Aids"Manche Ärzte möchten HIV-Positive nicht behandeln"

Unter Medizinern ist die Unsicherheit im Umgang mit HIV-Infizierten groß, sagt der Forscher N. Brockmeyer im Interview. Die Angst sei unbegründet und gefährde Patienten. von Patrick Kremers

ZEIT ONLINE: Herr Brockmeyer, die Aidshilfe hat kürzlich mehr als 1.100 HIV -Positive gefragt, wie es mit den Ärzten läuft. Jeder Fünfte hat berichtet, dass sich ein Arzt schon mal geweigert habe, ihn zu behandeln . Überrascht Sie dieses Ergebnis?

Norbert Brockmeyer: Dass manche Ärzte HIV-Positive nicht behandeln möchten, höre ich manchmal auch von den Patienten, die zu mir in die Klinik kommen. Die Ursache muss aber nicht gleich die Diskriminierung von HIV-Patienten sein. Denkbar ist auch, dass manche Ärzte unsicher sind im Umgang mit HIV-Infizierten und deren Therapie und deshalb denken: Diese Patienten schicke ich lieber zu einem Kollegen, der sich damit besser auskennt als ich. Mal abgesehen davon: Wenn 20 Prozent der Befragten schlechte Erfahrungen gemacht haben, heißt das doch auch, dass 80 Prozent bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht haben.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Was die Patienten in der Befragung berichten, ist teilweise haarsträubend. Einige Ärzte hätten behauptet, das Behandlungszimmer nach einem HIV-Patienten für ein paar Stunden nicht nutzen zu dürfen. In einer Klinik wollten sich Ärzte einer Patientin nur in Schutzkleidung nähern...

Norbert Brockmeyer
Norbert Brockmeyer

Norbert Brockmeyer ist Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS und Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB).

Brockmeyer: Das ist übertrieben. Behandelt ein Arzt einen HIV-positiven Patienten, reichen die ganz normalen Schutzmaßnahmen: Handschuhe, Kittel und so weiter. Das Risiko, sich bei der Behandlung eines positiven Patienten mit dem HI-Virus zu infizieren, schätzt das Robert Koch-Institut "sehr gering" ein. Zwischen 1984 bis März 2007 hat es in Deutschland nur 59 beruflich bedingt anerkannte HIV-Infektionen bei medizinischem Personal gegeben – häufig nach Stichverletzungen mit gebrauchten Kanülen. Mir ist wichtig, dass nicht alle Ärzte über einen Kamm geschoren werden. HIV-Infizierte werden in Deutschland in der Regel hervorragend behandelt.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben viele Ärzte offenbar Angst davor. Müssten sie als Mediziner nicht eigentlich wissen, wie gering das Risiko einer Ansteckung ist?

Brockmeyer: Ja - und nein. Als Mediziner wissen sie, dass sie vor einer Ansteckung bei HIV-positiven Patienten keine Angst haben brauchen. Unterbewusst sind Ängste vorhanden, also ist noch viel Aufklärung nötig. Ärzte sind keine Halbgötter in weiß, wie man so oft sagt, sondern sie sind ganz normale Menschen. Und als solche sind sie ein Teil der Gesellschaft, in der zum Teil noch große Verunsicherung im Umgang mit HIV und Aids herrscht.

ZEIT ONLINE: Ein anderes Ergebnis der Aidshilfe-Befragung: Jeder Zehnte hat sich schon einmal nicht zu seinem Arzt getraut hat, obwohl eine Behandlung dringend nötig gewesen wäre.

Brockmeyer: Wenn sich die Patienten aus Angst vor einer möglichen Diskriminierung nicht mehr zum Arzt trauen, ist das ein Problem. Ich kenne HIV-positive Frauen, die sich jahrelang nicht mehr zu ihrem Frauenarzt getraut haben. Ein kritisches Verhalten, schließlich schwächt HIV das Immunsystem. Kommen andere Krankheiten ins Spiel, sind negative Interaktionen möglich. Oder anders gesagt: Jede unbehandelte Entzündung kann dazu führen, dass sich die HIV-Infektion beschleunigt. Dieses Problem besprechen wir mit den Patientinnen und Patienten besonders intensiv.

Leserkommentare
  1. Es ist bodenlos, dass manche Mediziner sich vor HIV-Infizierten fuerchten!
    Es ist kein Thema, dass Arzt/Aerztin sich vor der Krankheit schuetzen moechte! Aber und das ist ganz klar, es ist scheinheilig zu behaupten, dass man tolerant sei, wenn man diese Infektion zur Begruendung nimmt, Personen wie Aussaetzige zu behandeln! Auch sollten Aerzte davon abruecken Krankheiten als gottgegeben zu begruenden! Diese Aerzte sind naemlich nur oberflaechlich und sollten lieber in das Gewerbe der Theologie umsteigen! Und sollte jemand behaupten, dass diese Krankheit nur Arme, Prostituierte, Schwule, etc. bekommen, so ist das gelogen und die Tabuisierung von Themen unterstuetzt nur unwissentliche Infizierung!
    Ach ja und auch Comics koennen in diesem Kontext sehr hilfreich sein! Fuer manche Kinder in Afrika sind diese Komiks ueberlebenswichtig! Aber das koennen nur Personen verstehen, die ausser Deutschland und dem Corpsdenken noch was anderes gesehen haben!

    • NeoZech
    • 06. November 2012 11:29 Uhr

    kann man kaum was haben. Aber es ist doch auffällig, dass der Mann sich widerspricht: "Es gibt Kliniken und Ärzte im Land, die sehen vielleicht einmal im Jahr einen HIV-positiven Patienten."
    Gleichzeitig sagt er: "Der Umgang mit HIV-Patienten, aber auch mit Patienten, die andere sexuell übertragbare Infektionen haben, muss in der Ausbildung junger Mediziner eine wichtige Rolle spielen."
    Wenn man sich die obere Schätzung ansieht kann man fragen: Warum?
    Wäre es nicht sinnvoller, eine breite und gute Versorgung mit wenigen "wirklichen" Experten sicher zu stellen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hubermi
    • 06. November 2012 13:04 Uhr

    Ich sehe da keinen Widerspruch.

    Es geht ja nicht nur um die direkte HIV Behandlung an sich. Da würde ich Ihnen zustimmen, nicht jeder Arzt muss ein Experte auf dem Gebiet der Behandlung von HIV sein.

    Es geht aber darum, sich als HIV Infizierter bei anderen Krankheiten oder Untersuchungen, die primär erstmal nichts mit der HIV Infektion zu tun haben, weiterhin seinen Arzt frei aussuchen zu können. Bei der Behandlung von Rückenschmerzen z.B. hat eine HIV Infektion erstmal keine besondere Bedeutung.

    Wenn ein HIV-Infizierter erst 50km zum nächsten Zahnarzt mit "HIV-Fortbildung" fahren müsste, dann ist das nicht akzeptabel. Deshalb muss sich jeder Arzt mit HIV Beschäftigen.
    Wenn ein Arzt behauptet, dass Wartezimmer für 2 Stunden sperren zu müssen, weil sich darin ein HIV Infizierter aufgehalten hat, dann ist das nicht hinzunehmen.
    Der Grippepatient, der durchaus ansteckend ist, wird gleichzeitig ohne Bedenken behandelt und ihm der Aufenthalt im Wartezimmer erlaubt.

    • juwoki
    • 06. November 2012 14:54 Uhr

    Ich dachte wir wären mit der Aufklärung nach gut 30 Jahren etwas weiter. Das wir jetzt auch nich Nachhilfe für die Herrn Doctores bracuhen finde ich fast schon schockierend.
    Die Behauptung das Wartezimmer sperren zu müssen wundert mich dagegen überhaupt nicht.
    Die Hygieneskandalen der letzten Wochen und Monate haben das Defizit des Wissens über diesen Bereich deutlich gezeigt.
    Unbd das Ihr Gesprächspartner auch noch seinen Kittel als eine der "ganz normalen Schutzmaßnahmen" bezeichnet ist lachhaft. Denn Baumwolle schützt nämlich vor gar nichts!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Cryt00n
    • 06. November 2012 18:50 Uhr

    muss ich Ihnen leider widersprechen.

    AIDS spielt wohl eine besondere Rolle in der Ausbildung: Schon im Voklinischen Teil des Studiums lernt man die groben pathologischen Vorgänge als auch Übertragungswege kennen.

    "Den Herrn Doctores" keine Nachhilfe zukommen lassen wollen ist absolut lächerlich. Täglich werden neue Studien über alle möglichen Krankheiten und Therapien veröffentlicht: Man muss sich dauernd fortbilden!

    Wie völlig übertriebene Hygienemaßnahmen (Quarantäne des Wartezimmers) in Ihre Sicht der "skandalösen Hygieneverhältnisse Deutschlands" passt, erschließt sich mir nicht. Die Hygieneverhältnisse in Deutschland sind nicht perfekt, aber immer noch gut.

    Und der Kittel ist eine äußerste Hygienebarriere, die wohl eher psychologische Vorteile (Hände waschen beim Kittel ausziehen) aber dennoch Berechtigung hat und zur Standard-Hygiene-Ausstattung gehört.

    Versthen Sie mich nicht falsch: Dass Ärzte in Deutschland Angst vor Patienten mit Infektionen haben (Tröpfcheninfektionen mal ausgenommen) darf nicht sein!
    Ich würde aber sehr gerne sehen, wie Sie entspannt eine Untersuchung an einem Patienten durchführen, dessen Krankheit letztendlich immernoch tödlich ist und mit drastischen opportunistischen Krankheiten einhergehen kann.

    lg

  2. Völlig richtig, Ärzte sind auch nur ganz normale Menschen und schon deswegen sollte nicht jeder Arzt von sich glauben, er könne jede Krankheit qualifziert behandeln. Mehr noch: ein halbwegs vernünftiger Arzt sollte auch gar nicht erst versuchen, alles behandeln zu wollen.

    Was fehlt, ist die Feststellung, warum Ärzte die Behandlung von HIV-Infizierten abgelehnt haben. War es die Angst vor einer Infektion oder war es die Erkenntnis, dass man als Wald-und-Wiesen-Arzt die Behandlung von eher seltenen Krankheiten, von denen man keine Ahnung hat, besser anderen überlässt?

    Nur wenn Angst das Motiv wäre, besteht ein Riesenproblem, denn ein Arzt darf keine Angst vor Krankheiten haben. Angst resultiert außerdem zumeist aus Unwissenheit, die ein Arzt bezüglich einer Infektion mit HIV heute auch nicht (mehr) haben darf. Das Problem geht aber schon an die Grundlagen des ärztlichen Berufs. Wer Angst vor Krankheiten hat und sich achon aus allgemein zugänglichen Quellen über Krankheiten nicht informieren will, ist für den Arztberuf gänzlich ungeeignet. Da hilft auch keine zusätzliche Lerneinheit im Studium mehr.

    • NeoZech
    • 06. November 2012 16:22 Uhr

    -meiner bescheidenen Meinung nach- ob man die Ärzte nicht in Bezug auf Krankheiten weiterbilden sollte, die deutlich häufiger sind.

    Antwort auf "Widerspruch?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hubermi
    • 07. November 2012 7:55 Uhr

    Nochmal zum mitmeisseln und kürzer:

    Es geht nicht um die Krankheit HIV, es geht um den Umgang von Ärzten mit HIV Kranken die wegen einer anderen Krankheit zum Arzt gehen.

    Wenn ein Patient mit irgendeiner anderen chronischen Krankheit zum Arzt geht, dann wird dieser ganz selbstverständlich behandelt.
    Ein HIV Kranker wird aus Unwissenheit und Angst wie ein Aussätziger behandelt.

    • Cryt00n
    • 06. November 2012 18:50 Uhr

    muss ich Ihnen leider widersprechen.

    AIDS spielt wohl eine besondere Rolle in der Ausbildung: Schon im Voklinischen Teil des Studiums lernt man die groben pathologischen Vorgänge als auch Übertragungswege kennen.

    "Den Herrn Doctores" keine Nachhilfe zukommen lassen wollen ist absolut lächerlich. Täglich werden neue Studien über alle möglichen Krankheiten und Therapien veröffentlicht: Man muss sich dauernd fortbilden!

    Wie völlig übertriebene Hygienemaßnahmen (Quarantäne des Wartezimmers) in Ihre Sicht der "skandalösen Hygieneverhältnisse Deutschlands" passt, erschließt sich mir nicht. Die Hygieneverhältnisse in Deutschland sind nicht perfekt, aber immer noch gut.

    Und der Kittel ist eine äußerste Hygienebarriere, die wohl eher psychologische Vorteile (Hände waschen beim Kittel ausziehen) aber dennoch Berechtigung hat und zur Standard-Hygiene-Ausstattung gehört.

    Versthen Sie mich nicht falsch: Dass Ärzte in Deutschland Angst vor Patienten mit Infektionen haben (Tröpfcheninfektionen mal ausgenommen) darf nicht sein!
    Ich würde aber sehr gerne sehen, wie Sie entspannt eine Untersuchung an einem Patienten durchführen, dessen Krankheit letztendlich immernoch tödlich ist und mit drastischen opportunistischen Krankheiten einhergehen kann.

    lg

    Antwort auf "Schade !"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "... wie Sie entspannt eine Untersuchung an einem Patienten durchführen, dessen Krankheit letztendlich immernoch tödlich ist und mit drastischen opportunistischen Krankheiten einhergehen kann."

    Das betrifft doch nicht nur AIDS bzw. HIV-Infizierte!

    Es gibt doch unzählige Krankheiten, die letztendlich immer noch tödlich sind und die mit drastischen opportunistischen Krankheiten einhergehen können - warum sollte ein Arzt bei einem HIV-Infizierten weniger entspannt sein als bei einem Herpes-Simplex-Enzephalitis-Patienten?

    Wenn Sie bei Patienten mit potentiell tödlichen Krankheiten nervös werden, sollten Sie Ihre Berufswahl evtl. doch noch einmal überdenken.

    • elesha
    • 06. November 2012 18:53 Uhr

    Wie so oft im Medizinstudium - theoretisch kennen sich alle bestens aus - Retroviren, Virustatika, Therapieschemata - aber wenn es ums Praktische geht tun sich gigantische Lücken auf. Über das Leben mit HIV lernt man nichts im Medizinstudium. Über Sexualität insgesamt schon gar nicht. Dann braucht sich auch keiner wundern, wenn die Behandlung HIV-positiver Patienten von Vorurteilen und übertriebener Vorsicht geprägt ist. Denn etwas, was man nie gelernt hat, an- und auszusprechen macht Angst, das ist klar. Und das ist ein Problem, das sich nicht nur auf HIV erstreckt, dort wird nur am meisten nachgeforscht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Cryt00n
    • 06. November 2012 20:05 Uhr

    Wie soll man in 6 Jahren bitte chemische und physikalische Grundlagen, den Menschlichen Körper, physiologische und psychosomatische Krankheiten (uvm!!) UND die Sicht des Patienten auf diverse Krankheiten lernen?

    An manchen Unis übt man immerhin zusätlich durch Rollenspiele mit Schauspielern den richtigen menschlichen aber auch sachlichen Umgang mit Patienten. Im Praktischen Jahr sowieso. Wie soll man bitte enger mit Patienten in Kontakt treten, sofern keiner aus seinem engen Umfeld erkrankt ist?

    Ich versteh nicht, wieso sich so viele über die scheinbar schlechte Ausbildung unserer zukünftigen Ärzte aufregen, nach denen sich andere Länder die Finger lecken?

    Fakt ist, dass der Großteil der Studienabsolventen nach etwas Eingewöhnungszeit zu brauchbaren Medizinern mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen werden und das war soweit ich weiß bei anderen Berufsgruppen auch noch menschlich ...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Aids | Arzt | Aufklärung | Diskriminierung | HIV | Immunsystem
Service