Mindestens ein Gutes hat die kalte Jahreszeit: Menschen, die an pollenbedingten Allergien leiden, haben für eine Weile vor Hasel, Erle, Gräsern und Roggen Ruhe. In den vergangenen Jahren hat diese Pause sich jedoch verkürzt: Die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia), bleibt bis in den Herbst hinein eine Gefahr. Sie produziert besonders viele Pollen und löst starke allergische Reaktionen aus. Für Betroffene dürfte allein der Name ein Hohn sein: Ambrosia, die unsterblich Machende, war in der griechischen Antike die begehrte Speise der Götter.

Heute stellt die Pflanze, deren Samen mit Vogelfutter aus Nordamerika eingeschleppt wurde, eine echte Plage dar.

Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig und des Allergiezentrums der Ludwig-Maximilians-Universität München haben abgeschätzt, welche Kosten durch ambrosiabedingte Allergien in den nächsten Jahren in Deutschland entstehen können. Das sei wichtig, um eine Relation zu den Kosten herzustellen, die das Bekämpfen der Pflanze verursacht, begründete die an der Studie beteiligte Umweltökonomin Wanda Born das Vorhaben.

Die Schätzungen basieren auf Befragungen von Patienten, die wegen allergischer Beschwerden das Zentrum an der Münchner Uniklinik aufsuchten. Mehr als die Hälfte von ihnen gab an, wegen ihrer Allergien regelmäßig zum Arzt zu gehen, im Schnitt fünfmal im Jahr. Ein Drittel der Befragten wird sogar für fünf Tage im Jahr zur Behandlung ins Krankenhaus aufgenommen, ein Fünftel ist im Schnitt für zwei Wochen beruflich außer Gefecht gesetzt. Fast die Hälfte der Befragten fühlt sich selbst bei einfachen körperlichen Tätigkeiten zeitweise stark eingeschränkt. Die Patienten zahlen aus der eigenen Kasse 200 Euro im Jahr für Maßnahmen wie etwa Pollenfilter.

Ungarn hat die Ambrosie schon erobert

In der Studie ging es um die zusätzlichen Behandlungskosten , die eine weitere Verbreitung der Beifuß-Ambrosie der Gemeinschaft aufbürden könnte. Sollte "nur" ein Zehntel der rund 17 Millionen Pollenallergiker auch auf Ambrosia reagieren, wären das rund 200 Millionen Euro, so die Autoren. Im schlimmsten Fall, wenn sich die Pflanze so großflächig ausbreiten würde wie etwa in Ungarn , drohe allerdings das Erkranken von zehn Prozent der Bevölkerung. Die Behandlungskosten würden sich dann auf mehr als eine Milliarde Euro belaufen.

"Dass Berlin mit einem Aktionsprogramm gegen Ambrosia der Ausbreitung Einhalt gebietet, ist immens wichtig", sagt Karl-Christian Bergmann vom Allergie-Zentrum der Charité . Aus den Daten der Ecarf , des Europäischen Zentrums für Allergieforschung, wisse man, dass rund 15 Prozent der erwachsenen Deutschen gegen Eiweiße aus den Pollen der Beifuß-Ambrosie sensibilisiert sind. "Die hohe Rate lässt sich teilweise dadurch erklären, dass vier Fünftel der Eiweiße mit denen des ebenfalls hochallergenen Beifuß-Gewächses identisch sind, das hier seit Jahrhunderten wächst, es gibt also Kreuzreaktionen", sagt Bergmann.

Sensibilisierung ist jedoch nicht gleich Krankheit: Nur eine Minderheit der Menschen, bei denen Antikörper gegen Eiweiße einer Pflanze im Blut gefunden werden, bekommt Symptome wie Heuschnupfen oder gar Asthma . Das zeigen Daten von 3.000 Patienten, die 32 Berliner Ärzte im Aktionsprogramm getestet haben. "Zwölf Prozent von ihnen sind gegen Ambrosia sensibilisiert, aber nur jeder dritte hat Anzeichen einer Allergie", sagt Sandra Kannabei vom Institut für Meteorologie der FU Berlin, wohin die Ergebnisse der Tests gemeldet wurden.

Meist vergehen fünf Jahre zwischen der ersten Reaktion des Immunsystems und Krankheitszeichen. Was die Beifuß-Ambrosie betrifft, so ist diese Zeit seit ihrem ersten Auftreten in Berlin inzwischen verstrichen. Seit 2007 kümmern sich in der Hauptstadt Ambrosia-Scouts darum, das Vorkommen zu erfassen und die Pflanzen zu entfernen. Sie tragen zwar Mundschutz, Umhang und Handschuhe. Trotzdem liegt es nahe, sich um ihr Wohlbefinden zu sorgen. Im Allergie-Zentrum der Charité wurden etwa 40 von ihnen untersucht. Das Ergebnis ist beruhigend: "Wir konnten feststellen, dass sich die Ambrosia-Scouts beim Umgang mit den Pflanzen nicht sensibilisieren", berichtet Bergmann. Niemand sei erkrankt.

Das Worst-Case-Szenario, demzufolge bald jeder zehnte Deutsche an einer Ambrosia-Allergie erkrankt sein könnte, hält Bergmann für unrealistisch. "Dass wir auf der Hut sein und alles gegen die Ausbreitung der Pflanze unternehmen sollten, ist aber auf jeden Fall richtig."

Erschienen im Tagesspiegel