ZEIT ONLINE: Herr Kropp, Sie sind in Deutschland Chefarzt zweier psychiatrischer Kliniken und hatten in Ihrer Jugend den Wehrdienst verweigert. Trotzdem waren Sie letztes Jahr für einen Monat im Camp der Bundeswehr im afghanischen Masar-i-Scharif als Psychiater tätig. Wie kam es dazu?

Stefan Kropp: Ich habe heute eine andere Einstellung zur Bundeswehr als damals mit 19. Heute kann ich tatsächlich helfen vor Ort, als ausgebildeter Arzt, damals dachte ich mir, dass ich durch den Zivildienst mehr Menschen Gutes tun könnte. Deshalb habe ich mich jetzt dazu entschieden, als Reservist der Bundeswehr im Ausland Verantwortung zu übernehmen. Und das war gut so: Während meiner Zeit in Masar-i-Scharif hatte ich den Eindruck, in kurzer Zeit vielen Menschen helfen zu können – ganz unbürokratisch und fächerübergreifend.

ZEIT ONLINE: Wie waren die ersten Stunden vor Ort?

 

Kropp: Sobald man in Afghanistan landet, ist man sofort fest im Dienst. Man ist jederzeit ansprechbar, als einziger Psychiater vor Ort kann man rund um die Uhr angefunkt werden. Man hat eigentlich auch nicht mehr frei. Während ich da war, ist glücklicherweise niemand von den Deutschen gestorben. Leider sind aber in der Zeit afghanische Soldaten bei Angriffen durch Rebellen ums Leben gekommen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht ein psychiatrischer Notfall in Afghanistan aus?

Kropp: Ein Soldat hatte sich zum Beispiel langsam aber deutlich verändert. Er hat dann irgendwann kaum noch mit seinen Kameraden gesprochen, hat seinen Dienst nicht mehr normal gemacht. Da war die erste Verdachtsdiagnose eine Hirnhautentzündung. Doch schnell zeigte sich, dass seine Symptome der Beginn einer Psychose waren und der Patient unter einer Schizophrenie litt.

ZEIT ONLINE: Ist das ein alltäglicher Fall?

Kropp: Eine Schizophrenie ist zum Glück eine Ausnahmesituation, die nicht so viele Soldaten betrifft. Typisch sind leichte Beschwerden, wie Kopfschmerzen oder Migräne. Aber auch Angststörungen, Depressionen und Vorläuferstadien einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, kommen vor.

ZEIT ONLINE: Was ist der Auslöser für eine PTBS?

Kropp: Solche Störungen entwickeln sich ja meist mit Vorlauf. Am Anfang steht oft ein schlimmes Ereignis: Im Alltag ist das etwa ein Verkehrsunfall, ein Großbrand oder auch sexueller Missbrauch. Bei Soldaten kommen natürlich noch ganz andere belastende Momente hinzu, wie ein Gefecht mit dem Tod eines Kameraden oder ein Anschlag auf die Truppe. Die Unausweichlichkeit der Situation wird als sehr schlimm erlebt und häufig kommen dazu noch Schuldgefühle: "Warum habe ich überlebt, aber die anderen nicht?"

ZEIT ONLINE: Doch nicht jedes traumatische Erlebnis führt zu einer PTBS. Wie erkennen Sie die Betroffenen?

Kropp: Das sieht man daran, dass sich der Patient zurückzieht, lustlos und reizbar ist oder auffällig viel Alkohol trinkt. Angstsymptome, wie vermehrtes Grübeln und das Vermeiden von bestimmten Situationen, kommen hinzu. Wenn so etwas auffällt, sind das erste Warnzeichen. Dann schauen wir uns die Soldaten auf jeden Fall an. Wir sprechen auch mit den Einheiten und fragen, ob der Betroffene häufig im Einsatz in schwierige Situationen gekommen ist.

ZEIT ONLINE: Werden Soldaten besonders häufig Opfer von Belastungsstörungen?

Kropp: Natürlich sind Soldaten im Auslandseinsatz häufiger betroffen als die Allgemeinbevölkerung. Die allermeisten kommen mit dem, was sie dort sehen und erleben, aber gut zurecht. Es gibt eine wichtige Untersuchung zu dem Thema, die Dunkelziffer-Studie : Fast alle Soldaten, die in Afghanistan waren, haben traumatische Kriegserlebnisse. Aber nur ein kleiner Teil, knapp drei Prozent, leiden tatsächlich unter einer PTBS. Wir vermuten allerdings, dass es eine Dunkelziffer gibt, die nochmal so groß ist. Das sind dann Soldaten, die ihre Erkrankung selbst gar nicht feststellen oder einordnen können und sich dementsprechend an niemanden wenden. Bei ihnen kristallisiert sich die Krankheit erst im längeren Verlauf heraus. Es ist daher wichtig, diese Soldaten zu erkennen und ihnen gleich von Beginn an eine Behandlung anzubieten.

ZEIT ONLINE: Bei etwa 5.000 Deutschen Soldaten in Afghanistan vor Ort, sind drei bis sechs Prozent immerhin mehrere Hundert. Was passiert mit diesen psychisch kranken Soldaten?

Kropp: Das kommt darauf an, wie stark die Belastungsstörung ausgeprägt ist. Die meisten können ihren Dienst fortsetzen. Aber es gibt auch Fälle, gerade wenn jemand zusätzlich körperlich verletzt ist, in denen er nach Hause fliegen muss. Denn unser Lazarett ist vor allem für Notfälle eingerichtet, um im psychiatrischen Bereich zum Beispiel erst mal eine Diagnose zu stellen und die Therapie einzuleiten.