ZEIT ONLINE: Herr Brockmeyer, die Aidshilfe hat kürzlich mehr als 1.100 HIV -Positive gefragt, wie es mit den Ärzten läuft. Jeder Fünfte hat berichtet, dass sich ein Arzt schon mal geweigert habe, ihn zu behandeln . Überrascht Sie dieses Ergebnis?

Norbert Brockmeyer: Dass manche Ärzte HIV-Positive nicht behandeln möchten, höre ich manchmal auch von den Patienten, die zu mir in die Klinik kommen. Die Ursache muss aber nicht gleich die Diskriminierung von HIV-Patienten sein. Denkbar ist auch, dass manche Ärzte unsicher sind im Umgang mit HIV-Infizierten und deren Therapie und deshalb denken: Diese Patienten schicke ich lieber zu einem Kollegen, der sich damit besser auskennt als ich. Mal abgesehen davon: Wenn 20 Prozent der Befragten schlechte Erfahrungen gemacht haben, heißt das doch auch, dass 80 Prozent bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht haben.

ZEIT ONLINE: Was die Patienten in der Befragung berichten, ist teilweise haarsträubend. Einige Ärzte hätten behauptet, das Behandlungszimmer nach einem HIV-Patienten für ein paar Stunden nicht nutzen zu dürfen. In einer Klinik wollten sich Ärzte einer Patientin nur in Schutzkleidung nähern...

Brockmeyer: Das ist übertrieben. Behandelt ein Arzt einen HIV-positiven Patienten, reichen die ganz normalen Schutzmaßnahmen: Handschuhe, Kittel und so weiter. Das Risiko, sich bei der Behandlung eines positiven Patienten mit dem HI-Virus zu infizieren, schätzt das Robert Koch-Institut "sehr gering" ein. Zwischen 1984 bis März 2007 hat es in Deutschland nur 59 beruflich bedingt anerkannte HIV-Infektionen bei medizinischem Personal gegeben – häufig nach Stichverletzungen mit gebrauchten Kanülen. Mir ist wichtig, dass nicht alle Ärzte über einen Kamm geschoren werden. HIV-Infizierte werden in Deutschland in der Regel hervorragend behandelt.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben viele Ärzte offenbar Angst davor. Müssten sie als Mediziner nicht eigentlich wissen, wie gering das Risiko einer Ansteckung ist?

Brockmeyer: Ja - und nein. Als Mediziner wissen sie, dass sie vor einer Ansteckung bei HIV-positiven Patienten keine Angst haben brauchen. Unterbewusst sind Ängste vorhanden, also ist noch viel Aufklärung nötig. Ärzte sind keine Halbgötter in weiß, wie man so oft sagt, sondern sie sind ganz normale Menschen. Und als solche sind sie ein Teil der Gesellschaft, in der zum Teil noch große Verunsicherung im Umgang mit HIV und Aids herrscht.

ZEIT ONLINE: Ein anderes Ergebnis der Aidshilfe-Befragung: Jeder Zehnte hat sich schon einmal nicht zu seinem Arzt getraut hat, obwohl eine Behandlung dringend nötig gewesen wäre.

Brockmeyer: Wenn sich die Patienten aus Angst vor einer möglichen Diskriminierung nicht mehr zum Arzt trauen, ist das ein Problem. Ich kenne HIV-positive Frauen, die sich jahrelang nicht mehr zu ihrem Frauenarzt getraut haben. Ein kritisches Verhalten, schließlich schwächt HIV das Immunsystem. Kommen andere Krankheiten ins Spiel, sind negative Interaktionen möglich. Oder anders gesagt: Jede unbehandelte Entzündung kann dazu führen, dass sich die HIV-Infektion beschleunigt. Dieses Problem besprechen wir mit den Patientinnen und Patienten besonders intensiv.