uns zu helfen, sondern weil es für sie selbst einen Überlebensvorteil darstellt. 

Wann Würmer helfen

Die meiste Erfahrung hat die Arbeitsgruppe von Joel Weinberg am Tufts Medical Center in Boston in der Therapie von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

Die Würmer sind vor allem an Patienten mit Morbus Crohn erprobt worden. Die ersten Studienergebnisse waren positiv und zeigten bei einem Großteil der Patienten verminderte Symptome.

In Freiburg findet im Moment eine Studie mit 300 Patienten statt, um die Sicherheit der Therapie zu überprüfen, bevor sie weitläufig angewendet werden kann.

Daneben untersucht Weinberg die Therapie mit Wurminfektionen bei der Darmentzündung Colitis Ulcerosa, bei Diabetes Typ 1, bei der Hautkrankheit Schuppenflechte und bei Multipler Sklerose.

ZEIT ONLINE: Was für ein Überlebensvorteil?

Weinstock: Um sich einen Lebensraum im menschlichen Darm zu schaffen und nicht selbst bekämpft zu werden, greifen Würmer in das menschliche Immunsystem ein. Sie aktivieren dazu zum Beispiel spezielle regulatorische Abwehrzellen in unserem Körper. Diese T-Helferzellen tragen wiederum dazu bei, eine verstärkte Aktivität des Immunsystems zu dämpfen und zu kontrollieren.

Leserkommentare
  1. Zitat: "immer mehr Erfolge" Steigt die Erfolgsrate oder steigt nur die absolute Anzahl der Erfolge im gleichen Verhältnis wie die Mißerfolge? Zitat "ohne wirklich krank zu sein" Also unwirklich krank oder doch ein klein wenig? Zitat: "natürliche Darmparasiten" Gibt es auch unnatürliche Darmparasiten? Ist Trichuris suis so ein unnatürlicher Parasit? Zitat "...weil noch verschiedene Studien anstehen". Wie ist das Ergebnis der bisherigen kontrollierten Studien? Gibt es überhaupt eine randomisierte plazebokontrollierte Studie? Zitat: "Wenn unsere Therapie glückt, könnten..." Sie ist also doch noch nicht geglückt? Ich bin entsetzt.

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    • Oyamat
    • 10. November 2012 3:45 Uhr

    Frage: >> Zitat: "immer mehr Erfolge" Steigt die Erfolgsrate oder steigt nur die absolute Anzahl der Erfolge im gleichen Verhältnis wie die Mißerfolge? <<
    Wie wäre es mit der Erkenntnis, daß manche Leute nicht von jetzt auf gleich geheilt sind, sondern Zeit zum Gesunden brauchen? Natürlich steigt, gerade wenn man darauf setzt, den Körper allmählich wieder ins Lot zu bringen, der Erfolg erst mit der Zeit an. Das ist übrigens auch die Antwort auf Ihre beiden letzten Fragen. Medizin ist ein harter Job, da brauchen die Ergebnisse manchmal eine Weile, bis sie sich einstellen. Jahre, Jahrzehnte... Tut mir leid ja für Sie, wenn Sie gehofft hatten, man wüsste schon alles über so eine Wurmtherapie, wenn man nur zwei, drei Wochen zugesehen hat. So nett ist die Welt nicht zu uns.
    >> Also unwirklich krank oder doch ein klein wenig? <<
    Krank und gesund sind keine mathemtisch exakten Zustände. Was "krank" ist, ist eine Sache gesellschaftlicher ÜBereinkünfte. Es gibt Grenzfälle, in denen jemand ziemlich sicher krank ist, aber völlig gesund ist vielleicht kein einziger Mensch auf dieser Welt.
    >> Gibt es auch unnatürliche Darmparasiten? <<
    Es gibt eine ganze Menge Kontraste zum Natürlichen, das Künstliche etwa oder das Übernatürliche. Was davon sich hoer als sinnvoll anbietet, überlasse ich Ihnen als kleine Denksportaufgabe.

    OGv Oyamat

  2. 10. Optimal

    Wenn nur in den höchsten Tönen geschwärmt wird und nichts negativ ist, heißt das Werbung und nicht Wissenschaft. Dann gehen bei mir die Warnleuchten an.

    • Oyamat
    • 10. November 2012 3:35 Uhr

    Zitat: "Aber sich Wurmeier einsetzen ist nichts natürliches, sondern pervers!"
    Was daran ist perverser als eine Multivitamintablette? In beiden Fällen wird etwas, das man auch ganz normal im Rahmen anderer "Speisevorgänge" zu sich nehmen kann, erst vorgereinigt und konzentriert. Man könnte die Leute auch eine Weile zur tätigen Mitarbeit auf einen Bauernhof schicken und ihnen verbieten, sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Daß sie hinterher Würmer haben, merkt ja niemand - sie werden im Stuhl nicht sichtbar, schmerzen nicht, sie leben halt eine Weile und sterben dann.
    Aber Arbeit auf dem Bauernhof kostet Zeit - und es ist überigens auch wirklich nicht jeder dafür geeignet. Ein Medikament zu schlucken, spart andere Schwierigkeiten.

    Ich vermute eher, daß die Nebenwirkungen sich in engen Grenzen halten werden und vermutlich in einem physiologischen "Gesamtbild" untergehen. Das heißt, man kann gar nicht genau sagen, was jetzt eine Nebenwirkung ist, weil alles in völlig normalem Rahmen bleibt.

    MGv Oyamat

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    weil synthetisch zusammengestzte Vitamine nicht die selbe (gute)Wirkung haben, wie die natürlichen. Man braucht das alles nicht, wenn man sich bewusst gesund und artgerecht ernährt und immer auch selbst genau auf seinen Körper mit allen seinen Reaktionen achtet!
    Die neue Weltordnung, die wir brauchen, setzt zunächst die Einsicht voraus, daß das Leben nicht von Menschen geschaffen wurde, sondern unter Zusammenwirkung aller Naturkräfte sich über sehr lange Zeiträume entwickelt hat bis zum Menschen hin und auch nur von diesen wirklich genährt und im Erkrankungsfall geheilt werden kann. Aber von dieser Einsicht, die eben gerade nicht überheblich ist, hat sich die Menschheit leider so weit entfernt und in eine lebenszerstörerische Überheblichkeit über die Natur, über die gesamte Schöpfung,hineinkatapultiert, daß ich mir nicht mehr sicher bin, ob diese unsere Art überhaupt noch einmal die notwendige Kurve in die richtige Richtung hinbekommt. Gerade in der Wissenschaft und für uns besonders empfindlich in der Medizinwissenschaft erkennt man heute immer noch überdeutlich das kartesianische Denken, das Subjekt von Objekt trennt und den Grundstein für unser heutiges erstarrtes und todbringendes Weltbild gelegt hat.

    • Oyamat
    • 10. November 2012 3:45 Uhr

    Frage: >> Zitat: "immer mehr Erfolge" Steigt die Erfolgsrate oder steigt nur die absolute Anzahl der Erfolge im gleichen Verhältnis wie die Mißerfolge? <<
    Wie wäre es mit der Erkenntnis, daß manche Leute nicht von jetzt auf gleich geheilt sind, sondern Zeit zum Gesunden brauchen? Natürlich steigt, gerade wenn man darauf setzt, den Körper allmählich wieder ins Lot zu bringen, der Erfolg erst mit der Zeit an. Das ist übrigens auch die Antwort auf Ihre beiden letzten Fragen. Medizin ist ein harter Job, da brauchen die Ergebnisse manchmal eine Weile, bis sie sich einstellen. Jahre, Jahrzehnte... Tut mir leid ja für Sie, wenn Sie gehofft hatten, man wüsste schon alles über so eine Wurmtherapie, wenn man nur zwei, drei Wochen zugesehen hat. So nett ist die Welt nicht zu uns.
    >> Also unwirklich krank oder doch ein klein wenig? <<
    Krank und gesund sind keine mathemtisch exakten Zustände. Was "krank" ist, ist eine Sache gesellschaftlicher ÜBereinkünfte. Es gibt Grenzfälle, in denen jemand ziemlich sicher krank ist, aber völlig gesund ist vielleicht kein einziger Mensch auf dieser Welt.
    >> Gibt es auch unnatürliche Darmparasiten? <<
    Es gibt eine ganze Menge Kontraste zum Natürlichen, das Künstliche etwa oder das Übernatürliche. Was davon sich hoer als sinnvoll anbietet, überlasse ich Ihnen als kleine Denksportaufgabe.

    OGv Oyamat

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Erfolg muss selbstverändlich nicht Heilung bedeuten. Wenn man von "Erfolg" spricht sollte man auch genau sagen könnten wie und was gemessen wurde. Was steht denn im Originalartikel? Diese Therapie setzt Weinstock ja nicht erst seit Wochen, sondern mind. seit 8 Jahren ein (kurze Googlerecherche), da sollten doch Zahlen vorliegen. Steigen wird die Erfolgsrate auch unter Placebobehandlung, wenn man nur lange genug wartet - allein durch die Spontanremissionen.
    Bezüglich nicht wirklich: Beim nochmaligen Lesen vermute ich eher einen Übersetzungsfehler (not really: übersetzt mit nicht wirklich statt z.B. eigentlich nicht).
    Zur Denksportaufgabe: da es keine übernatürlichen Darmparasiten gibt und bisher auch keine Darmparasiten nachgebaut wurden, werden es normale Darmparasiten sein. Der Begritt "natürlich" wurde deshalb gewählt, weil er besser klingt.

  3. 13. Aha...

    Zitat: "Wir brauchen eine neue Weltordnung von Grund auf! Und der erste richtige Schritt hierzu ist eine Tierprotein-freie Ernährung!"

    Das klingt aber sehr überheblich und anmaßend, gleich eine neue Weltordnung auszurufen...

  4. Ein Erfolg muss selbstverändlich nicht Heilung bedeuten. Wenn man von "Erfolg" spricht sollte man auch genau sagen könnten wie und was gemessen wurde. Was steht denn im Originalartikel? Diese Therapie setzt Weinstock ja nicht erst seit Wochen, sondern mind. seit 8 Jahren ein (kurze Googlerecherche), da sollten doch Zahlen vorliegen. Steigen wird die Erfolgsrate auch unter Placebobehandlung, wenn man nur lange genug wartet - allein durch die Spontanremissionen.
    Bezüglich nicht wirklich: Beim nochmaligen Lesen vermute ich eher einen Übersetzungsfehler (not really: übersetzt mit nicht wirklich statt z.B. eigentlich nicht).
    Zur Denksportaufgabe: da es keine übernatürlichen Darmparasiten gibt und bisher auch keine Darmparasiten nachgebaut wurden, werden es normale Darmparasiten sein. Der Begritt "natürlich" wurde deshalb gewählt, weil er besser klingt.

  5. weil synthetisch zusammengestzte Vitamine nicht die selbe (gute)Wirkung haben, wie die natürlichen. Man braucht das alles nicht, wenn man sich bewusst gesund und artgerecht ernährt und immer auch selbst genau auf seinen Körper mit allen seinen Reaktionen achtet!
    Die neue Weltordnung, die wir brauchen, setzt zunächst die Einsicht voraus, daß das Leben nicht von Menschen geschaffen wurde, sondern unter Zusammenwirkung aller Naturkräfte sich über sehr lange Zeiträume entwickelt hat bis zum Menschen hin und auch nur von diesen wirklich genährt und im Erkrankungsfall geheilt werden kann. Aber von dieser Einsicht, die eben gerade nicht überheblich ist, hat sich die Menschheit leider so weit entfernt und in eine lebenszerstörerische Überheblichkeit über die Natur, über die gesamte Schöpfung,hineinkatapultiert, daß ich mir nicht mehr sicher bin, ob diese unsere Art überhaupt noch einmal die notwendige Kurve in die richtige Richtung hinbekommt. Gerade in der Wissenschaft und für uns besonders empfindlich in der Medizinwissenschaft erkennt man heute immer noch überdeutlich das kartesianische Denken, das Subjekt von Objekt trennt und den Grundstein für unser heutiges erstarrtes und todbringendes Weltbild gelegt hat.

  6. daß die Medizinwissenschaft durch den wirtschaftlichen Wettbewerb verunreinigt ist. So lange die (medizinische) Forschung und die gesamte Heilbranche vom Kapialismus dirigiert wird, kann für kranke Menschen nichts Gutes dabei herauskommen. Das ist doch klar. In China gab es ja meines Wissens einmal einen guten Ansatz für die Heilproblematik. Ärzte sollten z.B.immer nur dann bezahlt werden, wenn sie auch wirklich geheilt hatten. Ein Existenzminimum für jeden Arzt wäre dabei natürlich selbstverständlich notwendig. Aber mehr nicht. Und Forschung wie im heutigen Stil bräuchten wir eigentlich gar nicht, denn wir haben ja mit den über Jahrtausende erfolgreich erprobten Heilverfahren TCM und Ayur-Veda, sowie mit der Hahnemannschen Homöopathie schon allein drei excellent funktionierende Heilsysteme.

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    Diagnostik, Vorsorgenmaßnahmen wie Impfungen und symptomorientierte Maßnahmen müssen selbstverständlich weiterhin bezahlt werden. Das wollen Sie bestimmt auch nicht ausschließen. Schon jetzt ist es vielfach so, dass Krankenkassen nur Kosten von Heilverfahren mit empirisch nachgewiesenen Benefit gegenüber Placebobehandlungen übernehmen. Sollte ein Arzt solche Leistungen nicht anbieten können, so erhält er nichts. Da hilft ihm auch kein Hinweis, dass sein Heilverfahren excellent funktionieren müßte. Das einzige, was glaubensmedizinische Maßnahmen ausufern läßt ist die Bereitschaft von Erkrankten auch für zweifelhafte Therapien viel Geld zu bezahlen. Im Grunde sollte schon das Anbieten solcher "Leistungen" als sittenwidriges Verhalten beurteilt werden.
    Die Gretchenfrage bezüglich der Wurmtherapie bleibt also: wirkt sie besser, gleich gut oder schlechter als eine Placebotherapie mit/ohne bisheriger Standardtherapie?

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