Torsten Hoppe-Tichy führt eine Liste, die es eigentlich nicht geben dürfte. Rund 30 Medikamente hat der Apothekenleiter des Uniklinikums Heidelberg darauf vermerkt. Es sind Arzneien, die ihm demnächst ausgehen werden, sollte der Nachschub weiterhin ausbleiben. "Wöchentlich kommen ein bis zwei hinzu", sagt er und dass ihm diese Entwicklung langsam Angst mache. Denn neben Augentropfen, Blutverdünnern und Pilzmittel reihen sich zunehmend lebenswichtige Krebsmedikamente und Antibiotika ein in die Liste der nicht lieferbaren Medikamente.

Arzneimittelnotstände in deutschen Krankenhäusern ? Dort, wo Versorgungslücken angeblich nicht existieren, verschärft sich die Lage seit einigen Jahren. "Das Problem ist nicht neu. Doch inzwischen droht es zu eskalieren", sagt Hoppe-Tichy. Die Vereinigten Staaten hätten es vorgemacht. Jenseits des Atlantiks sind Drug Shortages längst nicht mehr auf sich zufällig häufende schicksalhafte Ereignisse zurückzuführen. Dort hat sich die Zahl der nicht lieferbaren Arzneien von 61 im Jahr 2005 auf über 270 im Jahr 2011 fast verfünffacht, berichtet die Medikamentenaufsichtsbehörde FDA. Das Institute for Safe Medication Practices, eine Organisation für Patientensicherheit, zählt mindestens 15 Todesfälle in 15 Monaten, die auf Medikamentenknappheit zurückzuführen seien. Die Dunkelziffer vermuten Experten weitaus höher, weil "viele Tote und Leiden, die durch den Mangel verursacht werden, unangezeigt bleiben", heißt es im Magazin The Lancet vom März.

"Wenn wir nicht aufpassen, wird uns diese Entwicklung einholen", sagt Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Es sei dem "großartigen Notfallmanagement" der Krankenhausapotheker zu verdanken, dass Patienten in Deutschland noch nicht zu Schaden gekommen seien. Denn auch plötzliche Lieferausfälle im Ausland können die deutschen Kliniken kalt erwischen.

Lieferengpässe betreffen vor allem Generika

Wie etwa im Fall der Ben Venue Laboratories im US-Bundestaat Ohio : Dort machten FDA-Inspektoren höchst merkwürdige Beobachtungen, als sie nach den Ursachen für Rostpartikel suchten, die sie in den Injektionslösungen für Krebsmittel der Firma fanden. Da tropfte etwa in einem Reinraum, wo höchst steriles Arbeiten gefordert ist, das Regenwasser von den Vorhängen . Das Werk wurde kurzerhand geschlossen. Die Folgen spürte selbst die Uniklinik Heidelberg. "Plötzlich wurden viele Krebsmedikamente aus dem Markt zurück gerufen, weil die beigepackten Lösungsmittel nicht die erforderliche Qualität hatten", erzählt Hoppe-Tichy. Er habe schließlich die Krebsmittel mit Suspensionen anderer Hersteller kombiniert, um der Lage Herr zu werden. "Und die Ausgabe der Mittel rationiert", fügt er hinzu. In einem Fall sei er sogar mit den Ärzten die Krankenakten durchgegangen, um zu prüfen, wer tatsächlich auf die knappen Mittel angewiesen war.

Zahlen aus den USA zeigen, dass fast die Hälfte der Lieferausfälle (43 Prozent) auf derartige Qualitätsprobleme zurückgehen. Meist betrifft es Wirkstoffe, die über Injektionen direkt in die Blutbahn gelangen. Von ausflockenden Lösungen – wie kürzlich beim Grippeimpfstoff von Novartis geschehen – über Pilz- und Bakterienkontaminationen bis zu Glas- und Metallsplitter reicht die Liste der Mängel. Die Ursachen für den Trend sehen Experten vor allem im globalen und zunehmenden Wettbewerb unter den Herstellern von Nachahmerpräparaten, den Generika.

Denn Lieferengpässe betreffen nur selten patentgeschützte neue Medikamente. Unter Generikaherstellern ist indes ein gefährlicher Konkurrenzkampf ausgebrochen. "Der Erste macht das Rennen", heißt es in der Branche: Das Unternehmen, das als erstes ein Mittel auf den Markt bringt, dessen Patentschutz abgelaufen ist, macht den Gewinn. Die Nachzügler können nur noch über den Preis den Markt durchdringen – mit dem Ergebnis, dass der Preis bis zu 60 Prozent unter den des Originalherstellers fällt.

Wirkstoffe und Arzneien von Lohnherstellern in Asien

Der Verband der Generikahersteller, Pro Generika, rechnet vor, dass in Deutschland 70 Prozent des gesamten Arzneimittelbedarfs der Gesetzlichen Krankenversicherungen von Generikaunternehmen abgedeckt würden. Die Firmen machten damit jedoch nur 22 Prozent ihres Umsatzes. "Gerade bei aufwändig herzustellenden, intravenös zu verabreichenden Arzneimitteln lässt sich diese Entwicklung kaum noch rechtfertigen", sagt Wolf-Dieter Ludwig.

Die sinkenden Preise haben Folgen: Fast alle Hersteller haben ihre Produktionen ausgelagert und beziehen ihre Wirkstoffe, Zusatzsubstanzen und selbst fertige Arzneimittel von Lohnherstellern in Asien . Die aber arbeiten nicht exklusiv für ein Unternehmen. Fällt ein Lieferant aus, geraten gleich mehrere Firmen, die das gleiche Medikament verkaufen, in Verzug und die Situation in den Krankenhäusern verschärft sich drastisch.

Schwarzmarkt-ähnliche Zustände für ausstehende Arzneien

Der Kostendruck führt zudem dazu, dass Unternehmen ihre Vorräte reduzieren. So versorgen sie mitunter ganz Europa aus nur einem Lager. "Ein Brand und die ganze Region wackelt", sagt die Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Krankenhausapotheker Silvia Hetz. Statt aber die Versorgung der Krankenhäuser rechtlich abzusichern, offenbart die deutsche Gesetzgebung gravierende Lücken. Zwar müssen die Arzneimittelproduzenten Pharma-Großhändler, also diejenigen, die die örtlichen Apotheken versorgen, ausreichend beliefern. Krankenhäuser aber beziehen den größten Teil ihrer Medikamente nicht vom Großhändler, sondern vom Pharmahersteller selbst. "Da aber existiert keine rechtliche Verpflichtung", sagt Hoppe-Tichy.

Der Mangel an Arzneimitteln veranlasst nun einige Firmen die Preise künstlich in die Höhe zu treiben. "Da werden erst Lieferengpässe angekündigt und schließlich der Preis erhöht", sagt Wolf-Dieter Ludwig. So wurde der Preis des Wirkstoffs Alkeran nach der Übernahme durch die Firma Aspen von etwa 53 Euro auf über 150 Euro verdreifacht, "um auch in Zukunft die Lieferung dieser bewährten Präparate garantieren zu können", wie es in einem Schreiben heißt, das ZEIT ONLINE vorliegt. Silvia Hetz wurde in Verhandlungen gar vor die Wahl gestellt, was ihr wichtiger sei: Preis oder Lieferbarkeit?

990 Dollar für ein Krebsmittel, das einst 12 Dollar kostete

In den USA führen die Lieferengpässe inzwischen zu Schwarzmarkt-ähnlichen Zuständen. So berichtet das Krebsmagazin Cancer Scope von einer Untersuchung, die besagt, dass ein ausstehendes Leukämie-Mittel mit einem Preis von 12 US-Dollar für 990 US-Dollar verkauft wurde. Die durchschnittliche Preissteigerungsrate für Medikamente beziffert eine US-Krankenhausallianz auf 650 Prozent .

Während in Europa noch diskutiert wird, hat Präsident Barack Obama reagiert und den Handlungsspielraum der Gesundheitsbehörde maßgeblich erweitert. Alle Lieferengpässe werden öffentlich gelistet – unter Nennung der Firma, der Ursache und der Dauer für die Verzögerung. Hersteller werden an einen Tisch gezwungen, sobald weitreichende Lieferengpässe auftreten. Die wichtigste Maßnahme aber sei die rechtzeitige Kommunikation, sagt Sandra Kweder von der FDA. Sie habe die Fähigkeit der FDA, die Öffentlichkeit vor Arzneimittelmangel zu schützen , am meisten gestärkt. Allein im Jahr 2011 konnten so 195 Engpässe rechtzeitig verhindert werden.