DepressionSuizidgedanken wie Schnupfen behandeln?

Die U.S. Army kramt eine alte Idee hervor: Ein Nasenspray soll die Selbstmordrate unter depressiven Soldaten senken. In Studien überzeugte der Wirkstoff bisher nicht. von 

Die Meldung, dass die US-Armee ihre Soldaten mit einem Anti-Suizid-Spray ausrüsten will, klingt spannend. Kann ein Nasenspray Depressionen wegzaubern?

Um die Hoffnung gleich zu bremsen: Selbstmordgedanken einfach wegsprühen – das wäre tatsächlich zu schön, um wahr zu sein. Bisher jedenfalls. Noch ist kein solches Medikament auf dem Markt, der Wirkstoff TRH ein alter Hut. Seit den Neunzigern gab es keine bahnbrechenden Studien mehr zu dem Hormon, das direkt im Gehirn wirken und depressive Verstimmungen lindern soll.

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Mit drei Millionen US-Dollar fördert die U.S. Army trotzdem ein Forschungsprojekt dazu an der Indiana University School of Medicine. Die Armee steht unter Druck, die Selbstmordrate unter ihren Soldaten zu senken: Nach einem Bericht des Pentagon aus dem Sommer 2012 hat sich diese seit dem vergangenen Jahr verdoppelt. Im Schnitt nehme sich jeden Tag ein US-Soldat das Leben.

TRH steht für Thyreotropin Realeasing Hormone . Dieser Botenstoff ist dafür bekannt, über Umwege die Schilddrüse zu stimulieren. So wird er zum Beispiel eingesetzt, um bei Patienten mit Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung die Funktion der größten Hormondrüse im Körper zu testen. Eine noch funktionsfähige Schilddrüse reagiert ziemlich stark auf die Gabe von TRH und produziert wieder Schilddrüsenhormone. Ein zerstörtes Organ dagegen nicht.

Aus solchen Tests weiß man auch, welche Nebenwirkungen das Hormon haben kann: Dazu zählen "starker Harndrang, Schwindel, Kopfschmerzen, Geschmacksstörungen, Hitzegefühl, Gesichtsrötungen, Übelkeit und ein allgemeines Unwohlsein" , sagt der Pharmakologe Lutz Hein von der Universität Freiburg . Bei intravenöser Gabe wurden in seltenen Fällen sogar Krämpfe, Erbrechen und Ohnmachtsanfälle beobachtet," sagt der Pharmakologe. "Es müssten unbedingt Nutzen und Risiko abgewogen werden".

Da das Hormon sowohl im Verdauungstrakt als auch in der Blutbahn sofort abgebaut wird, zeigte TRH als Antidepressivum bisher weder als Tablette noch als Infusion eine eindeutige antidepressive Wirkung. "Um überhaupt die nötige Konzentration im Gehirn zu erreichen, müsste man TRH-Tabletten in solch hohe Dosierungen geben, dass mit weiteren Nebenwirkungen zu rechnen ist", sagt Hein. 

Daher setzten die US-Forscher auf die Darreichungsform durch die Nase. Über ein Spray könnte TRH schubweise und in geringen Dosen verabreicht werden – vorbei an der Blut-Hirn-Schranke, direkt ins Gehirn. "Durch den fast direkten Einsatz am Gehirn könnten die Nebenwirkungen verringert werden", meint auch Michael Bauer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden .

In Indiana wird gerade untersucht, ob das Mittel als Spray herstellbar ist. Die Hoffnungen der Forscher fußen im Wesentlichen auf eine 15 Jahre alte Studie einer Arbeitsgruppe um die texanische Psychiaterin Lauren Marangell , die nach Phase 1 damals nicht fortgesetzt wurde. "Darin zeigte sich bei einmaliger Gabe von TRH ein schneller Effekt bei depressiven Patienten", sagt Bauer. Eine so schnelle Wirksamkeit wäre tatsächlich ein großer Vorteil gegenüber allen verfügbaren Antidepressiva. Die entfalten ihre Wirkung erst nach Wochen. Ein Notfallmedikament, um akute Schübe mit schweren Suizidgedanken zu stoppen, gibt es bisher nicht.

Die Sofortwirkung wäre eine kleine Revolution

Bauer sieht in der Spray-Idee deshalb durchaus Potenzial. Allerdings nur zur langfristigen Therapie von Depressionen. Ließe sich mit dem Hormon ein Medikament entwickeln, das täglich eingenommen eine Depression in Schach halten könnte, wäre viel erreicht. Wenn das auch noch ohne Zusatzmedikamente auskäme, wäre das sogar ein großer Fortschritt.

Dass sich mit einem nur ad hoc eingesetzten Nasenspray ernsthaft Suizide verhindern lassen, glaubt Bauer nicht. Andere Pharmakologen und Hormonwissenschaftler warnen zudem, dass eine komplexe Erkrankung, wie eine Depression, nicht allein durch Arzneimittel zu stoppen sei. Auf keinen Fall kann ein Medikament – ob als Pille, Spritze oder Spray – eine Psychotherapie ersetzen. Zudem sollte das Ziel sein, Depressive so nachhaltig zu behandeln, dass sie eines Tages ohne Medikamente auskommen.

Gerd Gründer , Psychopharmakologe in Aachen , geht noch weiter: "Die amerikanische Armee will durch diesen TRH-Hype wohl eher signalisieren, dass sie sich dem Problem der steigenden Suizidzahlen annehmen möchte", sagt er. "Anders kann ich es mir nicht erklären, dass dort TRH auch als Therapie für ein halbes Dutzend anderer Krankheiten angepriesen wird."

"Ich halte es für naiv, auf TRH als Antidepressivum und Suizidphrophylaxe zu setzen. Es gibt bisher keine überzeugende Literatur, die beweisen könnte, dass das Hormon einen langfristigen antidepressiven Effekt zeigt", sagt Gründer.

Die Forscher in Indiana stehen noch ganz am Anfang: Im Moment arbeiten sie daran, erst einmal geeignete Nanopartikel zu finden, die das Hormon durch die Nasenschleimhäute direkt ins Gehirn befördern. Es gibt also noch gar kein Spray, das in klinischen Studien getestet werden könnte.

Doch selbst wenn das Spray wirklich eines Tages kommt: Die psychischen Folgen, die traumatische Kriegserlebnisse haben können, die wachsende Zahl an depressiven Armee-Angehörigen und die Zunahme an Suiziden unter Soldaten – all diese Probleme wird die US-Armee mit einem einfachen Spray nicht lösen können, selbst wenn es wirken sollte.

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Leserkommentare
  1. Die US-Army ist eine Berufsarmee. Daher meine Präskription: keinen Krieg führen. Viele der Soldaten verpflichten sich aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, weil sie ansonsten im maroden staatlichen Schulsystem keine Ausbildung erhalten. Die Kriege in Irak und Afghanistan haben Zehntausende Soldaten traumatisiert. Viele können sich nach ihrem Dienst nicht mehr in ihr altes soziales Umfeld integrieren und leiden an posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD). Die gesteigerte Selbstmordrate während und nach der Dienstzeit ist innerhalb der zu erwartenden Parameter. Dass die US-Army nur Symptombekämpfung betreibt, ergibt sich aus der Sachlage.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Depression | Gehirn | Medikament | Therapie | US-Armee | Universität Freiburg
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