MedizinFür die Stammzellforschung müssten keine Embryonen sterben

Längst gibt es Methoden, um Stammzellen zu gewinnen, ohne Leben zu zerstören. Doch sie werden kaum genutzt. Auch weil deutsche Gesetze sie verbieten. von 

Es war ein langer Kampf für den Neuropathologen Oliver Brüstle . Seit mehr als einem Jahrzehnt verteidigt er sein Stammzell-Patent gegen die Klage der Umweltorganisation Greenpeace . Er hat ein Verfahren entwickelt, aus Stammzellen Nervengewebe zu züchten. Mit diesem hätte er geschädigtes Nervenleiden bei Parkinson- und Alzheimerpatienten ersetzen können. Doch ohne Patentschutz fand sich kein Geldgeber, der die Therapie  vermarkten wollte. Brüstles Antrag von 1997 scheiterte an einem gewichtigen Grund: Für die Gewinnung von Stammzellen müssen Embryonen sterben.

Erst Ende November 2012 entschied der Bundesgerichtshof (BGH), das Patent zu erlauben, wenn es nicht den Tod von Zellhäufchen bedeuten würde, aus denen noch Leben entstehen kann. Früher wäre dieses Urteil einer Niederlage für Brüstle gleichgekommen. Doch die Forschung hat nicht geschlafen – im Gegenteil.

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Noch bis vor einigen Jahren gab es keine schonenden Methoden der Stammzellgewinnung. Um eine gesunde Zellkolonie heranzüchten zu können, mussten Wissenschaftler einer Blastozyste ihre komplette innere Zellmasse entnehmen. Dieser etwa 200 Zellen große Embryo konnte dann nicht mehr zum Mensch heranwachsen, sondern zu einer Stammzelllinie. Gewissermaßen wurde der Embryo dabei also getötet – was laut den Urteilen der Gerichtshöfe sittenwidrig ist.

Mit der PID wäre es möglich, doch auch die ist in Deutschland verboten

Heute stehen die Chancen besser: Brüstles Anwälte hatten beim BGH Forschungsergebnisse vorgelegt, die verschiedene Methoden der Stammzellengewinnung beschreiben, bei denen keine Embryonen sterben müssen. Das wohl bekannteste dieser Verfahren stammt von einem Forscherteam um den amerikanischen Mediziner Robert Lanza . Lanza und seinen Mitarbeitern war es 2007 gelungen, aus einer einzelnen Zelle eines Embryos eine Stammzellkolonie zu züchten.

Die Forschung

Der Bonner Neuropathologe Oliver Brüstle hat ein Verfahren zur Gewinnung neuronaler Vorläuferzellen aus embryonalen Stammzellen entwickelt, die zur Therapie von neuronalen Defekten Patienten implantiert werden könnten.

Dies meldete der Forscher am 19. Dezember 1997 beim Deutschen Patentamt an.

Diese Vorläuferzellen könnten – wie erste Studien belegen – die Regeneration von Hirnzellen ermöglichen.

Der Streit

Greenpeace hält die Patentierung des Verfahrens für rechtswidrig. Im Jahr 2006 bekam die Umweltorganisation Recht vor dem Deutschen Bundespatentgericht: Dieses rief das Patent Brüstles zurück, insoweit es Zellen und deren Herstellung umfasst, "die aus embryonalen Stammzellen von menschlichen Embryonen gewonnen werden".

Der Bonner Forscher hatte dagegen Beschwerde eingereicht, sodass der Fall 2009 vor dem Bundesgerichtshof landete. Dieser verwies den Streit an den Europäischen Gerichtshof (EuGH), der nun grundsätzliche Fragen zur Definition von Embryonen und zum Verbot von deren Kommerzialisierung zu klären hatte.

Was ist patentierbar?

In dem Urteil aus Luxemburg geht es nicht darum, die embryonalen Stammzellen selbst zu patentieren, sondern lediglich um Verfahren zu deren Gewinnung und Anwendung.

Nach dem Urteil des EuGH dürfen keine technischen Verfahren patentiert werden, für die Stammzellen aus Embryonen gewonnen wurden. Unter Embryonen verstehen die Richter nun auch frühe Zellstadien befruchteter Eizellen (Blastozysten) sowie unbefruchtete Eizellen, die auf andere Weise (Parthenogenese) zur Teilung und Weiterentwicklung angeregt wurden.

Eine Ausnahme bilden technische Verfahren, mit denen dem Embryo selbst – und dem Menschen, der daraus theoretisch heranwachsen könnte – geholfen würde.

Das Urteil bezieht sich nur auf Verfahren mit embryonalen Stammzellen. Forscher, die adulte oder rückprogrammierte Zellen verwenden, könnten ihre Forschungstechniken weiterhin auch in Europa patentieren lassen.

Anstatt die komplette Zellmasse eines Blastozysten zu entnehmen, hatten sie sich einer Methode bedient, die auch bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) Anwendung findet: Sie entzogen einem acht bis zehn Zellen großen Embryo eine einzelne Zelle. Bei der PID wird die entnommene Zelle zerstört, um das darin enthaltene Erbgut auf Anomalien, Krankheiten oder Fehlbildungen untersuchen zu können. Den amerikanischen Forschern ging es hingegen darum, die Zelle möglichst unbeschädigt zu entnehmen. "Das war eine Herausforderung, denn eine falsche Bewegung hätte die Zellen zerstören können", sagt Sandy Becker , Koautorin der Studie, die Lanza und sein Team im Magazin Nature veröffentlichten .

Die zweite Herausforderung für das Forscherteam war, die einzelne Zelle zur Teilung zu bewegen. "Eine einzelne Zelle würde normalerweise in der Nährflüssigkeit sitzen und nichts tun". sagt Becker. Deshalb wandten sie und ihre Kollegen einen Trick an: Sie umgaben die Zelle im Nährmedium mit einer bereits existierenden Stammzellkolonie. "Die anderen Stammzellen setzten Signalmoleküle frei, die unsere Zelle zum Teilen anregten", sagt sie. Mit dieser Methode gelang es den Forschern, eine wachsende und gesunde Zellkolonie zu erschaffen, ohne dabei einem Embryo schaden zu müssen. 

Leserkommentare
    • Luminat
    • 07. Dezember 2012 11:38 Uhr

    Vereint in ihrer Ablehnung des Fortschritts.

  1. schön diese scheinheiligkeit in Deutschland. Robert Koch verehren wir weil er den tod von Menschen dirkt in Kauf genommen hat und süße zellhäufchen müssen geschütz werden. viva la evolution

  2. Wir leben in einer Gesellschaft, der es wichtiger ist Zellen(!) zu erhalten als neue medizinische Methoden zur Heilung von Krankheiten und Behinderungen zu finden und die auch noch Behinderten einredet es sei ethisch verwerflich an eben diesen Heilungen zu forschen.
    Aber Hauptsache stolz sein auf unsere "Werte".

  3. Es gibt mittlerweile hervorragende Verfahren, adulte Stammzellen zu gewinnen, die im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen keine Inkompatibilitätsprobleme machen. Unter anderem sind aus der Haut, der Nasenschleimhaut und neuerdings auch aus dem Blut Stammzellen gewonnen worden. In einem Versuch mit Zellen aus der Nasenschleimhaut konnten gelähmte Dackel wieder eine beträchtliche Bewegungsfähigkeit erreichen (bericht vor kurzem auf BBC News und Spiegel).
    Die Forschung an embryonalen Stammzellen halte ich eher für eine Sackgasse. Embryonen in einem so frühen Stadium können noch sehr viele genetische Defekte haben, die später zur Abstoßung des Embryos führen würden; in einem fremden Körper könnten ihre Zellen durch diese Defekte Schaden anrichten; das muss nicht immer leicht festzustellen sein, da auch schon einzelne mutierte Basen erhebliche Auswirkungen haben können (vgl. Sichelzellenanämie). Wenn man adulte Zellen verwendet, weiß man, dass "schon einmal alles funktioniert" hat und was eventuell Probleme sein könnten. Das ist ein großer Vorteil.

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