Arztreport 2013Ein Krankenkassen-Bericht ist keine valide ADHS-Studie

"In Deutschland wächst eine Generation ADHS heran", warnt die Barmer und geißelt "Pillen gegen Erziehungsprobleme". Doch für diese Deutung fehlt die Datengrundlage. von  und

"Die Aufmerksamkeitsstörung ADHS trifft in Deutschland immer mehr Kinder und Jugendliche", schreibt Spiegel online. "Um 42 Prozent ist die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die Ärzten zufolge in Deutschland unter ADHS leiden, in den vergangenen Jahren gestiegen", ist auf Sueddeutsche.de zu lesen. Alarm! Ist das die Generation ADHS?

Die Grundlage der besorgniserregenden Meldungen ist ein von der Barmer GEK veröffentlichter Arztbericht. Danach seien die ADHS-Diagnosen von 2006 bis 2011 von rund 437.000 auf etwa 750.000 Kinder gestiegen. Doch diese Daten stammen von einer einzigen Krankenkasse. Sie beziehen sich nur auf Versicherten-Daten der Barmer GEK – nicht auf alle deutschen Kinder. Die Schlussfolgerung, es gebe immer mehr ADHS-Diagnosen in Deutschland, ist dementsprechend gewagt.

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Gewagte Hochrechnung

Wenn Wissenschaftler den Aufbau einer empirischen Studie planen, haben sie meist ein großes Ziel vor Augen: Sie wollen Daten erheben, die der Wahrheit möglichst nahe kommen. Wenn sie eine wahre Aussage über die deutsche Bevölkerung treffen wollen, haben sie also zwei Möglichkeiten: Entweder sie untersuchen die komplette deutsche Bevölkerung. Oder sie bemühen sich darum, eine möglichst zufällige Stichprobe zusammenzustellen, um Verzerrungen zu vermeiden.

Der Haken des Arztreports 2013 ist also, dass die Autoren den Aufbau der Studie vorher nicht geplant haben. Die Stichprobe, die sie gewählt haben, umfasst eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen: die Barmer-Versicherten. Ob diese Gruppe die deutsche Bevölkerung widerspiegelt, kann niemand sagen. Ähnliche Auswertungen anderer Krankenkassen – etwa der Techniker Krankenkasse im Oktober 2011 – haben zwar einen ähnlichen Trend gezeigt. Doch auch sie konnten sich nur auf eigene Zahlen stützen.

Solche Ergebnisse kann man nicht guten Gewissens auf ganz Deutschland beziehen. Das vermerken auch die Autoren des Barmer-Reports im Anhang: "Einschränkend ist darauf hinzuweisen, dass die hier betrachtete Population von Versicherten der Barmer-GEK keine repräsentative Stichprobe der deutschen Bevölkerung darstellt", heißt es dort.

Dennoch wagt Rolf-Ulrich Schlenker, Vize-Vorstand der Barmer GEK, eine Wertung: "Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren. Pillen gegen Erziehungsprobleme sind der falsche Weg", wird er in einer Pressemitteilung der Krankenkasse zitiert. Ob die Diagnoseraten tatsächlich "zu" hoch sind, geht aus den Zahlen allerdings nicht hervor. "Dafür müsste man zusätzlich auswerten, wie viele der Diagnosen tatsächlich gerechtfertigt waren", sagte Gerd Lehmkuhl, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Köln, ZEIT ONLINE. Erst dann kenne man den Anteil der Fehldiagnosen.

Die Diagnose ADHS ist immer schwierig

Doch gerade das kann keine Krankenkassen-Statistik leisten. Selbst ADHS-Spezialisten haben Probleme, in eigens dafür designten Studien zu klären, wann ein Kind zu Recht Medikamente gegen Verhaltensauffälligkeiten und Konzentrationsprobleme bekommt. Erstens lässt sich ADHS wegen der komplexen Symptome nur schwer zu anderen psychischen Erkrankungen abgrenzen. Zweitens können Ärzte nicht immer eindeutig einstufen, welche Probleme in der kindlichen Entwicklung krankhaft und welche normal sind.

Einige Mediziner behaupten sogar, eine sichere Diagnose des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms sei überhaupt nicht möglich. Forscher der Universiät Michigan analysierten im Jahr 2010 die Daten von 12.000 Kindern in den USA qualitativ. Das Ergebnis: Viele, denen die Diagnose ADHS gestellt wurde, zeigten eine natürliche kindliche Unreife. Die Probleme, die das im Kindergarten und in der Schule provozierte, führten dann zu einer Behandlung beim Arzt.

Dem Problem möglicher Fehldiagnosen begegnet man in Deutschland mit einer Regelung, nach der nur noch Fachärzte eine ADHS-Diagnose stellen dürfen. Nach Ansicht der Bundespsychotherapeutenkammer schränkt dies die fahrlässige Verschreibung von Psychopharmaka an Kinder ein. Die Schattenseite: Betroffene, deren Kinder dringend Medikamente benötigen, haben es nun schwerer, da Hausärzte die benötigten Rezepte nicht mehr ausstellen können.

Die meisten Kinder – fast immer Jungen – erhalten eine ADHS-Diagnose, wenn sie in der Schule als Störenfriede auffällig werden oder Lernschwierigkeiten zeigen. Die Frage, ob das Kind wirklich "krank" ist oder die Gesellschaft überhöhten Leistungsdruck ausübt, bildet den Kern einer seit Jahren andauernden Debatte. So ist es zwar gerechtfertigt, dass Barmer-Vorstand Schlenke dieses Problem anspricht: "Am Ende scheinen einige Eltern und Lehrer überfordert, auf unkonzentrierte, hibbelige Kinder zu reagieren und sie deshalb dem Medizinbetrieb zuschieben", schreibt er in einem Statement zum Arztreport. Auch betont Schlenker, dass dies besonders die Achtjährigen betreffe – also Kinder in einem Alter, in dem sie auf weiterführende Schulen wechseln. All das mag richtig sein. Als harte wissenschaftliche Interpretation der Zahlen des aktuellen Arztreports sollte man diese Aussagen aber nicht missverstehen.

Es geht um Diagnosen – nicht um Fälle

Ein weiterer Punkt, der die Deutung erschwert: Die Barmer-Daten erfassen nur die Menschen, die tatsächlich ärztlich behandelt wurden; Fälle also, in denen ein Arzt ADHS bei einem Patienten festgestellt hat. Womöglich werden viele Kinder und Jugendliche aber nie erfahren, ob sie tatsächlich an der Störung leiden. Denn nicht alle Eltern erkennen Verhaltensauffälligkeiten als Erkrankungsanzeichen. Und wenn doch, gehen sie nicht unbedingt gleich zum Arzt.

Auf der anderen Seite könnte die Zahl der Diagnosen auch zugenommen haben, weil das Bewusstsein für ADHS gestiegen ist und mehr Eltern ihr Kind daraufhin untersuchen lassen. Die Barmer verweist im Zusammenhang mit dem aktuellen Bericht allerdings darauf, dass ADHS schon seit zehn Jahren ausreichend bekannt sei. Dementsprechend hätten die Zahlen also in den vergangenen Jahren nicht weiter steigen dürfen. Doch ganz wasserfest ist diese Argumentation nicht. Schließlich finden sich im Barmer-Bericht keine Informationen darüber, seit wann die Bevölkerung wie gut über ADHS informiert ist.

Dass der Bericht – einhergehend mit dem Zuwachs an Diagnosen – auch einen Anstieg der Ritalin-Verschreibungen feststellt, erstaunt kaum. Die Zahl der Verordnungen sei von 2006 bis 2011 um rund 35 Prozent gewachsen. Natürlich wieder nur unter den Barmer-Versicherten. Trotzdem wagen die Autoren eine Hochrechnung: Sie schätzen, dass rund zehn Prozent aller Jungen und 3,5 Prozent aller Mädchen im Laufe ihrer Kindheit mindestens einmal Methylphenidat nehmen.

Auch diese Entwicklung ist nach Ansicht der Krankenkasse ein Grund zur Sorge. "Wir kennen die Spätfolgen der Pillen noch nicht – sie wirken zwar, werden aber häufig zu voreilig verordnet", sagt Barmer-Sprecher Kai Behrens. Daher sei es an der Zeit, sich stärker alternativen Behandlungsformen, wie der Verhaltenstherapie oder dem Elterntraining zuzuwenden. Diese seien zwar nicht billiger als Medikamente, womöglich aber langfristig wirksamer.

Die Intention hierbei ist löblich. Würden tatsächlich Kindern in Deutschland massenhaft voreilig und fahrlässig Psychopharmaka verabreicht, weil Eltern und Lehrer überfordert sind oder weil kindliches Verhalten in unserer Leistungsgesellschaft keinen Raum mehr findet, wäre das alarmierend. Um diese These zu belegen, bräuchte es allerdings bessere wissenschaftliche Studien.

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Leserkommentare
  1. [...]

    Und was lese ich heute? Einen Artikel, der den geneigten nicht-wissenschaftlichen Leser schulen soll, die Hintergründe eines Berichtes zu verstehen. Ein Artikel, der auf wissenschaftliche Fallstricke hinweist, ja wissenschaftliche Interpretationen fordert.

    Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da kann ich nur sagen, weiter so, denn trotz dieses Lobes gibt es im Wissenschaftsteil, gerade in den Lebenswissenschaften, qualitativ noch deutlich Luft nach oben...

    Gekürzt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema und verzichten auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

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    Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für neurologische Intensivmedizin (ANIM) in Mannheim letze Woche war der von mir genannte Vorgang Thema in einem großen Vortrag, der sich mit den Vorzügen der neuen Blutverdünner beschäftigte. Es mag sein, dass ZO das ganze Kapitel gerne vergessen würde, wir Neurologen haben das nicht.

    • doof
    • 29. Januar 2013 19:18 Uhr
    2. fragen

    1. wieviele versicherte hat die bundesweite barmer bek insgesamt? (antwort: 8,5 mio. lt. eigener aussage)
    2. wieviele versicherte hat die techniker-krankenkasse? (6 mio. lt. eigener aussage).
    14,5 mio. sind also insgesamt wieviel % der gesamtbevölkerung in D von 82 mio.?(sind da eigentlich die familienversicherten mit dabei bei der versichertenzahl? wenn nicht, steigt das nochmal an, oder?)
    zum vergleich: "repräsentativ" werden z.t. umfragen mit 1000 teilnehmenden genannt und sich wird auf solches bei unterschiedlichen (genehmen) themen berufen).
    nun meine frage an den autor: inwieweit soll also diese tendenz, dass es signifikant mehr ad(h)s-diagnosen gibt, nicht repräsentativ als tendenz, die nachdenkenswert sein könnte?

    8 Leserempfehlungen
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    • MeIkor
    • 29. Januar 2013 21:03 Uhr

    Man kann 40.000.000 Deutsche danach fragen, ob Sie in Ihrer Jugend Fußball gespielt haben und bekommt eine nicht gerade repräsentative Antwort, falls man z.B. nur Männer befragt. Eine ausgesuchte Gruppe von 1.000 Menschen verschiedener Milieus und Geschlechts bringen da schon genauere Ergebnisse.

    Das ist eigentlich nur eine etwas pflaumige Bezeichnung für eine Stichprobe, die von der Zusammensetzung der Gesamtheit entsprechen soll. Da können theoretisch auch 1000 Personen ausreichen. In der Regel ist diese Auswahl der 1000 Personen aber ziemlich wilkürlich und der Nutzwert recht beschränkt. So wählen z.B. Meinungsforschungsinstitute Wohnungen nach dem Zufallsprinzip aus und rufen wegen einer Umfrage dort an. Passiert das zur normalen Arbeitszeit, dann erwischen die dort hauptsächlich Arbeitslose, Hausfrauen und Rentner...

    Die Barmer bildet keinen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung ab, da hier die oberen (Privatpatienten) und unteren (AOK-Kunden) Ränder fehlen. Aber das Fenster ist halt sehr breit und die Datenbasis ausgezeichnet. Wenn die Barmer-Kunden ein Problem haben, dann hat es auch die Gesellschaft ingesamt.

    Krankenkassenberichte zeigen sehr wohl das Verordnungsverhalten der Ärzte, das ja einer "Diagnose" zugrunde liegen muss. Diagnose ohne Verordnung fehlt möglicherweise.

    Ein Junge von 10 soll ADHS haben? In zehn Jahren und wenn das so weitergeht sind es dann 2-3 von 100? Selbst wenn es derzeit nur ein paar von 100 sein sollten, ist das schon fragwürdig. Es bedeutete die schleichende Verkrankung der Gesellschaft.

    Valide Doppelblindstudien: Wie soll das echt gehen, wo die Menschen jeder für sich ein Einzelexemplar ist? Tendenzen können ermittelt werden, keine Wahrheiten; insofern sind die Erhebungen der Krankenkassen sogar besser als Doppelblindstudien: Sie präsentieren Fakten und keine subjektiven Germanismen, denen man "Symptomcharakter" zuschreibt.

    • doof
    • 29. Januar 2013 19:24 Uhr

    1. wenn etwas offensichtlich kein solches leiden hervorruft, dass das ärztlich behandelt werden muss (oder, andere maßnahmen als die medikamentöse behandlung, siehe text): inwieweit kann dann eine "behandlungswürdige" dunkelziffer überhaupt angenommen werden? (also behandlungswürdig mit methylphenidat?)
    +
    2. das im zusammenhang mit der feststellung, dass dieses leiden "nicht diagnosefähig" wäre?
    also was ist das nun? eine krankheit, die diagnostiziert werden kann und ergo auch medikamentös behandelt werden müsste/könnte, wie auch immer? wie definiert sich denn dann "krankheit", wenn nicht durch anamnese und diagnose (also ausschluss anderer ursachen)?

  2. und daher sollte man die Redaktion weder allgemein noch in diesem Thema diskreditieren.

    Die ADHS Problematik ist wissenschaftlich nicht abgeschlossen , aber die Tatsache , dass es zu derartigen Anstiegen der Diagnose und vor allem der Therapie mit hochaktiven Neurosubstanzen als Dauertherapie kommt , darf schon kritisch hinterfragt werden.

    Und es darf auch hinterfragt werden , ob unser Modell der Lebensführung und Erziehung für Kinder und vor allem Jungen ideal ist .
    Abgesehen von der Tatsache , dass hier (wieder einmal) eine Verhaltensauffälligkeit oder gar ein unangepasstes Verhalten als krankhaft erklärt wird , und von dem medizinisch-pharmazeutischen Komplex mit hohem Aufwand , vor allem finanziell , lukrativ und für einige sehr gewinnträchtig ausgeschlachtet wird.

    Das eine grosse Krankenkasse diese Frage aufwirft , zeigt nur , dass es in Deutschland dringend einer unabhängigen und interdisziplinären Gesundheitsforschung bedarf , die diese Fragen ohne Lobbyeinfluss und ohne falschen Scham anpackt.

    7 Leserempfehlungen
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    ... wenn Sie sagen, "dass es in Deutschland dringend einer unabhängigen und interdisziplinären Gesundheitsforschung bedarf , die diese Fragen ohne Lobbyeinfluss und ohne falschen Scham anpackt".

    Da kann ich nur zustimmen. Und dass einige Folgerungen der Barmer nicht ganz wasserdicht seien, wie der Artikel befindet, stimmt wohl auch.

    Nur: Die Barmer thematisiert hier durchaus ein ernstzunehmnedes Bedenken, nämlich, dass eventuell ein großer Anteil unserer Kinder unnötigerweise über lange Zeit mit starken Medikamenten behandelt wird. Auch wenn dieses Bedenken von einer Krankenkasse kommt, von der man vermuten kann, sie möchte Ausgaben sparen, so sollte dem doch nachgegangen werden - womit wir wieder bei der Forderung nach einer unabhängigen Prüfung wären...

  3. Auch wenn eine Krankenkasse sicherlich auf ihre Ausgaben schaut, wenn sie massenhafte Verschreibung von Metylphenidat kritisiert, im Grunde genommen wird hier trotzdem etwas sehr offensichtliches Ausgesprochen. Und dass dieser Artikel hier so etwas Offensichtlichem kritisch begegnen möchte, was genau macht das für einen Sinn? Sollen wir lieber doch weiterhin Ritalin verschreiben, bevor nicht Genaueres geklärt ist und bevor nicht detailiertere Studien vorliegen? Ich weiß nicht so recht...

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    • doof
    • 29. Januar 2013 19:41 Uhr

    also, eben nicht, glaube ich:
    "auf ihre ausgaben schaut".
    alternative behandlung, also psychotherapie bei z.b. verhaltensauffälligkeiten kostet mehr und wird nicht zwangsläufig vom jugendamt übernommen.

    • doof
    • 29. Januar 2013 19:55 Uhr

    und das kann ich aus beobachtungen aus meiner beruflichen praxis bestätigen:
    was macht es für einen sinn, eine "krankheit" (eben im sinne der dsm) zu konstruieren, wo eben keine vorliegt (bzw. es eben andere ursachen als primär organische, innerpsychische für bestimmtes verhalten geben könnte (eben besagte "eltern-kind-interaktion" z.b. u. weiteres?
    für eltern ist es allemal einfacher, zu sagen mein kind hat adhs als zusammenhänge zu hinterfragen, in denen das kind aufwächst.
    und, bevor nun menschen sagen: aber die hirnorganiscgen prozesse etc.: 1. es wird angenommen, dass diese gestört sind bei adhs. aber was d ursache und was wirkung ist (wenn überhaupt) ist eben nicht zweiflesfrei feststellbar.
    dass methylphenidat unters betäubungsmittelgesetz fällt und die folgewirkungen von jahrelangem gebraucht (mitsamt der schäden auf hirnorganische prozesse) nicht absehbar, das allerdings ist bekannt.
    zudem: ich habe einmal erlebt, dass ein kind, das sein ritalin bei einer freizeit zuhause "vergessen" hatte, nach einigen tagen der aufregung bzw. evtl. des entzuges (auch strapatzen der betreuer ;-)) plötzlich aufmerksamer war, interessierter, als spielpartner der anderen akzeptierter und generell ausgeglichener, sich an regeln halten konnte - schier durch aufmerksamkeit der erzieher, genügend betätigung und hinwendung zum kind.
    das bsp. kann sicher nicht generalisiert werden, sowas gibts aber offensichtlich.

  4. Interessant ist, dass die Definition, was Krankheit ist und was nicht, vom "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM)" definiert wird.

    <em>Dieses Diagnose-Handbuch existiert seit 1952 und wird von der American Psychiatric Association herausgegeben. Es will und soll weltweit die Kriterien dafür festlegen, wann ein Mensch im psychiatrischen Sinn für gestört zu erklären ist.</em>

    <em>Jörg Blech weist in seinem Artikel darauf hin, dass 70 Prozent der aktuellen DSM-Autoren als Berater für Pharmafirmen arbeiten. Der DSM betreibe „Seelsorge für die Industrie“, in dem er gesellschaftlich nicht erwünschte, störende Verhaltensweisen pathologisiere und damit für eine medikamentöse Behandlung zurechtrücke.</em>

    Detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=15917

    4 Leserempfehlungen
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    • feminus
    • 29. Januar 2013 20:26 Uhr

    Es ist traurig, dass alle es mitmachen. Wann kommen wieder die Ärzte, die den Mut haben zu sagen: Ihr Kind hat nichts, es ist normal in dem Alter sich so zu verhalten. Und wenn der Lehrer ein Problem mit ihm hat, kann er ja auch mal zum Arzt kommen und mit ihm drüber reden. Oder aber der Arzt fragt die Eltern, was sie denn für Pläne mit dem Kind haben und macht einen Test mit ihm (oder beim Psychologen). Manchmal üben eltern zu Hause zu viel Druck aus, manchmal wird es in der Schule genervt, geärgert. Eines Tages werden hier fast nur noch Untote rumlaufen, wenn das so weitergeht. Sie sind Kinder, die Ritalin nehmen in ihrer Persönlichkeit? Haben die noch viele Gefühle?

    Ich empfehle diesbzgl. die exzellenten Artikel von Allen Frances in der Huffington Post (z.B. http://www.huffingtonpost.com/allen-frances/attention-deficit-disorder_b...).

    Frances hat am DSM IV mitgearbeitet und macht immer wieder klar und deutlich, welche Mängel nicht nur DSM-IV aufwies, sondern prangert auch im Detail die Neuerungen des DSM-V an, das im Mai erscheint.

    • doof
    • 29. Januar 2013 19:41 Uhr

    also, eben nicht, glaube ich:
    "auf ihre ausgaben schaut".
    alternative behandlung, also psychotherapie bei z.b. verhaltensauffälligkeiten kostet mehr und wird nicht zwangsläufig vom jugendamt übernommen.

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    Da hab ich nicht so weit um die Ecke gedacht, dass Therapieprogramme ohne Medikamente oft teurer sein können, guter Konter. Aber man könnte da noch einmal mehr um die Ecke denken: Langfristig kann durch Ritalinbehandlung eventuell ein Schaden entstehen, der dann wieder neue Therapien verspricht, langfristig bedeuten die Medikamente nur Abstellung der Symptome aber nicht der Ursachen. Wenn durch aufwendige Therapieprogramme Ursachen bekämpft und dadurch jemand normaler Leben kann als vorher, eventuell sparen sich die Krankenkassen auf dauer dann doch was ;-)

    • praenki
    • 29. Januar 2013 19:44 Uhr

    Ich würde den Experten dringend empfehlen, einige Zeit mit entsprechend auffälligen Kindern, insbesondere Jungen, in Erziehungseinrichtungen und Schulen zu verbringen. Das Verhalten vieler Kinder wie im obigen Text als "hibbelig" zu bezeichnen, ist eine fahrlässige Untertreibung.

    Wir erleben täglich hochgradige Aggression von Kindern gegen sich und andere. Und, nein, ich bin kein Freund von Medikamenten, aber es bildet sich eine Generation von Schülern heran, die faktisch nicht mehr beschulbar ist.

    Leider kann ich keine Beispiele aus der Praxis nennen, da diese zu leicht nachzuvollziehen wären. Wenn aber Klassen mit 5 (!) Schülern nicht mehr funktionieren, in denen dann noch nicht einmal Unterricht stattfindet, sondern vorwiegend angemessenes, grundlegendes Sozialverhalten geübt werden muss (Ziel: Ich haue meinem Mitschüler nicht beim kleinsten Anlass auf's Maul!), dann ist etwas faul im Staate Dänemark. Der Blick in die Elternhäuser ist oft erhellend, verletzt aber wohl die Regeln der political correctness, in deren Sinne man sich lieber unkonkrete weiche Ziele wie "den Arzt" oder "die Lehrer" sucht.

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    Wahrscheinlich treffe ich den Nagel nicht auf den Kopf, aber eine solche Einrichtung habe ich auch schon besucht. Berthold-Simonsohn-Schule. Lernwerkstatt.

    Beim Lesen des Artikels fragte ich mich allerdings, ob "hibbelig" für ein 9jähriges Kind nicht eher noch normal ist. Hibbelig, quirlig, das sind doch nicht zwingend krankhafte Eigenschaften.

    Mir drängt sich eher der Verdacht auf, dass Eltern heute sehr große Angst haben, dass ihre Kinder "hinten runter fallen", "sich selbst nicht verwirklichen können", Kinder "auffallen" und schon biegt ein Lehrer um die Ecke "Ihr Kind ist aufflällig". Da bekommen es die Eltern nun schon mal mit der Angst zu tun und gehen schnell zum Arzt. Oder aber - und ich glaube, damit meine ich die Schüler, von denen Sie sprechen - klatschen es ab mit "Wie ich mein Kind erziehe ist mein Bier". Dummerweise findet dort GAR KEINE Erzieehung statt. Darum kein Respekt vor Lehrern und anderen Autoritätspersonen. Laissez-fair ist ein Alptraum für sämtliche Lehrer.

    Meiner Meinung nach sollten erst mehrere (!) psychologische Tests gemacht werden mit den Kindern UND deren Eltern (!!!!), bevor mit Psychopharmaka (deren Langzeitwirkung nicht bekannt ist) am Ende noch ein gesundes Kind krank gemacht wird, weil der gesunde normale Spieltrieb unterdrückt wird. Jungs sind meist ja eher am Toben als Mädchen, darum sind sie aber nicht gleich krank.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bevölkerung | Arzt | Medikament | Studie | Universität Köln | USA
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