Es ist die schwierigste Phase dieser sieben langen Wochen. Ich rufe einen Freund an, erzähle ihm alles. Natürlich hat er Mitleid, und natürlich ändert das nichts. Ich habe Angst.

Und mit der Angst kommt die Wut. Wie hat mir mein Freund das nicht sagen können?! Wie hat er mich diesem Risiko aussetzen können?! Andererseits, wann sagt man denn seinem Gegenüber, dass man HIV-positiv ist? Nach dem "Hallo"? Nach dem ersten Bier? Nach dem ersten Kuss? Plötzlich ist das keine theoretische Frage mehr. Gut möglich, dass ich bald eine Antwort darauf finden muss. Plötzlich fallen die Antworten nicht mehr so leicht.

Und noch etwas wird mir klar: Zu Safer Sex gehören immer zwei, und ich habe ihn nie nach seinem HIV-Status gefragt. Ich habe die Möglichkeit überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Weil ich verletzlich war und ihm leichtfertig vertraut habe? Weil ich ein Vorurteil hatte, wie Menschen mit HIV sind oder aussehen, und er nicht in das Muster gepasst hat?

HIV-Medikamente haben die Welt verändert. Sie können die Krankheit Aids jahrzehntelang hinauszögern und reduzieren zugleich das Risiko infizierter Personen, andere anzustecken. Aber während das Leid der Betroffenen sinkt, steigen die Infektionszahlen in vielen europäischen Ländern. Es ist, als würden die Erfolge der Medizin aufgefressen von unserer Unfähigkeit, über diese Krankheit zu sprechen. Wie grenze ich eine Krankheit aus, aber nicht die kranken Menschen? Wie lehre ich Menschen, ein Virus zu fürchten, aber nicht die Menschen, die es in sich tragen?

Nach zwei Wochen fliege ich nach Hause. Ich begrabe mein Leben unter einem Berg von Arbeit. Schreibe, schlafe, schreibe, schlafe. Die Nebenwirkungen lassen nach, ich kann endlich aufhören, die Pillen zu nehmen.
Freunden, die fragen, wie ich mich fühle, sage ich: wie Schrödingers Katze. Das berühmte Gedankenexperiment stammt von Physiker Erwin Schrödinger: Eine lebende Katze wird mit einem instabilen Atomkern in eine Kiste geschlossen. Zerfällt der Atomkern, detektiert das ein Geigerzähler, und es wird Giftgas freigesetzt, das die Katze tötet. Aber ein Atomkern zerfällt nicht einfach, die Quantenphysik sagt, dass der Atomkern nach einer gewissen Zeit beides ist: zerfallen und noch nicht zerfallen. Physiker nennen diesen Zustand Überlagerung. Erst wenn jemand den Atomkern misst, "entscheidet" sich das Universum gewissermaßen. Lächerlich, befand Schrödinger, denn dann müsste auch die Katze in einem überlagerten Zustand sein, müsste tot und lebendig zugleich sein, bis jemand die Kiste öffnet und nachschaut.

Aber genauso fühle ich mich in dieser Zeit. Ich bin Schrödingers Katze. Erst wenn ich die Medikamente zwei Wochen abgesetzt habe, liefert der HIV-Test ein zuverlässiges Ergebnis. Dann macht der Arzt die Kiste auf, und ich finde heraus, ob ich die ganze Zeit tot oder lebendig war.

Ich mag eigentlich keine Artikel, die mit "Ich" anfangen. Die Aufgabe des Journalisten ist es, loszugehen und aufzuschreiben, was er sieht und hört und herausfindet. Für Menschen, die lieber von sich selbst erzählen, gibt es andere Berufe: D-Promi zum Beispiel. Oder Prediger.