Engpässe : Pharmafirmen verschleppen Maßnahmen gegen Medikamenten-Mangel
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Die Hersteller sträuben sich und drohen mit Konsequenzen

Überraschend empfinde man vielmehr die "Einrichtung einer neuen behördlichen Ermächtigungsgrundlage, wenn überhaupt kein Anlass erkennbar ist, der deren Aufnahme ins Gesetz rechtfertigen könne". Gemeint ist eine Behörde, die erst dann zum Einsatz kommt, wenn schwerwiegende Arzneimittelmängel auftreten. Diese würden den VfA nicht betreffen. Dennoch regt der Interessenverband der Pharmahersteller VfA in seiner Stellungnahme schon einmal vorsorglich die Einführung einer Entschädigungsregel für ein eventuell von den Behörden in die Pflicht genommenes Unternehmen an. Die geplante Gesetzesänderung wurde daraufhin gestrichen. Laut DKG wurden als Begründung eben die von der Industrie geforderten Entschädigungsregeln genannt.

Nun aber rudert der VfA zurück. Inzwischen weiß man scheinbar doch von Versorgungsmängeln. Systematische Versorgungsengpässe bedürften auch nach Auffassung der Arzneimittelindustrie nun einer vertiefenden politischen Diskussion. So steht es in einer gemeinsamen Stellungnahme des VfA und aller anderen Arzneimittelherstellerverbände vom 10. Dezember. Sie ist als Reaktion auf die Erhebung der DKG zu den Lieferengpässen zu verstehen.

Die Politik ist nun am Zug

Reglementierungen verortet die Industrie allerdings nicht bei der nationalen sondern bei der europäischen Zulassungsbehörde (Ema). Dort, so heißt es, hätte man einen großen Teil der Maßnahmen bereits umgesetzt und verweist dazu auf ein Papier der Ema . Darin sind aber lediglich Absichtserklärungen verfasst, die vor allem Produktionsverzögerungen betreffen. Zudem kritisiert die Ema auch den Umgang der Pharmahersteller mit Lieferengpässen. "Ein umfassendes Register, das aller Engpässe umfasst sowie Verpflichtungen, die Lagerkapazitäten für besonders lebenswichtige Medikamente zu erweitern, sind dort nicht erfasst", sagt DKG-Chef Alfred Dänzer. Gerade die letztere Maßnahme stößt der Pharmaindustrie auf. Unverhohlen droht sie, dass man "sich möglicherweise veranlasst sehe, auf die Zulassung für wenig rentable Arzneimittel komplett zu verzichten, um der kostenträchtigen Vorratsverpflichtung zu entgehen. Ein solcher Hersteller würde dem Markt dann gar keine Menge mehr zu Verfügung stellen können."

Nun muss sich die Politik gegen diese Form der Argumentation zur Wehr setzen. Gespräche hat das Gesundheitsministerium inzwischen aufgenommen. Man nehme die Befürchtungen der Krankenhäuser durchaus ernst, heißt es. Derweil wirbt der VfA beim Patienten um Verständnis: Lieferverzögerungen seien ja auch in der Computer- und Autoindustrie alltäglich. Allerdings kann Gesundheit nicht so leicht auf ältere Geräte oder Bus- und Bahn ausweichen.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Alles aufs Beste bestellt!

Ich frage mich, wie lange wir noch solche Sachen lesen müssen, bis wir zur Erkenntnis kommen, dass bestimmte, grundsätzliche Wirtschaftsbereiche verstaatlicht werden müssen. Noch kommt auf so eine Bemerkung reflexhaft die Sozialismuskeule (die mit dem Problem der Aushöhlung einer Gemeinschaft durch das profitorientierte Streben nach Sonderlösungen nichts zu tun hat) bzw. dass der Staat nie gut wirtschafte undsoweiter. Aber natürlich: das sagt der glühendste "Marktanhänger" nur solange, wie er nicht verzweifelt auf ein Medikament warten muss, dass es gibt, aber nur nicht für ihn!

Und es werden immer mehr Bereiche, die nicht funktionieren: am Schuldenschnitt der Griechen, den wir, die Steuerzahler, bezahlen, verdienen wieder die Hedgefonds. Auch merkt man, dass das die lobbyorientierte Demokratiekonzeption jener, die sie sich kaufen können, unseren Interessen, denen des "Volks" also, nicht dient.

Ich frage mich nur, wie lange der brave Bürger noch bereit ist, diese Zusammenhänge zu übersehen bzw. sich einreden zu lassen, dass "alles aufs Beste bestellt" ist. Voltaire würde über uns heutige herzlich lachen!

Was Haben Sie davon

Man glaubt garnicht wie schnell denen der Allerwerteste auf Grundeis gehen würde.
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Die Frage ist: Was Haben Sie davon, wenn unserer Industrie der Garaus gemacht wird? Und wer soll das bezahlen?
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Man stelle sich vor, dass Krankenhäuser ihre Arzneien selbst herstellen könnten
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Man? Niemand hindert die Krankenhäuser daran.

Wie soll

es denn anders funktionieren?
Private Pharmaunternehmen entwickeln nach Gewinnaussichten.
Es sind zB ausreichend antibiotisch wirkende Substanzen bekannt.
Wir könnten schon längst mehrere neue Antibiotika auf dem Markt haben, nur ist die Entwicklung dieser nicht lukrativ. Lifstyle-Medikamente oder Medikamente gegen Chronische Leiden sind wesentlich profitabler.

Anreize versucht man schon lange zu schaffen. Leider erfolglos. Wenn nun die Pharmaindustrie als Private Unternehmen nicht in der Lage sind benötigte Produkte zu liefern warum sollte man die Entwicklung und Fertigung privat belassen?

Und nun auch noch Lieferengpässe? Das darf bei so wichtigen Gütern nicht passieren. Entweder die Pharmaindustrie bekommt das hin oder sie funktioniert nicht. Und was nicht funktioniert muss ersetzt werden.

Es gibt ja auch die Idee, dass Medikamente zukünftig in Universitäten und Kliniken entwickelt werden, und von den Pharmakonzernen nur noch produziert werden.

Da redet man von sozialer Marktwirtschaft und Konkurrenz,

aber anscheinend begreift keiner was, was hinter diesen Begriffen sich versteckt.

1. Wenn man Konkurrenz haben will, muss man neuen Mitbewerbern mehr Chancen (als Ausgleich) geben, als den Etablierten (damit keiner Monopole errichten kann).

2. Patente und Urheberrechte sind die Schutzpatronen von Konzernen. Man stelle sich vor, dass jemand eine kleine Firma gründet, die die Waren billiger anbieten kann - wo der Monopolist seiner Gewinnmaximierung beraubt wird.

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Was hat man wohl von Patent- und Urheberrechten und wem spielen diese am ehesten in die Arme?

Mächtige Pharmabranche

Ich denke, das man häufig auf Medikamente verzichten könnte und sich statt dessen eine gesündere Lebensweise angewöhnt. Wenn es tatsächlich so ist, das die Pharmaindustrie mit Lieferengpässen spielt um seine Monopolstellungen auszunutzen müssen politische Lösungen her. Eine Verstaatlichung schafft jedoch andere Probleme und ist auch nicht notwendig. Aber ein solches Verhalten sollte sanktioniert werden. Arbeiten können die Politik und die Krankenhausapotheken mit größeren Lagerbeständen. Ggfs kann man ein einziges staatliches Pharmaunternehmen eröffnen das auf Kostendeckung arbeitet und so die Preise drückt und Lieferengpässe ausgleichen kann.

in der "normalen" Wirtschaft ...

... läuft es wie folgt:

Kunde bestellt für XXX€. Bei Lieferverzug 5% Vertragsstrafe + Schadensersatz.
Lieferant kann überlegen. Ok ich kann liefern und nehme denn Auftrag an. Oh das wird knapp, ich riskiere es oder ich lasse es bleiben. Im letzten Fall springt dann ein Wettbewerber ein. So funktioniert Marktwirtschaft.
Warum nur nicht bei der übermächtigen Pharmaindustrie?

Ich schließe mich Komentar 1 an! Nur wird das mit einem Herrn Gesundheitsminister von der FDP nix werden.

Wo ist der Bezug zur Regierung?

Ich stimme ihnen gerne zu: Verbindliche Liefermengen und drastische Vertragsstrafen sind das Mitteld, um diese Umstände abzustellen.
Aner was hat das mit der Regierung und/oder der Politik zu tun? Es liegt einzig in der Hand derjenigen, die für die Krankenhäuser einkaufen. Die Medikamente werden dadurch wahrscheinlich teurer, aber dann ist es in der Hand der Einkäufer, rechtzeitig Alternativmedikamente zu bestellen, oder eben Monopolpreise zu bezahlen.
Engpässe sind einzig und allein den Einkäufern anzulasten, nicht den Verkäufern!
Und Politik und Regierung schon gar nicht.

Medikamentenmangel völlig unverständlich

In der Pharmaindustrie herrscht an vielen - wenn auch nicht an allen Orten - Frustration, wenn die fetten Renditen wegen Auslaufen der Patente verloren gehen und keine neuen Produkte aus der Entwicklung nachfolgen. Dann wird das Klagelied über die hohen Hürden und überzogenen Anforderungen überlaut. Wäre es jetzt verwunderlich, wenn nicht Lieferengpässe auf "notwenige Einsparungen auch in der Produktion" beklagt würden und versucht wird der "restriktiven Politik" den schwarzen Peter zuzuschieben?

Die Pharmaindustrie ist generell verwöhnt. Die lautklagenden Lobbyisten sollten ganz einfach mal ihr Geschäftsmodell kritisch hinterfragen. Patentgeschützte Blockbuster werden mit riesigem Aufwand möglichst lange "hingezogen". So wird eine Politik der Profitmaximierung mit alten Kamellen betrieben. Besser wäre es, die neuen Technologien und Erkenntnisse aus der Forschung effizienter einzusetzen. Es gibt genug Krankheiten und Gesundheitsstörungen, die mittlerweile so gut erforscht sind und molekular verstanden werden, dass effiziente Wirkstoffe schneller denn je gefunden, kosteneffektiv hergestellt und geprüft werden können. Zudem hat der Staat noch zahlreiche Subventionen und "Stimulantien" für Technologietransfers aus den Grundlagenforschungseinrichtungen bereitsgestellt, die mit "corporate venture capital" der Pharmaindustrie zu erschliessen sind. Die Zulassungsverfahren wurden beschleunigt und für "orphan drugs" die Patentlaufzeiten verlängert.

Die Firmen profitieren ihr Kundschaft zu Tode

Vor lauter Profitgeilheit, vor lauter den Hals nicht voll Kriegen, wird rationalisiert und restrukturiert, auf Teufel komm raus.

Wenn dann am Ende alles auf Kante genäht ist, braucht es nicht viel, um in Schwierigkeiten bei der Produktion zu kommen.

Auch das ist ein Grund für manchen Lieferengpass.

Man schaue sich Beispielsweise an, wie Sanofi-Aventis mit seinen Mitarbeitern und Azubis umgeht.

Überdenken?

Solange Manager das Sagen haben, kann man von Unvernunft und Inkompetenz in großem Stil ausgehen.

Der Manager ist eigentlich eine Art glorifizierter Verwalter und Finanzbuchhalter, kein Unternehmer.

Deshalb führen moderne Konzernlenker ihr geschäft ja über den Börsenbarometer, tätigen Firmenan- und -verkäufe, arbeiten vorzugsweise an Bilanz- und Finanzgeschäften und vergessen darüber generell das Herstellen guter Ware.

Warum auch, wenn man über Lobbyarbeit lästige Konkurrenten ausbooten und die unbequeme Marktwirtschaft weiträumig umfahren kann?