Welt-Aids-TagPositiv und Negativ
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 Wie sage ich das meinem Vater?

Dann endlich: der Arzt, das Rezept, die Medikamente. Drei Pillen alle zwölf Stunden, vier Wochen lang. Zweimal Kaletra, ein Kombipräparat, in dem Lopinavir und Ritonavir enthalten sind. Große, kränklich gelbe Tabletten, die beim Runterschlucken quer im Hals liegen. Die Chemikalien darin hemmen die HIV-Protease, gewissermaßen die molekulare Schere des Virus. HIV ist ein Wunderwerk der Ökonomie, der Erbgutfaden enthält nur das absolut Notwendigste. Sollte der Erreger in meine Zellen eindringen, kapert er ihre Schaltzentrale, den Zellkern, und beginnt, einen langen Eiweißfaden herzustellen. Die Protease zerschneidet den Faden an den richtigen Stellen und setzt so die Bausteine für neue Viren frei.

Die andere Pille ist klein und rund und weiß. Sie enthält Farmivudin und Zidovudin, zwei Wirkstoffe, die das wichtigste Eiweiß des Virus, die Reverse Transkriptase, hemmen. HIV trägt sein winziges Erbgut als RNS, wenn das Virus sich in eine Zelle geschleust hat, übersetzt die Reverse Transkriptase es zunächst in DNS. In dieser Form liegt auch das menschliche Erbgut vor, so kann sich das Virus in mein Erbgut kopieren und für immer ein Teil von mir werden. Das ist HIV: ein schmaler Faden RNS. Ein paar Zeilen Code, die im Zellkern alles umprogrammieren und die Zellen, die mich beschützen sollen, in eine Fabrik verwandeln, die immer mehr von dieser Schadsoftware produziert.

In meinem Kopf gehe ich Wahrscheinlichkeiten durch, wie ein Spielsüchtiger am Roulettetisch. Ich weiß, dass HIV nicht so ansteckend ist, wie die meisten Menschen glauben. Meine Chancen stehen gut. Zwischen eins zu hundert und eins zu tausend liegt die Wahrscheinlichkeit, sich bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einer infizierten Person anzustecken. Eine PEP sollte sie noch weiter senken, auch wenn ich die Medikamente spät bekommen habe. Aber Statistik ist eben Statistik, und ich bin ein Einzelfall – und da spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle. Hat einer der Partner eine bakterielle Geschlechtskrankheit wie Gonorrhoe ist das Risiko einer Übertragung zwei bis fünf Mal höher. Das ist zum Glück nicht der Fall. Ist die Viruslast im Plasma des Partners sehr hoch (über 2500 Kopien pro Milliliter), ist das Risiko um das Zehn- bis Dreißigfache erhöht. Das ist bei mir leider der Fall. Trotzdem beruhigt mich die Zahl eins zu hundert zunächst irgendwie.

Erst Tage später, inzwischen bin ich allein und in Rio de Janeiro , kommt die Angst. Was, wenn ich eben Pech habe? Was heißt das für mein Leben? Was ändert sich? Der erste, absurde Gedanke: Ob meine Freunde, wenn sie demnächst ein Kind bekommen, vielleicht nicht wollen, dass ich mit dem Kind spiele ("Wir haben ja keine Vorurteile. Aber das Kind... so ein Risiko eingehen... irgendwie unwohl... du verstehst das sicher...")? Und wie sage ich das meinem Vater?

Ich kenne die Geschichten aus den 80er-Jahren. Ich habe in den Slums vor Kapstadt und in Kliniken in Tansania mit Betroffenen gesprochen. Aber Aids? Das war die Krankheit der Anderen. Der Älteren, der Ärmeren. Es ist absurd. Ich bin ein schwuler Mann in der HIV-Hauptstadt Deutschlands, und trotzdem hat Aids in meinem Privatleben nie eine Rolle gespielt. Keiner meiner Freunde ist HIV-positiv – oder ich weiß es nicht. Und dann stehe ich plötzlich da, gucke in den Spiegel und probiere den Satz "Ich bin HIV-positiv" aus. Wie ein Kleidungsstück, das nicht richtig passen will, aber es jetzt eben muss. Mir wird das erste Mal wirklich klar, wie sich Stigma anfühlen könnte und dass es in beiden Köpfen entstehen kann, meinem und dem meines Gegenübers.

Inzwischen haben mich die Nebenwirkungen der Pillen voll erwischt. Ein paar Tage schlafe ich nur, verlasse mein Zimmer im Gästehaus kaum. Wenn ich Lebensmittel nur sehe, wird mir schlecht. Wenn ich sie rieche, möchte ich mich übergeben. Aber ich muss essen, wenigstens ein Stückchen Brot, bevor es schon wieder – viel zu früh – Zeit ist für die Pillen.

Die Pillen. Mit einem Mal sind sie das Kostbarste, das ich habe. Wenn mir mein Portemonnaie geklaut wird: Pech. Aber wenn mir die Medikamente geklaut werden oder ich sie verliere, dann habe ich ein Problem! Ich teile die Pillen auf, habe eine Hälfte immer bei mir, die andere Hälfte lasse ich im Zimmer. Ich stelle mir zwei Wecker, damit ich bloß nicht vergesse, sie rechtzeitig zu nehmen. Zugleich hasse ich die Medikamente. Wegen der Nebenwirkungen, wegen der Anstrengung, die es mich kostet, die großen gelben Kaletra-Pillen herunterzuwürgen, wegen der ständigen Erinnerung an das, was sein könnte.

Leserkommentare
  1. ...eindringlichen und zum Nachdenken anregenden Artikel.

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  2. ... aber ich frage mich auch, was aus ihrem Freund geworden ist und wie ihr Umgang nun mit ihm ist.
    Mein bester Freund hatte eine ähnliche Situation, allerdings in Berlin, die ebenfalls gut ausging, aber über die Zeit der Therapie und des Wartens auf die Ergebnisse des Tests hat er den Kontakt zu seinem damaligen Freund abgebrochen. Danach tat es ihm leid, und er hätte gern mit ihm über all das gesprochen, über die eigene Angst, aber auch über die allgegenwärtige Angst seines Freundes.

    5 Leserempfehlungen
  3. aber jemand, der mir erst nach dem potentiellen Ernstfall sagen würde, dass er HIV-postiv ist, müsste damit rechnen, dass ich "die Schmetterlinge im Bauch" auf ihn hetze.

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    Ein großes Problem, vor dem HIV-Positive stehen, ist doch, dass es den richtigen Zeitpunkt nicht gibt, um über ein "Scheiß-Thema" zu reden! Soll man es schon vor dem ersten Date sagen - mit dem Risiko, dass es nie zum Date kommt? Soll man es nach dem ersten Sex erzählen? Wenn es nach dem ersten Date kein Wiedersehen gibt - was macht der andere mit der Information? Erzählt er es rum? Soll der Positive warten, bis eine Vertrauensbasis da ist - um dann gleich zu zeigen, dass er das Vertrauen mißbraucht hat? Es gibt keinen GUTEN Zeitpunkt für eine SCHLECHTE Nachricht. Ich finde, auch dafür hat ein HIV-positiver Mensch Anspruch auf Verständnis.

  4. Ich fand den letzten Absatz sehr wichtig: ich hätte an des Autors Stelle nämlich auch nicht den Mut gehabt darüber zu schreiben, wenn der zwei Wochen frische Befund HIV-positiv gewesen wäre. Ich habe auch neulich eine "Champagnerflasche aufgemacht", und auch meine Risikogeschichte ist ganz ähnlich zu der des Autors. Eine Infektion kann unfalltechnisch so schnell gehen, dass man sich hilflos fühlt. Und leider ist das Bewusstsein genau darüber nicht mehr so verbreitet, wie es sollte. Gut, dass es die Aids-Hilfen gibt, und gut dass immernoch darüber geschrieben und veröffentlicht wird. Danke!

    • Salera
    • 01. Dezember 2012 12:16 Uhr

    Nur der Vollständigkeit halber:

    Sie schreiben: "Safe Sex" = Sicherer Sex = kein Risiko
    Richtig wäre: Safer Sex = Sicherer(er) Sex = vermindertes Risiko

    Als einem ausgesprochenen "... Wissenschaftsjournalisten, der so oft über HIV und Aids geschrieben hat?... " sollte Ihnen dieser Lapsus nicht unterlaufen.
    Safe Sex vermittelt, dass es kein Risiko mehr gibt, wenn man sich schützt, was Ihre Geschichte eindrucksvoll widerlegt.

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    Redaktion

    Liebe/r Salera,

    das stimmt. Wir haben das im Text geändert und bedanken uns für den Hinweis.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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  • Schlagworte Aids | Arzt | Erbgut | Geschlechtsverkehr | HIV | Krankheit
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