Bremer MakakenMitleid mit den Tieren löst das Dilemma nicht

Die Affenversuche in Bremen dürfen weitergehen. Sich einfach darüber zu empören, ist zu kurz gedacht. Entweder leiden Tiere oder der Mensch. von 

Macaca mulatta Rhesusaffe

Ein Rhesusaffen-Junges (Macaca mulatta) in einem Zoo in China  |  © Jianan Yu/Reuters

Seit fünfzehn Jahren leisten sich die Gesundheitsbehörde und der Hirnforscher Andreas Kreiter in Bremen einen erbitterten Streit. "Wie sehr dürfen Tiere für die Forschung leiden?" lautet die Grundsatzfrage, mit der die beiden Parteien bis vor das Oberverwaltungsgericht zogen. Denn Kreiter betreibt an der Universität Bremen Grundlagenforschung an Makakenäffchen. Das durfte er, bis die Gesundheitsbehörde sich 2008 weigerte, die Versuche weiter zu genehmigen. 

Die Affen leiden unter den Versuchen – das ist nicht gut und muss aufhören. So schlicht war die Argumentation der Behörde. Unrecht hat sie nicht. Artgerechte Haltung sähe anders aus als das, was die Laboraffen erleben. Während der Experimente sitzen sie eingezwängt in einer Box aus Plexiglas und müssen an einem Bildschirm Aufgaben lösen. In ihrem Schädel steckt dabei eine Metallröhre, die misst, was sich im Gehirn abspielt. Die Frage ist aber: Stehen die Strapazen der Tiere im Verhältnis zum Nutzen der Forschung, die Kreiter und seine Mitarbeiter betreiben?

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Laut dem deutschen Tierschutzgesetz müssen die Leiden der Tiere "im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar" sein. Übersetzt heißt das: Je bedeutsamer der Zweck, umso heiliger die Mittel. Kreiter zufolge geht diese Kosten-Nutzen-Rechnung auf: "Ich erforsche, wie das Gehirn funktioniert – natürlich ist das wichtig", sagt er. Den Affen gehe es nicht schlecht, Schmerzen hätten sie jedenfalls keine. Auch das Gericht in Bremen beurteilte in seinem gestrigen Urteil die Belastung für die Tiere als "mäßig" und Kreiters Forschung als "außerordentlich" wichtig und "international" anerkannt.

Grundlagenforschung ist wichtig

Den Bremer Tierschützer Wolfgang Apel überzeugt das nicht. "Die Affen haben vielleicht keine Schmerzen, aber sie bekommen tagelang kein Wasser, damit sie an Kreiters Experimenten mitmachen", sagt der Ehrenpräsident des Bremer Tierschutzvereins . Zudem habe Kreiters Forschung in den vergangenen 15 Jahren nicht zu einer einzigen medizinischen Anwendung geführt. "So wichtig kann seine Forschung also nicht sein", schlussfolgert Apel.

Er spielt damit auf den ewigen wunden Punkt der Grundlagenforschung an: Anders als bei der Anwendungsforschung ist vorher nie absehbar, ob sie einen Nutzen für die Menschen haben wird. Bis zu einem sichtbaren Erfolg können Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Im schlimmsten Fall entsteht nichts aus dem Forschungsansatz.

Es ist deshalb leicht zu sagen, dass die Versuche an den Affen aufhören sollen. Wer diese Meinung vertritt, wird viele Mitstreiter finden. Aber das ist zu kurz gedacht. Grundlagenforschung ist Basis für jede weitere Forschung. Ohne sie gäbe es heute keine Medikamente gegen Herzleiden, gegen Tuberkulose oder Durchfall – geschweige denn gegen Krebs oder Aids. Bisher gibt es nur wenig Alternativen zu Tierversuchen: Zellkulturen im Reagenzglas eignen sich zwar für die Tests von Hautcremes oder Kosmetika. Auch Medikamententests an gezüchteten Organen und Zellen können Tierversuche zum Teil ersetzen . Aber komplexere Vorgänge im menschlichen Körper, vor allem im Gehirn, können Wissenschaftler nur verstehen, wenn sie lebendige Individuen erforschen. Das gilt auch für die Bremer Forschung. Ohne Affen wäre sie nicht machbar. Es sei denn, Menschen würden sich freiwillig melden. Und genau das ist der Knackpunkt.

Chronik der Bremer Affenversuche: 1996/1997

März 1996: Andreas Kreiter vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung erhält einen Ruf an die Universität Bremen. In Frankfurt hat der Neurobiologe mit Makaken (Macaca) gearbeitet. Diese Versuche will er in Bremen fortsetzen – was er auch offen sagt. Bedenken werden nicht laut.
April 1997: Die Bremer Gruppe des Bundesverbands der Tierversuchsgegner klebt noch vor Kreiters Berufung ein Großplakat in der Bremer Innenstadt – mit Kreiters privater Adresse und Telefonnummer. Anonyme Morddrohungen sind die Folge. Familie Kreiter steht erstmals unter Polizeischutz.
Mai 1997: Der Bremer Tierschutzverein organisiert einen Bürgerantrag. Zwei weitere folgen. Insgesamt unterschreiben etwa 100.000 Bremer die Anträge gegen die Affenversuche.
August 1997: Die Aktion Tierbefreiung Bremen schreibt vor Kreiters Ankunft: "Was Sie den Affen antun, tun wir Ihnen an." Besonders freue man sich auf Kreiters kleinen Sohn Lukas: "Er passt in seinem Alter wunderbar in einen kleinen Affenstuhl."
November 1997: Trotz der Kampagnen wechselt Kreiter an die Weser.

1998-2008

1998: Die Bremer Gesundheitsbehörde genehmigt seine Versuche.
2001 und 2005: Andreas Kreiter stellt neue Anträge für seine Experimente, die Gesundheitsbehörde erteilt die Genehmigungen.
November 2005: Bündnis 90/Die Grünen stellen in der Bürgerschaft den parlamentarischen Antrag "Aus der Affenforschung aussteigen". Bremens Zukunft als Wissenschaftsstadt liege "in der Profilierung als tierversuchsfreier Standort".
März 2007: Vor der Bürgerschaftswahl stimmt eine Allparteienkoalition für einen Ausstieg aus den Affenversuchen.
November 2008: Kreiters vierter Fortsetzungsantrag für die Experimente wird von der Gesundheitsbehörde abgelehnt. Der Neurobiologe legt Widerspruch ein.
Dezember 2008: Die fünfte Kammer des Verwaltungsgerichts Bremen erlaubt die vorläufige Fortsetzung der Tierversuche.

2009-2012

August 2009: Im Widerspruchsverfahren bleibt die Gesundheitsbehörde bei ihrer Ablehnung des Versuchsantrags. Kreiter klagt nun gemeinsam mit der Universität vor dem Verwaltungsgericht. Währenddessen können die Versuche weitergehen – vorerst bis zur ersten Hauptverhandlung. Dann soll entschieden werden, ob sie auch während des Hauptsacheverfahrens fortgesetzt werden dürfen.
Oktober 2009: Zwischenentscheid im Eilverfahren: Die fünfte Kammer des Verwaltungsgerichts weist die Stadt Bremen an, die Versuche weiter zu gestatten.
22. April 2010: Nicht öffentlicher Erörterungstermin im Gerichtsverfahren, das über die Zukunft der Experimente entscheiden soll. Inzwischen können Kreiter und seine Kollegen mehr als 30 Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften vorweisen – vor allem zu Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Reiz- und Informationsverarbeitung.
Mai 2010: Das Verwaltungsgericht verweist den Fall zurück an die Richter in Bremen.
Dezember 2012: Das Bremer Gericht entscheidet, dass die Versuche zulässig sind.

Am Ende ist uns das eigene Leben eben doch mehr wert als das tierische. Da hilft auch kein Gejammer. Entsprechend scheinheilig wird die Debatte geführt. Solange unsere Gesellschaft grundsätzlich in Kauf nimmt, dass Tiere für Menschen leiden und sterben müssen, wird es auch Tierversuche geben. Wenn wir das wirklich nicht wollten, müssten wir konsequent sein: Keine Tierversuche, kein Fleischkonsum, keine tierischen Produkte aus Massenfarmen. Aber ist das realistisch? Und sind wir bereit, den Preis für den Seelenfrieden mit den Tieren zu zahlen? Spätestens, wenn es um Menschenleben geht – etwa den Verzicht auf die bloße Chance, eine rettende Therapie zu finden – hört es mit der Harmonie auf.

Mit ihren Kulleraugen, der kleinen Nase und ihren süßen nackten Segelohren setzen uns die Makaken allerdings einen Spiegel vor. Sie ähneln uns. Die Bilder, wie sie eingezwängt mit Loch im Schädel in Käfigen sitzen, erinnern uns schmerzlich daran, dass auch Menschen töten, um zu leben. Ihre Niedlichkeit macht unser Leid für uns greifbar. Auch deshalb hat sich die Debatte in Bremen mittlerweile zu einem emotionalen Kampf hochgeschaukelt.  

Doch wer die Affenversuche ablehnt, müsste auch gegen Experimente an Mäusen und Ratten sein. Millionen von ihnen halten jährlich in Deutschland für weitaus quälendere Versuche her als die Bremer Makaken. An ihnen werden Medikamente getestet, deren Verträglichkeit noch nicht bekannt ist. Viele sterben an Gebrechen, die Forscher ihnen eigens für diese Versuche zugefügt haben. Das klingt brutal, ist aber für die Entwicklung neuer Therapien häufig notwendig. Und steht im Einklang mit geltendem Recht. Eine Klage zum Verbot aller Tierversuche wäre derzeit aussichtslos.

Tierschützern wie Apel wünschen sich ein solches Verbot. Doch damit wäre die Forschung an neuen Heilungswegen extrem eingeschränkt. Für Menschen, die an Alzheimer , Multipler Sklerose oder anderen unheilbaren Krankheiten leiden, wäre so ein Verbot eine Hiobsbotschaft.

Auch die Rinder, Schweine und Hühner, die täglich für alle Nicht-Veganer unter uns geschlachtet oder zur Produktion von Milch und Eiern gequält werden , könnten ein anderes Leben haben. Doch das würde voraussetzen, dass der Mensch bereit wäre, auch für Tiere zu leiden. Am Ende führt das zu einer philosophischen Grundsatzfrage: Sind Tiere Mitglieder unserer moralischen Gemeinschaft? 

Diese Frage bejahte der englische Philosoph Jeremy Bentham bereits vor etwa 200 Jahren. Er prophezeite, dass die Zeit kommen werde, "da die Menschheit alles, was atmet, unter ihren Schirm und Schild nehmen wird". Das ist eine traumhafte Vorstellung. Vielleicht gelingt es eines Tages, mit neuen Methoden, Tierversuche ganz zu ersetzen. Doch noch sind wir auf Tierversuche angewiesen. Und das ist eine Tatsache, die sich mit Mitleid und Protest nicht verdrängen lässt.

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Leserkommentare
  1. @DerDoktor: Was haben denn bitte ein paar Tausend/Zehntausend Tiere die in Versuchslabors leiden damit zu tun, dass wir die Natur zu Grunde richten und am Ende uns selbst vernichten?

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    der Wertorientierung.

  2. keine tierischen Produkte aus Massenfarmen. Aber ist das realistisch? ... Spätestens, wenn es um Menschenleben geht – etwa den Verzicht auf die bloße Chance, eine rettende Therapie zu finden – hört es mit der Harmonie auf."

    An dieser Stelle meine Frage an die Mediziner und Ernährungswissenschaftler:

    Läge in diesem Problem vielleicht gar ein Lösungsweg, der uns sowohl die Tierversuche und gleichzeitig einen nicht unbedeutenden Teil der Zivilisationskrankheiten ersparen könnte?

  3. immer diese Rechtschreib-Besserwisser. Suchen Sie dieses Wort ruhig im Duden. Sie werden es nicht finden.

    Antwort auf "Ja GENAU!"
  4. Computersimulationen sind aber nur dort möglich, wo bereits ein mathematisches Modell des zu untersuchenden Objektes existiert. Und meines Wissens ist das für das Gehirn noch nicht der Fall

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Computersimulationen sind da möglich, wo es so etwas wie "Bewegungsgleichungen" gibt. Das sind Gleichungen, die die Entwicklung eines Systems beschreiben. Allerdings heißt "möglich" nicht unbedingt, dass es zu "vernünftigen" Ergebnissen kommt.

    Je komplexer ein System wird, desto schwieriger ist es, es nachzubilden. Das stößt relativ schnell an praktische Grenzen wie Rechenzeit, Übersicht über das Projekt, etc.
    Meines Wissens kann man im Moment einige einfache Moleküle "berechnen". Aber das geht auch nur nährungsweise und unter Einsatz von sehr viel "Rechenpower"

    Jetzt ist ein Gehirn aber um sehr viele Größenordnungen komplexer als ein Molekül. Und würde meines Erachtens sehr empfindlich aus Näherungen reagieren.

    In den Medien wird die Schwierigkeit der Simulation von Prozessen ot viel zu niedrig angesetzt.

  5. Es MUSS in einer Welt, in der Ethik und Moral etwas zählt, der Tierversuch abgeschafft werden.

    • nr-3
    • 12. Dezember 2012 20:42 Uhr

    "Oh ja, das würde ich."

    ich nicht!

    zu Rheuma (selbst Betroffener), Krebs und anderen chronischen Krankheiten .... meines Achtens bringt das Rumdoktern an Auswirkungen mit extrem teuren Medikamenten (Giften!) wenig bis nichts, vielmehr sollte man nach den Ursachen, welche unser chem. Gleichgewicht durcheinander bringen, in der Ernährung suchen.

    Ich bin überzeugt wir nehmen viel zu viele giftige Substanzen (Pestizide, Wachstumshormone, Antibiotika , ... ) zu uns und vergiften uns somit selbst.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wd
    • 12. Dezember 2012 20:53 Uhr

    Ohne Antibiotika wäre ich in den letzten 40 Jahren mindestens 20mal gestorben.
    Meine Infektionen gehörten vor 100 Jahren zu den Top-Todesursachen im jungen Alter.

    • wd
    • 12. Dezember 2012 20:53 Uhr

    Ohne Antibiotika wäre ich in den letzten 40 Jahren mindestens 20mal gestorben.
    Meine Infektionen gehörten vor 100 Jahren zu den Top-Todesursachen im jungen Alter.

    Antwort auf "anderer Ansatz"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    oder verdrängt, wievielen Kindern Antibiotika das Leben gerettet haben - und wie die Kindersterblichkeit vor Erfindung der Antibiotika aussah, sowohl in Zahlen als auch in konkreter Form. Da in Europa auch dank Einsatz von Antibiotika sehr viele Krankheiten geheilt werden können, kennt kaum jemand aus eigener Erfahrung totkranke Kinder, die gerade an Diphtherie oder Pocken sterben - Bilder dazu findet man allenfalls in Geschichtsbüchern oder man muß sie sich übers Internet suchen.
    Daß Antibiotika oft unspezifisch und zu massiv eingesetzt wurden, ist eine andere Frage und die steht ja hier nicht zur Debatte.
    Im Übrigen bin ich als selbst Betroffene dankbar für Tierversuche - ohne diese wäre ich nämlich nicht auf der Welt, da rh-negativ - und Mitte der Fünfziger gab es keine Behandlungsmöglichkeiten für Rhesusunverträglichkeit bei Embryos. Das kam erst später. Ich finde es auch zumindest scheinheilig, wenn zwar über Tierversuche an Makaken geklagt wird, Tierversuche mit Mäusen oder Ratten aber nicht negativ beurteilt werden - und die dürften weitaus öfters stattfinden.
    Man kann sicher darüber diskutieren, ob und welche Tierversuche nötig oder unnötig sind, kosmetische Anwendungen sollten schon verboten werden, aber man sollte nicht vergessen, daß Tierversuche auch oft zu besseren Behandlungsmöglichkeiten geführt haben.

  6. des seit 1997 forschenden Herrn Kreiter interessieren. Gibt es irgendeine über bloße Befriedigung der Neugier hinaus Erkenntnisse, die irgendeinen Nutzen für irgendjemanden bedeuten.
    Behaupten kann man nämlich viel:

    Die Ärzte gegen Tierversuche bezeichnen es als Armutszeugnis für die deutsche Justiz, dass derart grausame zweckfreie Neugierforschung auf Kosten fühlender Lebewesen gestattet wird. Wie ethische und klinisch relevante Hirnforschung aussehen kann, zeigt nach Aussage des Ärztevereins unter anderem die britische Universität Durham, wo mittels Transkranieller Magnetstimulation Wahrnehmung, Lern- und Gedächtnisverhalten an Probanden gefahrlos erforscht werden.

    http://www.aerzte-gegen-t...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Affe | Alzheimer | Forschung | Gehirn | Medikament | Therapie
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