Alfred Dänzer ist aufgebracht. "Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass irgendein Medikament droht auszugehen", sagt der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) . Dennoch, und das regt ihn besonders auf, rede die Pharmaindustrie dieses Problem klein. Schon seit einiger Zeit warnen Krankenhausapotheker vor immer häufiger fehlenden Arzneimitteln . Längst seien von den Lieferengpässen der Industrie nicht nur leicht ersetzbare Augentropfen oder Cremes betroffen, sagt etwa der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, Torsten Hoppe-Tichy. Ganz oben auf der Liste fänden sich ebenso lebensnotwendige Krebsmedikamente wie Antibiotika.

Nun lässt sich diese Entwicklung erstmals beziffern. Nach einer Erhebung der DKG unter 100 deutschen Kliniken, über die schon die Frankfurter Rundschau berichtete , standen innerhalb nur eines Monats durchschnittlich 25 Medikamente nicht oder nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministerium relativiert: "Das zeigt, dass wir nicht von einem flächendeckenden Arzneimittelmangel sprechen können". Torsten Hoppe-Tichy, der die Krankenhausapotheke des Uniklinikum Heidelberg leitet, sieht das anders. "Es handelt sich um Größenordnungen, die Konsequenzen für die Behandlung der Patienten haben können", sagt er. Auch die DKG kommt zu dem Ergebnis, dass in jedem fünften Fall Ärzte ihren Patienten nicht gleichwertige Alternativpräparate geben mussten.

Zudem dokumentiert die Untersuchung der DKG, dass es Pharmahersteller in 80 Prozent der Lieferausfälle versäumten, die Krankenhäuser rechtzeitig zu informieren. Dabei können die Unternehmen das Ausbleiben von Medikamenten bereits Wochen, bevor das Präparat die Kliniken erreicht, absehen. Wie der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) selbst formuliert, dauert es mitunter Monate "vom ersten Schritt bis zum fertigen Produkt" . Das gilt vor allem für aufwändig herzustellende Arzneimittel, die als Injektionen direkt in die Blutbahn gelangen – konkret also für Chemotherapien von Krebspatienten. Gerade Onkologen stürzen plötzlich ausfallende Mittel jedoch in Bedrängnis, da Krebspatienten oftmals über Wochen hinweg nach genau festgelegten Therapieplänen behandelt werden. Man dürfe sich fragen, was schlimmer sei, sagt Hoppe-Tichy: die fehlende Arznei oder die fehlende Information?

Die USA scheinen Engpässe besser in den Griff zu bekommen

Auf diese Frage hat Sandra Kweder von der amerikanischen Medikamentenaufsicht FDA eine klare Antwort. "Die wichtigste Maßnahme um Arzneimittelengpässe zu verhindern ist, sie rechtzeitig zu kommunizieren", sagte die drahtige Frau im Juni anlässlich des weltgrößten Krebskongresses. Denn Drug Shortages haben in den USA eine traurige Tradition. Auch an den amerikanischen Kliniken blieben zunächst vereinzelt Medikamente aus.

Fehlten im Jahr 2005 noch 61 Arzneien, waren es im vergangenem Jahr bereits 270. Und die Zahl würde sicherlich weiter steigen, hätte Präsident Barack Obama die FDA nicht 2011 mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet. Seitdem werden alle Lieferengpässe öffentlich gelistet – unter Nennung der Firma, der Ursache und der Dauer der Verzögerung. Seit Juni 2012 müssen zudem auch alle zu erwartenden Lieferschwierigkeiten gemeldet werden. In akuten Fällen werden Pharmakonzerne an einen Tisch gezwungen, um möglichst schnell Lösungen zu erarbeiteten. Die Maßnahmen zeigen Erfolg: "So traten im ersten Halbjahr 2012 in den USA noch 42 Arzneimittelengpässe auf, im Vergleich zu 90 im Vorjahreshalbjahr", heißt es in dem Bericht der DKG.

DKG und Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, fordern  ähnliche Maßnahmen auch für die deutsche Arzneimittelüberwachung. Denn so international, wie die Pharmaunternehmen agieren, so global sind auch die Ursachen für den Medikamentenmangel. Um Kosten zu senken, haben viele Hersteller ihre Produktion weitgehend in Billiglohnländer verlegt. Dort versorgen Herstellungsstätten allerdings oft mehrere Firmen. Fällt ein Lieferant aus, geraten auch mehrere wirkungsgleiche Mittel in Verzug. Zudem haben die Arzneimittelfabrikanten ihre eigenen Produktionsstätten und Lager massiv reduziert. Mitunter wird ganz Europa aus einer einzelnen Anlage oder einem einzelnen Lager versorgt.

Verpflichtende Vorgaben für die Lagerbestände lebensnotwendiger Medikamente seien daher dringend notwendig, argumentiert die DKG. Sowohl für öffentliche als auch für Krankenhausapotheken existieren solche Regelungen längst. Nur eben nicht für die Pharmaindustrie.

Die wehrt sich gegen vorbeugende Maßnahmen. Das machen etwa die Interventionen ihres Verbands VfA bei der letzten Neuauflage des Arzneimittelgesetzes deutlich. Erst im Juni hieß es noch in einem Gesetzentwurf, der ZEIT ONLINE vorliegt, dass Vorkehrungen gegen einen eventuellen Arzneimittelmangel zu treffen seien. Daraufhin verwies der VfA in einer Stellungnahme, die ZEIT ONLINE ebenfalls vorliegt, es habe nach ihrer Kenntnis noch nie die konkrete Gefahr eines Versorgungsmangels bestanden.

Die Hersteller sträuben sich und drohen mit Konsequenzen

Überraschend empfinde man vielmehr die "Einrichtung einer neuen behördlichen Ermächtigungsgrundlage, wenn überhaupt kein Anlass erkennbar ist, der deren Aufnahme ins Gesetz rechtfertigen könne". Gemeint ist eine Behörde, die erst dann zum Einsatz kommt, wenn schwerwiegende Arzneimittelmängel auftreten. Diese würden den VfA nicht betreffen. Dennoch regt der Interessenverband der Pharmahersteller VfA in seiner Stellungnahme schon einmal vorsorglich die Einführung einer Entschädigungsregel für ein eventuell von den Behörden in die Pflicht genommenes Unternehmen an. Die geplante Gesetzesänderung wurde daraufhin gestrichen. Laut DKG wurden als Begründung eben die von der Industrie geforderten Entschädigungsregeln genannt.

Nun aber rudert der VfA zurück. Inzwischen weiß man scheinbar doch von Versorgungsmängeln. Systematische Versorgungsengpässe bedürften auch nach Auffassung der Arzneimittelindustrie nun einer vertiefenden politischen Diskussion. So steht es in einer gemeinsamen Stellungnahme des VfA und aller anderen Arzneimittelherstellerverbände vom 10. Dezember. Sie ist als Reaktion auf die Erhebung der DKG zu den Lieferengpässen zu verstehen.

Die Politik ist nun am Zug

Reglementierungen verortet die Industrie allerdings nicht bei der nationalen sondern bei der europäischen Zulassungsbehörde (Ema). Dort, so heißt es, hätte man einen großen Teil der Maßnahmen bereits umgesetzt und verweist dazu auf ein Papier der Ema . Darin sind aber lediglich Absichtserklärungen verfasst, die vor allem Produktionsverzögerungen betreffen. Zudem kritisiert die Ema auch den Umgang der Pharmahersteller mit Lieferengpässen. "Ein umfassendes Register, das aller Engpässe umfasst sowie Verpflichtungen, die Lagerkapazitäten für besonders lebenswichtige Medikamente zu erweitern, sind dort nicht erfasst", sagt DKG-Chef Alfred Dänzer. Gerade die letztere Maßnahme stößt der Pharmaindustrie auf. Unverhohlen droht sie, dass man "sich möglicherweise veranlasst sehe, auf die Zulassung für wenig rentable Arzneimittel komplett zu verzichten, um der kostenträchtigen Vorratsverpflichtung zu entgehen. Ein solcher Hersteller würde dem Markt dann gar keine Menge mehr zu Verfügung stellen können."

Nun muss sich die Politik gegen diese Form der Argumentation zur Wehr setzen. Gespräche hat das Gesundheitsministerium inzwischen aufgenommen. Man nehme die Befürchtungen der Krankenhäuser durchaus ernst, heißt es. Derweil wirbt der VfA beim Patienten um Verständnis: Lieferverzögerungen seien ja auch in der Computer- und Autoindustrie alltäglich. Allerdings kann Gesundheit nicht so leicht auf ältere Geräte oder Bus- und Bahn ausweichen.