Welt-Aids-TagPositiv und Negativ

Aids, das war die Krankheit der Anderen. Der Ärmeren, der Älteren. Dann reißt ein Kondom, und die Welt sieht anders aus. Ein persönlicher Bericht von Kai Kupferschmidt von 

Ein Mann hält eine Tablettendose mit einer roten Schleife in der Hand.

Ein Mann hält eine Tablettendose mit einer roten Schleife in der Hand.   |  © Ronaldo Schemidt/AFP/Getty Images

Ich bin nicht HIV-positiv. Aber als ich angefangen habe, diesen Text zu schreiben, habe ich das noch nicht gewusst. Statt einer Recherche begann dieser Artikel mit einer aufregenden Begegnung in Berlin , mit Schmetterlingen im Bauch, einem Wiedersehen in Prag und schließlich einem romantischen Wochenende auf einer Insel in Brasilien , mit vielen schönen Dingen also, die in eine Katastrophe mündeten: Ein gerissenes Kondom und ein Geständnis des anderen, unter Tränen, dass er HIV-positiv ist.

Ich sitze auf der Kante des Hotelbetts und denke nur: "Scheiße. Das ist nicht gut." Als würde ich einen Zug wegfahren sehen, in dem ich eigentlich sitzen sollte.

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Im ersten Augenblick bin ich nur traurig, dass der Mann, in den ich verliebt bin, in seinem Blut und seinen Zellen dieses furchtbare Virus trägt. Dann der Gedanke: Wie konnte das ausgerechnet mir passieren, einem Wissenschaftsjournalisten, der so oft über HIV und Aids geschrieben hat? All die naiven Gedanken, die ich an jemand anders belächeln würde ("Er ist jung, sympathisch, sportlich, er sieht halt, naja, gesund aus."), habe ich auch gedacht.

Nur eines weiß ich sicher: Ich sollte jetzt sofort HIV-Medikamente nehmen. Wer sich mit einer HIV-verseuchten Nadel gestochen hat oder ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Person hatte, dem empfehlen Experten in der Regel, eine Kombination verschiedener HIV-Mittel zu nehmen, eine Postexpositionsprophylaxe , kurz: PEP. Die Medikamente sollen verhindern, dass das Virus sich im Körper festsetzt. Aber es ist spät am Abend und die letzte Fähre ist längst weg. Für eine lange, dunkle Nacht bin ich zum Nichtstun verdammt.

Am Tag darauf lehne ich an der Wand in einer öffentlichen Klinik in einem verschlafenen Küstenort und habe das Gefühl, ich bin in einem Kafka-Roman gefangen: ein langer dunkler Korridor, grüne Türen rechts und links, dutzende Menschen, die seit zwei Stunden auf den Arzt warten. Wir haben die erste Fähre zum Festland genommen, uns von Klinik zu Klinik telefoniert, bis wir schließlich im Büro von Julianna gelandet sind. Die junge Frau leitet ein kleines Aidsprogramm. Sie hört sich unsere Geschichte an, fährt uns zur richtigen Klinik, erklärt die Situation und lotst uns an die Spitze der Warteschlange.

Wir haben Glück gehabt. Aber ich lehne an der Wand, der Arzt ist nicht da, und meine Gedanken laufen Amok. Ich brauche den Arzt, damit ich ein Rezept bekomme. Ich brauche das Rezept, damit ich die Medikamente bekomme. Und ich brauche die Medikamente, damit ich nicht HIV bekomme. Aber der Arzt kommt nicht.

"Je später Sie mit der PEP beginnen, desto größer ist die Gefahr, dass Sie HIV-positiv werden", heißt es auf der Website der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC . Am besten, so habe ich es immer wieder gelesen, innerhalb von zwei Stunden. Aber inzwischen sind 24 Stunden vergangen. Und mit jeder Minute, die verstreicht, wird es unwahrscheinlicher, dass die Medikamente mir helfen. Ich stelle mir vor, wie die winzigen Viren sich an meine Immunzellen ranschmeißen, an ihnen kleben bleiben wie ein schmieriger Typ an der Bar und dann in sie eindringen.

Leserkommentare
  1. aber jemand, der mir erst nach dem potentiellen Ernstfall sagen würde, dass er HIV-postiv ist, müsste damit rechnen, dass ich "die Schmetterlinge im Bauch" auf ihn hetze.

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  2. zumindest vor dem ersten sex.
    das ist nur fair.

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  • Schlagworte Aids | Arzt | Erbgut | Geschlechtsverkehr | HIV | Krankheit
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