Psychiatrie im KriegsgebietDer Psychiater hat die Pistole griffbereit

Hunderte deutsche Soldaten leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Der Arzt Stefan Kropp erzählt, wie er das Leiden in Afghanistan behandelt hat. von 

Ein US-Soldat ruht sich im Einsatz aus. Viele Veteranen - amerikanische und deutsche - kehren traumatisiert nach Hause zurück.

Ein US-Soldat ruht sich im Einsatz aus. Viele Veteranen - amerikanische und deutsche - kehren traumatisiert nach Hause zurück.  |  © Carlos Barria/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Kropp, Sie sind in Deutschland Chefarzt zweier psychiatrischer Kliniken und hatten in Ihrer Jugend den Wehrdienst verweigert. Trotzdem waren Sie letztes Jahr für einen Monat im Camp der Bundeswehr im afghanischen Masar-i-Scharif als Psychiater tätig. Wie kam es dazu?

Stefan Kropp: Ich habe heute eine andere Einstellung zur Bundeswehr als damals mit 19. Heute kann ich tatsächlich helfen vor Ort, als ausgebildeter Arzt, damals dachte ich mir, dass ich durch den Zivildienst mehr Menschen Gutes tun könnte. Deshalb habe ich mich jetzt dazu entschieden, als Reservist der Bundeswehr im Ausland Verantwortung zu übernehmen. Und das war gut so: Während meiner Zeit in Masar-i-Scharif hatte ich den Eindruck, in kurzer Zeit vielen Menschen helfen zu können – ganz unbürokratisch und fächerübergreifend.

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ZEIT ONLINE: Wie waren die ersten Stunden vor Ort?

Stefan Kropp
Stefan Kropp

Prof. Dr. Stefan Kropp ist Psychiater. Er ist Chefarzt der Asklepios Fachkliniken Lübben und Teupitz. Im Winter 2011 war er als Reservist für einen Monat als Psychiater im Feldlazarett der Bundeswehr in Masar-i-Scharif in Afghanistan stationiert, als Oberfeldarzt und Sanitätsoffizier.

 

Kropp: Sobald man in Afghanistan landet, ist man sofort fest im Dienst. Man ist jederzeit ansprechbar, als einziger Psychiater vor Ort kann man rund um die Uhr angefunkt werden. Man hat eigentlich auch nicht mehr frei. Während ich da war, ist glücklicherweise niemand von den Deutschen gestorben. Leider sind aber in der Zeit afghanische Soldaten bei Angriffen durch Rebellen ums Leben gekommen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht ein psychiatrischer Notfall in Afghanistan aus?

Kropp: Ein Soldat hatte sich zum Beispiel langsam aber deutlich verändert. Er hat dann irgendwann kaum noch mit seinen Kameraden gesprochen, hat seinen Dienst nicht mehr normal gemacht. Da war die erste Verdachtsdiagnose eine Hirnhautentzündung. Doch schnell zeigte sich, dass seine Symptome der Beginn einer Psychose waren und der Patient unter einer Schizophrenie litt.

ZEIT ONLINE: Ist das ein alltäglicher Fall?

Kropp: Eine Schizophrenie ist zum Glück eine Ausnahmesituation, die nicht so viele Soldaten betrifft. Typisch sind leichte Beschwerden, wie Kopfschmerzen oder Migräne. Aber auch Angststörungen, Depressionen und Vorläuferstadien einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, kommen vor.

ZEIT ONLINE: Was ist der Auslöser für eine PTBS?

Kropp: Solche Störungen entwickeln sich ja meist mit Vorlauf. Am Anfang steht oft ein schlimmes Ereignis: Im Alltag ist das etwa ein Verkehrsunfall, ein Großbrand oder auch sexueller Missbrauch. Bei Soldaten kommen natürlich noch ganz andere belastende Momente hinzu, wie ein Gefecht mit dem Tod eines Kameraden oder ein Anschlag auf die Truppe. Die Unausweichlichkeit der Situation wird als sehr schlimm erlebt und häufig kommen dazu noch Schuldgefühle: "Warum habe ich überlebt, aber die anderen nicht?"

ZEIT ONLINE: Doch nicht jedes traumatische Erlebnis führt zu einer PTBS. Wie erkennen Sie die Betroffenen?

Kropp: Das sieht man daran, dass sich der Patient zurückzieht, lustlos und reizbar ist oder auffällig viel Alkohol trinkt. Angstsymptome, wie vermehrtes Grübeln und das Vermeiden von bestimmten Situationen, kommen hinzu. Wenn so etwas auffällt, sind das erste Warnzeichen. Dann schauen wir uns die Soldaten auf jeden Fall an. Wir sprechen auch mit den Einheiten und fragen, ob der Betroffene häufig im Einsatz in schwierige Situationen gekommen ist.

ZEIT ONLINE: Werden Soldaten besonders häufig Opfer von Belastungsstörungen?

Kropp: Natürlich sind Soldaten im Auslandseinsatz häufiger betroffen als die Allgemeinbevölkerung. Die allermeisten kommen mit dem, was sie dort sehen und erleben, aber gut zurecht. Es gibt eine wichtige Untersuchung zu dem Thema, die Dunkelziffer-Studie : Fast alle Soldaten, die in Afghanistan waren, haben traumatische Kriegserlebnisse. Aber nur ein kleiner Teil, knapp drei Prozent, leiden tatsächlich unter einer PTBS. Wir vermuten allerdings, dass es eine Dunkelziffer gibt, die nochmal so groß ist. Das sind dann Soldaten, die ihre Erkrankung selbst gar nicht feststellen oder einordnen können und sich dementsprechend an niemanden wenden. Bei ihnen kristallisiert sich die Krankheit erst im längeren Verlauf heraus. Es ist daher wichtig, diese Soldaten zu erkennen und ihnen gleich von Beginn an eine Behandlung anzubieten.

Posttraumatische Belastungsstörung

Ein wichtiger Hinweis auf die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist, dass es tatsächlich ein außergewöhnlich belastendes Lebensereignis, ein Trauma, gab. Dieses führt zu einer akuten oder verzögerten psychischen Reaktion. Immer wieder kommen die Gefühle hoch, die Patienten machen das Erlebte sozusagen noch einmal durch. Solche Flashbacks und Albträume sind typische Symptome.

Hinzu kommt eine emotionale Abstumpfung und das Gefühl der Gleichgültigkeit, eine Art Betäubtsein. Der innere Rückzug und eine Teilnahmslosigkeit an der Umgebung und am Leben anderer Menschen geht damit häufig einher.

Gerüche oder Geräusche können Auslöser für Flashbacks sein. Bei Soldaten ruft zum Beispiel der Geruch nach verbranntem Gummi und Fleisch oder das Knallen an Silvester, Baustellenlärm oder der Anlasser eines Autos Erinnerungen an schwere Kriegserlebnisse hervor. Häufig meiden Betroffenen solche Situationen. Schlaf- und Angststörungen sowie Depressionen und Suizidgedanken können ihre Ursache in der PTBS haben.

In den meisten Fällen ist die PTBS heilbar, nur selten wird sie chronisch zu einer Andauernden Persönlichkeitsänderung.

Arbeit im Feldlazarett

Das Feldlazarett in Masar-i-Scharif ist eine kleine Klinik, in der alle Ärzte zusammenarbeiten: unter anderem Chirurgen, Internisten, ein Anästhesist, ein Röntgenarzt, ein Zahnarzt, ein Hautarzt und ein Psychiater. Das Team ist international zusammengesetzt, mit dabei sind meist Amerikaner und Ungarn.

Die Deutschen Ärzte lösen sich ab. Jeder ist nur für wenige Wochen im Ausland.

Das Lazarett ist in einem geschützten Gebäude mit spezieller kriegssicherer Bauweise untergebracht. Dort gibt es die normale Untersuchungszimmer, aber auch eine Intensivstation, OP-Säle, ein Labor, eine Apotheke, ein Lager und eine Röntgenabteilung. Zum Schutz im Falle eines Anschlages haben alle Räume die Fenster ganz weit oben.

Behandelt werden neben Deutschen und anderen Soldaten auch afghanische Zivilisten, die oft weite Wege auf sich nehmen, um in das Lazarett zu kommen.

ZEIT ONLINE: Bei etwa 5.000 Deutschen Soldaten in Afghanistan vor Ort, sind drei bis sechs Prozent immerhin mehrere Hundert. Was passiert mit diesen psychisch kranken Soldaten?

Kropp: Das kommt darauf an, wie stark die Belastungsstörung ausgeprägt ist. Die meisten können ihren Dienst fortsetzen. Aber es gibt auch Fälle, gerade wenn jemand zusätzlich körperlich verletzt ist, in denen er nach Hause fliegen muss. Denn unser Lazarett ist vor allem für Notfälle eingerichtet, um im psychiatrischen Bereich zum Beispiel erst mal eine Diagnose zu stellen und die Therapie einzuleiten.

Leserkommentare
  1. Afghanistan sind nichts, in meinen Augen nur ein kosmetisches Pflaster auf die tiefen Wunden. Krieg und Zerstörungen beeinflussen auf Dauer jede menschliche Psyche.
    Ich hoffe, daß Herr Dr. Kropp weder die Situation dort unterschätzt noch sich selbst überschätzt.

  2. an diesen aktuellen Artikel:
    http://www.zeit.de/2012/47/Stalingrad-Jochen-Hellbeck

    Besonders an diesen Teil:
    ZEIT: Wie konnte sich trotz allem der Mythos so lange halten, die Deutschen seien in Stalingrad vor allem eines gewesen – Opfer?

    Hellbeck: Das bleibt nach wie vor erstaunlich. Während der NS-Zeit hieß es, die Stalingradkämpfer hätten ihr Leben für Volk, Reich und »Führer« gegeben. Danach deutete man ihren Tod zur Tragödie um: die Wehrmacht, an der Wolga zerrieben, von Hitler verraten. Wieder später wurden aus den einstigen Helden hilflose Menschen, die ins Getriebe des Krieges geraten waren. Die sowjetische Seite aber blieb stets außen vor. In stiller Kontinuität zur NS-Propaganda blenden auch viele jüngere Darstellungen die Rotarmisten als »gesichtslose Untermenschenmasse« einfach aus.

    Aber schön, daß die ZEIT vor kurzem auch mal wieder an Hannes Wader erinnerte.
    http://www.youtube.com/watch?v=sYnxLSwQSeI

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    • deDude
    • 27. November 2012 8:32 Uhr

    ... mit Afghanistan und der Bundeswehr?

    Man kann ja von dem Einsatz halten was man will, aber mit Stalingrad und Wehrmacht sehe ich da keine Schnittmengen...

    • deDude
    • 27. November 2012 8:32 Uhr

    ... mit Afghanistan und der Bundeswehr?

    Man kann ja von dem Einsatz halten was man will, aber mit Stalingrad und Wehrmacht sehe ich da keine Schnittmengen...

    Antwort auf "Das erinnert mich "
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    Und ob es da Schnittmengen gibt.
    Bitte beachten Sie auch, daß ich nicht nur die deutsche Soldaten betreffenden Zeilen zitiert habe.

    Im Gegensatz zum interviewten Medizinmann habe ich schon einmal "von der Waffe Gebrauch gemacht" - und weiß bis heute nicht, ob ich nicht treffen konnte oder nicht treffen wollte.
    (Nein, nicht an der Staatsgrenze.)

    Ein Soldat ist ein Soldat ist ein Soldat.

    • Karl V.
    • 27. November 2012 10:55 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

  3. Mir fehlt weiterhin grundsätzlich jedes Verständnis, wie man sich als Mann in so eine Situation begeben kann.

    Offenbar gibt es immer noch reichlich geistig Wachstumsbedürfte, die gerne das Verbrauchsmaterial für die Reichen spielen und unterwürfig in den Krieg ziehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • raffix
    • 27. November 2012 9:10 Uhr

    Das scheint vielen Männer nicht klar zu sein. Sie verteidigen ja nicht das eigene Land, sondern bestimmte Interessen, die oft nur von wenigen geteilt werden. In nahezu allen Kriegen waren Soldaten nur "Kanonenfutter" und sind gestorben für andere.
    Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum sich auch nur ein Mann auf der Welt für so etwas einspannen lässt.
    Und die Bundeswehr ist ja hier noch als sehr moderat einzustufen. Richtiger Krieg, bei dem es um viele viele Tote in den eigenen Reihen geht, sieht anders aus.
    Trotzdem gibt es offensichtlich genug Männer, die sich für so einen Wahnsinn wie Krieg einspannen lassen.

    • pakZ
    • 27. November 2012 9:18 Uhr

    Menschen, die im Fall der Fälle ihr eigenes Leben riskieren, um auch Ihnen die Möglichkeit zu belassen, solche Unverschämtheiten rauszuposaunen würde ich ein wenig mehr Respekt entgegenbringen.

    Man kann ja vom Krieg halten was man will - und kein rational denkender Mensch wird irgendetwas Gutes an so einem Krieg finden können - aber Soldaten als geistig minderbemittelte Befehlsempfänger und willfährige Gehilfen einer Finanzoligarchie darzustellen.. ich dachte, man sei mittlerweile doch ein wenig weiter; gerade auf Seiten der Blümchenzähler.

    • SonDing
    • 27. November 2012 13:45 Uhr

    Probate Mittel, funktionieren schon seit Jahrzehnten, nicht nur damals in der DDR, sondern überall wo man den "Friedensschützer" braucht.

    • raffix
    • 27. November 2012 9:10 Uhr

    Das scheint vielen Männer nicht klar zu sein. Sie verteidigen ja nicht das eigene Land, sondern bestimmte Interessen, die oft nur von wenigen geteilt werden. In nahezu allen Kriegen waren Soldaten nur "Kanonenfutter" und sind gestorben für andere.
    Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum sich auch nur ein Mann auf der Welt für so etwas einspannen lässt.
    Und die Bundeswehr ist ja hier noch als sehr moderat einzustufen. Richtiger Krieg, bei dem es um viele viele Tote in den eigenen Reihen geht, sieht anders aus.
    Trotzdem gibt es offensichtlich genug Männer, die sich für so einen Wahnsinn wie Krieg einspannen lassen.

    Antwort auf "Oh Männer!"
    • pakZ
    • 27. November 2012 9:18 Uhr
    6. .....

    Menschen, die im Fall der Fälle ihr eigenes Leben riskieren, um auch Ihnen die Möglichkeit zu belassen, solche Unverschämtheiten rauszuposaunen würde ich ein wenig mehr Respekt entgegenbringen.

    Man kann ja vom Krieg halten was man will - und kein rational denkender Mensch wird irgendetwas Gutes an so einem Krieg finden können - aber Soldaten als geistig minderbemittelte Befehlsempfänger und willfährige Gehilfen einer Finanzoligarchie darzustellen.. ich dachte, man sei mittlerweile doch ein wenig weiter; gerade auf Seiten der Blümchenzähler.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Oh Männer!"
  4. Daher: Augen auf bei der Berufswahl.

  5. Und ob es da Schnittmengen gibt.
    Bitte beachten Sie auch, daß ich nicht nur die deutsche Soldaten betreffenden Zeilen zitiert habe.

    Im Gegensatz zum interviewten Medizinmann habe ich schon einmal "von der Waffe Gebrauch gemacht" - und weiß bis heute nicht, ob ich nicht treffen konnte oder nicht treffen wollte.
    (Nein, nicht an der Staatsgrenze.)

    Ein Soldat ist ein Soldat ist ein Soldat.

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