DemenzMutiertes Gen begünstigt Alzheimer im Alter

Ein Gen, das eigentlich Entzündungen verhindert, ist bei einigen Alzheimer-Patienten mutiert. Der wichtige Fund ist ein kleiner Schritt, das Volksleiden zu verstehen. von 

In einem betreuten Wohnen für Alzheimerpatienten im spanischen Madrid testet eine Sozialarbeiterin das Erinnerungsvermögen einer Erkrankten.

In einem betreuten Wohnen für Alzheimerpatienten im spanischen Madrid testet eine Sozialarbeiterin das Erinnerungsvermögen einer Erkrankten.  |  © David Ramos/Getty Images

Der Verfall beginnt ohne Ankündigung. In den Hirnen von mehr als 20 Millionen Menschen weltweit kleben giftige Eiweißbröckchen zwischen Myriaden von Nervenzellen. Die klumpigen Plaques durchdringen selbst kleine Blutgefäße und töten allmählich die Schaltstellen unseres Denkens, Erinnerns und Urteilens. Längst ist die Krankheit eine Epidemie. Bisher gibt es kein wirksames Mittel dagegen.

Die fortschreitende Zerstörung des Geistes ist so tückisch wie komplex . Alzheimer ist noch kaum verstanden. Ein wichtiges Detail haben nun zwei unabhängige Forschergruppen entdeckt. Beide Teams durchforsteten das Erbgut Tausender. Dabei stießen sie auf eine Variante des Gens Trem2, die das Risiko, ab einem Alter von 60 Jahren Alzheimer zu entwickeln, deutlich erhöht.

Anzeige

Wie genau die mutierte Form dieses Gens das Gehirn beeinflusst, wissen die Forscher nicht. Normalerweise dirigiert es weiße Blutkörperchen der Immunabwehr, die gegen Keime und krankhaftes Gewebe vorgehen. So verhindert der Körper auch Entzündungen. Im Gehirn sorgt Trem2 sogar dafür, dass nicht nur abgestorbene Zellen, sondern auch Amyloid-Proteine beseitigt werden. Letztere sind Teil der typischen Plaques im Alzheimer-Hirn.

Bislang war erst ein genetischer Risikofaktor bekannt

Die Trem2-Mutation ist extrem selten. Gerade einmal 1,9 Prozent der untersuchten Alzheimer-Patienten trugen die Veränderung namens R47H in ihrem Erbgut. Unter den Gesunden waren es 0.37 Prozent. Im New England Journal of Medicine beschreibt das Team aus Dutzenden Genetikern um John Hardy vom University College in London die Entdeckung.

Trem2 ist erst der zweite genetische Risikofaktor, der offenbar direkt mit Alzheimer verknüpft ist. Den anderen, namens APOE ε4 fanden Mediziner im Jahr 1993 . Ihn tragen etwa 40 Prozent aller Alzheimer-Kranken und schätzungsweise knapp 30 Prozent aller Menschen.

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

"R47H ist vielleicht selten, aber mächtig", sagt Minerva Carrasquillo von der Mayo Clinic in Florida , die an der Studie beteiligt gewesen ist. Zusammen mit internationalen Kollegen analysierte sie das Erbgut von rund 1.100 Alzheimer-Kranken und ebenso vielen Menschen, die nicht dement waren. Zwar wird nicht jeder mit der Risikovariante im Erbgut krank. Und bei Alzheimer-Kranken ohne die Trem2-Mutation spielen mit Sicherheit weitere Gene und äußere Einflüsse eine Rolle. "Doch wie auch APOE ε4 erhöht R47H das Risiko wesentlich."

Danach verdreifacht es sich für Träger der Mutationen. Dies fanden auch Forscher um Kári Stefánsson heraus, der die Firma deCODE Genetics in Reykjavík leitet. Die Ergebnisse ihrer Analysen sind ebenfalls im New England Journal of Medicine erschienen .

In den Datenbanken des Unternehmens sind medizinische und genetische Informationen von rund einer halben Milliarde Menschen gespeichert. Regelmäßig durchleuchten die Erbgut-Leseapparate DNA-Sequenzen auf der Suche nach Risikogenen für die Leiden der modernen Industriegesellschaft. Bis heute wurden auf diese Weise genetische Mitauslöser für unterschiedliche Erkrankungen von Asthma über Diabetes bis hin zu Krebs entdeckt.

Leserkommentare
  1. denn blinde Expertengläubigkeit ist viel aufgeklärter. So lange der von Ihnen erwähnte 'denkende Mensch' weiß, dass Experten für ihn denken, bedarf es der Ausschaltung der nach wie vor Zweifelnden oder Kritischen mittels sich auf die Aufklärung (keinesfalls ihre Werte - denn das ist unmöglich) berufender intellektueller Einschüchterung und Ächtung.

    Antwort auf "Vergiss Kommentare..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cb81
    • 16. November 2012 22:49 Uhr

    Verschachtelte Aussage mit viel Hintersinn. Nur, dass ein kritisch denkender Mensch Konventionen oder Aufklärung in frage stellt, ist nicht verkehrt und immer willkommen. Aber Statements abzugeben, die eine determinierte Kritik an wissenschaftlich erwiesenen Fakten auf eine intolerante Art und weiße und vor allem an den Haaren herbeigezogene und unqualifizierte Richtung schließen lassen, darf man entgegnen. Und glauben sie ruhig, dass der wissenschaftliche geschulte Kritiker keiner blinden expertengläubigkeit folgt, sondern gelernt hat, gegebene Dinge zu hinterfragen. Solange aber kein plausibler Hintergrund für die abwegige Infragestellung geliefert wird, muss man der Kritik standhalten.

    • cb81
    • 16. November 2012 22:49 Uhr

    Verschachtelte Aussage mit viel Hintersinn. Nur, dass ein kritisch denkender Mensch Konventionen oder Aufklärung in frage stellt, ist nicht verkehrt und immer willkommen. Aber Statements abzugeben, die eine determinierte Kritik an wissenschaftlich erwiesenen Fakten auf eine intolerante Art und weiße und vor allem an den Haaren herbeigezogene und unqualifizierte Richtung schließen lassen, darf man entgegnen. Und glauben sie ruhig, dass der wissenschaftliche geschulte Kritiker keiner blinden expertengläubigkeit folgt, sondern gelernt hat, gegebene Dinge zu hinterfragen. Solange aber kein plausibler Hintergrund für die abwegige Infragestellung geliefert wird, muss man der Kritik standhalten.

    Antwort auf "Sie haben recht,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cb81
    • 16. November 2012 23:47 Uhr

    Weise

    • cb81
    • 16. November 2012 23:47 Uhr
    Antwort auf "Herrlich"
    • Bregens
    • 17. November 2012 14:56 Uhr

    .
    eines sich der Forschung verpflichtenden Wissenschaftlers/Mediziners, sondern die zweifelhafte, moralische Ausstattung, der in einigen Medien als Experten zelebrierten Wirtschaftshandlanger, die viele Menschen an der Rechtschaffenheit der Wissenschaft allgemein zweifeln lässt.

    • Bregens
    • 30. November 2012 22:19 Uhr

    .
    Diese Partei liefert konstant, von Möllemann über Mövenpick, von spätrömischer Dekadenz über Brüderles ”versehentliche“ Ehrlichkeit, bis zum Armutsbericht und dem Kochrezept für Frösche, einen Beweis der eigenen politischen, sozialen und intellektuellen Armut nach dem anderen.

    Wozu noch also noch nachtreten?

    PS Um Haaresbreite hätte ich doch die Wirtschaftskompetenz des zweifach Konkursianers Lindner vergessen.

    • Bregens
    • 30. November 2012 22:20 Uhr

    Falsche Rubrik. Pardon

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alzheimer | Asthma | Demenz | Diabetes | Erbgut | Gehirn
Service