Welt-Aids-TagPositiv und Negativ
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 Was für ein Journalist wäre ich, wenn ich meine Geschichte nicht erzähle?

Aber ich fühle mich auch verpflichtet. Ich habe mit genug Menschen auf der Welt gesprochen, die HIV-positiv sind. Ohne Erbarmen habe ich sie ausgefragt. Nach den eigenen Gefühlen und den Blicken der anderen. Ich habe in ihrer Seele gewühlt, weil ich wissen wollte, verstehen wollte. Ich habe sie für ihren Mut bewundert, für die Kraft, mit der sie sich gegen das Stigma stemmen, und ich habe getan, was Journalisten tun: Ich habe sie der Öffentlichkeit preisgegeben. Die Begründung war leicht: Gegen das Stigma hilft nur reden. So habe ich Menschen immer wieder ermutigt, mir Dinge zu erzählen, die doch im Grunde keinen etwas angehen. Was für ein Journalist wäre ich, wenn ich nun nicht auch meine eigene, viel weniger dramatische Geschichte erzählen würde?

Ich spreche mit Freunden und stelle plötzlich fest, es gibt einige, die dasselbe Erlebnis hinter sich haben. Nur haben sie nie darüber gesprochen. Jetzt sagen sie mir, wie viel Angst sie hatten. Und auf der anderen Seite immer wieder dieser Satz, für den Fall, dass es nicht gut ausgeht: "HIV ist heute auch nur noch eine chronische Krankheit." Vielleicht ist es das, was mir klar geworden ist: Wenn es um HIV geht, dann sind wir alle in einem überlagerten Zustand. Wir fürchten die Krankheit und reden uns zugleich ein, dass sie nicht so schlimm ist. Wir sind alle Schrödingers Katzen. Deshalb braucht die Diskussion um HIV und Aids das "ich". Nur wer "ich" sagt, kann andere zwingen, diesen Widerspruch auszuhalten.

Noch zwei Wochen warten, dann ist Montagmorgen und ich gehe zum Arzt und lasse mir Blut abnehmen. Schreiben, schlafen, schreiben, schlafen. Dann ist Freitag. Der Tag des Ergebnisses.
Am Morgen. Der Arzt, der schon, als er ins Wartezimmer kommt, sagt: "Jetzt können Sie aber gleich einen Champagner aufmachen." Die Katze lebt. Am Abend, Party. Bier und Beats, bis der Disconebel sich auch in meinem Kopf ausbreitet. Und schon am nächsten Morgen beim Aufwachen das Gefühl, dass alles nur ein schlechter Traum war. Und Kopfschmerzen.

Zwei Wochen ist das jetzt her. Und eine Frage bleibt, gerade heute am Welt-Aids-Tag: Was, wenn das Ergebnis anders gewesen wäre? Wenn ich HIV-positiv wäre? Hätte ich mich dann getraut, das hier zu schreiben? Ich fürchte, die Antwort lautet Nein – und wünsche mir eine Welt, in der ich ohne Angst Ja sagen könnte.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. ...eindringlichen und zum Nachdenken anregenden Artikel.

    2 Leserempfehlungen
  2. ... aber ich frage mich auch, was aus ihrem Freund geworden ist und wie ihr Umgang nun mit ihm ist.
    Mein bester Freund hatte eine ähnliche Situation, allerdings in Berlin, die ebenfalls gut ausging, aber über die Zeit der Therapie und des Wartens auf die Ergebnisse des Tests hat er den Kontakt zu seinem damaligen Freund abgebrochen. Danach tat es ihm leid, und er hätte gern mit ihm über all das gesprochen, über die eigene Angst, aber auch über die allgegenwärtige Angst seines Freundes.

    5 Leserempfehlungen
  3. aber jemand, der mir erst nach dem potentiellen Ernstfall sagen würde, dass er HIV-postiv ist, müsste damit rechnen, dass ich "die Schmetterlinge im Bauch" auf ihn hetze.

    2 Leserempfehlungen
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    Ein großes Problem, vor dem HIV-Positive stehen, ist doch, dass es den richtigen Zeitpunkt nicht gibt, um über ein "Scheiß-Thema" zu reden! Soll man es schon vor dem ersten Date sagen - mit dem Risiko, dass es nie zum Date kommt? Soll man es nach dem ersten Sex erzählen? Wenn es nach dem ersten Date kein Wiedersehen gibt - was macht der andere mit der Information? Erzählt er es rum? Soll der Positive warten, bis eine Vertrauensbasis da ist - um dann gleich zu zeigen, dass er das Vertrauen mißbraucht hat? Es gibt keinen GUTEN Zeitpunkt für eine SCHLECHTE Nachricht. Ich finde, auch dafür hat ein HIV-positiver Mensch Anspruch auf Verständnis.

  4. Ich fand den letzten Absatz sehr wichtig: ich hätte an des Autors Stelle nämlich auch nicht den Mut gehabt darüber zu schreiben, wenn der zwei Wochen frische Befund HIV-positiv gewesen wäre. Ich habe auch neulich eine "Champagnerflasche aufgemacht", und auch meine Risikogeschichte ist ganz ähnlich zu der des Autors. Eine Infektion kann unfalltechnisch so schnell gehen, dass man sich hilflos fühlt. Und leider ist das Bewusstsein genau darüber nicht mehr so verbreitet, wie es sollte. Gut, dass es die Aids-Hilfen gibt, und gut dass immernoch darüber geschrieben und veröffentlicht wird. Danke!

    • Salera
    • 01. Dezember 2012 12:16 Uhr

    Nur der Vollständigkeit halber:

    Sie schreiben: "Safe Sex" = Sicherer Sex = kein Risiko
    Richtig wäre: Safer Sex = Sicherer(er) Sex = vermindertes Risiko

    Als einem ausgesprochenen "... Wissenschaftsjournalisten, der so oft über HIV und Aids geschrieben hat?... " sollte Ihnen dieser Lapsus nicht unterlaufen.
    Safe Sex vermittelt, dass es kein Risiko mehr gibt, wenn man sich schützt, was Ihre Geschichte eindrucksvoll widerlegt.

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    Redaktion

    Liebe/r Salera,

    das stimmt. Wir haben das im Text geändert und bedanken uns für den Hinweis.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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