Leserartikel

Unheilbare LähmungAnschauen heißt Ja, Wegschauen Nein

Unser Leser Branislav Radic pflegte drei Jahre lang einen vollständig gelähmten Mann. Er half ihm, seinen Alltag zu meistern, und wurde Zeuge einer großen Liebe. von 

Während meines Zivildienstes war ich einem Patienten zugeteilt, der an ALS litt, Amyotrophe Lateral Sklerose, einer Erkrankung des Rückenmarks mit nachfolgendem Muskelschwund. Herr Gross* konnte keine Bewegungssignale zu seinen Gliedmaßen senden. Bis auf seine Augen und ein paar Gesichtsmuskeln konnte er keinen Muskel seines Körpers bewegen.

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Herr Gross war an unzählige Maschinen angeschlossen, die sein Überleben sicherten. Er musste künstlich ernährt, künstlich entleert und künstlich beatmet werden. Wenn ein Insekt im Raum herumflog, bekam er diesen panischen Ausdruck in den Augen. Er hatte Angst das Tier würde bei ihm irgendwo auf der Haut landen. Gesunde Menschen machen eine Reflexbewegung mit der Hand, um es zu verscheuchen. Herr Gross hatte diese Möglichkeit nicht.

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Über den ganzen Tag verteilt kamen unterschiedliche Therapeuten, die ihn behandelten. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war ich überzeugt, dass ich es keine drei Tage aushalten würde, ihn zu betreuen. Am Ende war ich drei Jahre lang bei ihm, die ich sehr gerne mit ihm verbracht habe. Nach meinem Zivildienst habe ich noch zwei Jahre als Pflegeassistent auf Teilzeitbasis für ihn gearbeitet.

Ich half Herrn Gross bei der täglichen Pflege: Waschen, Speichel absaugen, Massage und etwas Bewegung für seine Gliedmaßen. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, seine Freizeit zu gestalten. Morgens las ich ihm die Zeitung vor, danach aus Büchern: Ken Follet, Henning Mankell, Donna Leon. Ab 18:30 war Fernsehen angesagt: Regionalnachrichten, Krimis und Quizshows.

Anfangs fiel es mir schwer, mit ihm zu kommunizieren. Er konnte nicht sprechen, deshalb musste ich ihm Fragen stellen, die er mit ja oder nein beantworten konnte. Er kommunizierte mit seinen Blicken: Mich anschauen hieß ja, wegschauen nein. Mit der Zeit stellte ich die richtigen Fragen und bekam schnell Antworten. Das war auch nötig, wenn ich zu viel fragte, ermüdeten seine Augen.

Bevor er zu Hause gepflegt wurde, war er im Krankenhaus. Dort hatte er aber Wunden am Rücken bekommen vom Durchliegen. Seine Frau war entsetzt über seinen Zustand und entschied, ihn daheim zu pflegen. Als ich zu ihm kam, lag Herr Gross bereits seit über zehn Jahren gelähmt in seinem Schlafzimmer. Vor dem Bett stand ein riesiger Kleiderschrank mit einer Spiegelfront. Tag für Tag sah er sich selbst im Spiegel.

Ich habe mich oft gefragt, ob er so tatsächlich weiterleben wollte. Doch seine Lebensfreude sprach dafür: Sie zeigte sich in seinem Humor, seinem Interesse für Kunst und das aktuelle Tagesgeschehen und in der Liebe zu seiner Frau.

Das war es auch, das mich am meisten berührte – die Liebe des Ehepaars. Frau Gross sorgte sich aufopfernd um ihren Mann und gab die Hoffnung nicht auf, dass er noch geheilt werden könnte. Sie liebte ihn auch nach Jahrzehnten der Ehe abgöttisch.

Mir erschien das schon fast unheimlich, denn sie wusste, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Jeden Tag nahm sie sich Zeit, mit ihm zu reden, ihm etwas Rotwein, den er gerne mochte, auf die Zunge zu tröpfeln, mit ihm zu lachen, ihn zu streicheln, mit ihm zu weinen, ihn zu trösten, einfach Zeit mit ihm zu verbringen.

Oft habe ich mich gefragt, ob Herr Gross vielleicht nur seiner Frau zu Liebe am Leben blieb, damit sie nicht unter seinem Verlust leiden musste. Doch sie muss auch unter der Situation gelitten haben. Ich wagte es allerdings nie, sie zu fragen.

Bis heute trage immer ein Foto von Herrn Gross mit mir, um mich an die Zeit mit ihm zu erinnern. Ob er noch lebt oder nicht, weiß ich nicht. Seit er nicht mehr mein Pflegepatient ist, versuche ich Arbeit und Privates so gut es geht zu trennen. Ich bekam Einladungen zu Weihnachten, zu Ostern und zu seinem Geburtstag, doch nie konnte ich mich überwinden, sie anzunehmen. Ich bin noch nie mit dem Tod in Berührung gekommen. Wahrscheinlich hat mich meine Angst davor daran gehindert, Herrn Gross zu besuchen. Angst davor zu erleben, wie jemand stirbt.

Inzwischen habe ich den Kontakt mit der Familie ganz abgebrochen. Immer wieder denke ich daran, mich bei ihnen zu melden und einfach mal zu schauen, wie es ihnen geht. Allerdings befürchte ich, in alten Wunden zu bohren, wenn ich nach Herr Gross frage. Deswegen lasse ich das lieber. Schließlich geht es mich eigentlich nichts an.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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    • Quelle Leserartikel
    • Schlagworte Ehe | Freizeit | Henning Mankell | Humor | Krankenhaus | Krankheit
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