In Deutschland werden Patienten schnell und häufig operiert – und viele von ihnen unnötig. Wie das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in seinem Krankenhaus-Report kritisiert, wurden nie zuvor so viele Menschen in deutschen Kliniken stationär behandelt wie 2011. Seit sieben Jahren steigt die Zahl stetig an. 18,3 Millionen Fälle zählte das statistische Bundesamt . Es gebe besonders dort starke Zuwächse, wo die Eingriffe Krankenhäusern Gewinn versprächen, sagte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Dabei sei nur ein Drittel des Anstiegs auf älter werdende Patienten zurückzuführen.

Allein Operationen an der Wirbelsäule haben sich seit 2005 mehr als verdoppelt, konstatiert Fritz Uwe Niethard. So bringe eine typische Wirbelsäulen-OP einer Klinik 12.000 Euro ein, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie während der Vorstellung des Reports. Dafür könnten 100 Jahre Behandlung ohne OP bezahlt werden.

Auch bei Herzschrittmachern ist die Zahl der Eingriffe laut der Studie zwischen 2008 und 2010 um ein Viertel gestiegen. Der demografische Wandel trägt nur minimal dazu bei. Weltweiter Spitzenreiter sind die deutschen Kliniken gar, wenn es darum geht künstliche Hüft- und Kniegelenke zu verpflanzen.  Auf 100.000 Einwohner kommen in Deutschland im Schnitt 296 Hüft- und 213 Knie-OP. Damit liegen deutsche Chirurgen noch vor ihren Kollegen aus den USA .

"Mehr Menge bedeutet nicht zwangsläufig mehr Nutzen für die Patienten", sagte AOK-Vorstand Uwe Deh. Niemand dürfe "unnötig operiert werden". Gerade bei lukrativen und planbaren Eingriffen wie einer Wirbelsäulenoperation oder bei Untersuchungen mit Herzkathetern könnten die steigenden Zahlen "nachweislich nicht damit erklärt werden, dass sich der medizinische Bedarf entsprechend entwickelt hat".

Der Orthopäde Niethard warnt vor einer Über- und Fehlversorgung: Sie sei genauso problematisch wie eine mögliche Unterversorgung. "Jede Operation ist auch ein erhebliches Gesundheitsrisiko für den einzelnen Patienten." Für den Krankenhausreport wurden Daten von AOK-Patienten ausgewertet, die in rund 1.600 der insgesamt etwa 2.000 Kliniken im Land behandelt worden waren.

Krankenhäuser wehren sich

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) streiten die Vorwürfen der Studie ab. Sie geht davon aus, dass der starke Anstieg von Operationen von der Zunahme älterer Patienten rühre und vom medizinischen Fortschritt. Die Betreiber von Krankenhäusern leugnen nicht, dass der Kostendruck für sie enorm ist . Doch sie wehren sich dagegen, Operationen willkürlich angeordnet zu habe. Das Deutsche Krankenhausinstitut hat eine eigene Untersuchung gemacht und fürchtet nun "eine generelle Diffamierung der Krankenhausmitarbeiter".

Auch "in den viel zitierten Leistungsbereichen Hüft- und Knieersatz stagnieren die Leistungsentwicklungen seit einigen Jahren. Gemessen an der heute viel größeren Zahl älterer Menschen ist die Häufigkeit dieser Leistungen sogar rückläufig", sagt der DKG-Präsident Alfred Dänzer.

Die Autoren des Krankenhausreports widersprechen. Krankenhäuser würden sich konsequent gewinnmaximierend verhalten. Nicht nur stiegen die Zahlen der Eingriffe, die mit hohen Fallpauschalen vergütet werden, sondern seien sie auch regional äußerst unterschiedlich verteilt. In Schleswig-Holstein , Bayern und Hessen operieren Mediziner etwa am häufigsten an der Wirbelsäule. Auch zeigen sich große Unterschiede auf Kreisebene, wenn es um implantierte Herzschrittmacher geht. Selbst wenn man die unterschiedliche Anzahl alter Patienten in den Regionen Deutschlands berücksichtigt, bleiben die Abweichungen deutlich. Während im Jahr 2010 etwa im Kreis Höxter ( Nordrhein-Westfalen ) 807 Defibrillatoren je eine Million Einwohner verpflanzt wurden, waren es im bayerischen Nürnberg gerade einmal 202.

Auch in der Qualität der Versorgung gibt es offenbar deutliche Unterschiede in den Kliniken. Der Krankenhausreport verglich Komplikationen nach einer Herzkatheter-OP in 614 Kliniken deutschlandweit. In 74 Häusern traten bei weniger als fünf Prozent der Patienten Probleme auf, allerdings lag die Rate in 37 Kliniken bei mehr als 15 Prozent.