Eingang zu einem Hochsicherheitslabor, in dem mit Viren und anderen Krankheitserregern experimentiert wird © Andreas Rentz/Getty Images

Es ist hochansteckend und im schlimmsten Fall tödlich: Im Herbst 2011 erschufen der niederländische Forscher Ron Fouchier und seine Mitarbeiter im Labor einen Krankheitserreger, der die gefährlichsten Eigenschaften der Vogel- und Schweinegrippe vereinte. "Killervirus" tauften einige Medien das Virus des Typs A/H5N1. Als "potenzielle Biowaffe" oder Supervirus bezeichneten ihn andere. Auch Fouchier schien plötzlich zu fürchten, die Kontrolle über seine eigene Schöpfung zu verlieren: Er und 38 weitere Virologen aus aller Welt beschlossen, ihre Arbeit vorerst ruhen zu lassen – um zu überprüfen, ob ihre Labore sicher genug für die Experimente mit diesem Virus seien.

Jetzt wollen sie ihre freiwillige Pause beenden, schreiben sie in einem Dokument, das in den Fachmagazinen Nature und Science erschienen ist. Nach eingehenden Untersuchungen und Diskussionen seien sie zu dem Schluss gekommen, dass die Sicherheitsstandards in den Einrichtungen der meisten Länder hoch genug seien. Dazu zählen etwa die Niederlande, Japan, Großbritannien, Italien, Russland, China und seine Sonderverwaltungszone Hongkong. Auch Deutschland zählt zu den Staaten mit den höchsten Sicherheitsstandards. "Wir haben festgestellt, dass die Gesetzeslage hierzulande ausreicht, um die Sicherheit der Experimente zu gewährleisten", sagt Mitunterzeichner Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie in Marburg.

Die Laborvariante ist tödlicher als alle Viren im Umlauf

Die in der Natur bekannten Vogelgrippe-Varianten sind für den Menschen bislang kaum ein Risiko. Sie befallen in erster Linie Geflügel und werden nur selten auf Menschen übertragen. Seit 2003 ist das weltweit nur etwa 600 Mal vorgekommen. "Die Viren können zwar in menschliche Zellen eindringen und sich dort vermehren, doch sie sind nur sehr schwer übertragbar", sagt Fouchier. Denn im Gegensatz etwa zu vielen anderen Viren, können H5N1-Erreger nicht über die Atemwege von Mensch zu Mensch wandern. Infiziert sich allerdings doch mal ein Mensch, ist das sehr gefährlich, meist verläuft die Infektion dann tödlich.

Virologen warnen aber immer wieder davor, die Vogelgrippe – und andere Grippeviren – zu unterschätzen. Sie fürchten, das Virus könnte seine Gestalt eines Tages so verändern, dass es doch über Husten oder Niesen übertragen werden kann. Eine Fähigkeit die alle Grippeviren haben. Gegen eine solche Mutante wäre der Mensch nicht gewappnet. So ein Erreger könnte eine tödliche Pandemie auslösen. Und genau hier setzen Fouchier und andere an.

Angst vor dem "Bioterrorismus"

Um auf das Worst-Case-Szenario besser vorbereitet zu sein, beschlossen Fouchier und seine Mitarbeiter sowie ein weiteres Forscherteam um Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison, den Ernstfall selbst zu inszenieren: Sie bauten das Vogelgrippe-Virus so um, dass es so ansteckend wurde wie das Schweinegrippe-Virus, das 2009 eine Pandemie mit rund 18.000 Toten auslöste.

Das Supervirus-Experiment

Im Tierversuch mit Frettchen zeigte sich, dass ihr Experiment gelungen war: Die Forscher hatten ein Supervirus kreiert, das sehr ansteckend war. Die Tiere erkrankten nach wenigen Tagen an Fieberschüben, Husten und Schnupfen. "Unser Virus war zwar nicht tödlich, doch es zeigte, dass sich das H5N1 mit nur wenigen Mutationen in eine leicht übertragbare Variante verwandeln könnte", sagt Fouchier. Für die Forscher war das ein Erfolg. Dank ihrer Ergebnisse könne man sich fortan besser auf Pandemien vorbereiten, argumentierten sie. Beide Forscherteams beschlossen daher, ihre Ergebnisse bei den großen Wissenschaftsmagazinen Science und Nature einzureichen.

Damit lösten sie im Januar 2012 eine heftige Debatte aus – besonders in den USA war die Sorge groß: Darf man solche Ergebnisse überhaupt veröffentlichen? Was passiert, wenn sie in die falschen Hände gelangen? Könnten Terroristen sie als Bauplan für eine neue Art von Biowaffen nutzen? Über diese Fragen diskutierten nicht nur die Forscher selbst und die Herausgeber der Magazine, sondern am Ende auch die amerikanische Politik.

Das US-Gremium für Biosicherheit (NSABB) forderte die Fachzeitschriften auf, die Studien nicht in voller Länge zu veröffentlichen. Science stimmte zu und publizierte im Juni 2012 eine gekürzte Fassung der Fouchier-Studie. Nature hatte Teile der Kawaoka-Arbeit schon im Mai veröffentlicht.

Nur in den USA will man das Risiko bisher nicht eingehen

Die amerikanischen Unterzeichner sind nun auch die einzigen, die noch nicht wieder mit den Viren arbeiten wollen. Sie diskutieren weiterhin, ob die Labore den Gefahren durch den mutierten Grippe-Erreger gewachsen sind. Laut Mitunterzeichner Adolfo Garcia-Sastre von der Mount Sinai School of Medicine in New York muss sich in den USA noch einiges ändern, bevor die Forschung an dem Grippevirus weitergehen kann. "Die Verantwortlichen in den Laboren müssen sich erst darüber einigen, welche Sicherheitsstufe fortan bei H5N1-Studien gelten soll", sagte er Science. "Bislang wurden die meisten dieser Experimente in Stufe-3-Labore durchgeführt – doch Kritiker meinen, man sollte sie in eine begrenzte Zahl der sichereren Stufe-4-Laboren verlagern."

Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), forderte zudem eine klare Einigung in der Frage, welche H5N1-Studien das Risiko tatsächlich wert seien. Andere Kritiker bemängeln laut einem Kommentar in Nature, dass solche Kosten-Nutzen-Analysen bislang fast ausschließlich "qualitativer" Art seien. Es sei jedoch nötig, "quantitative Risikobewertungen" durchzuführen, wie es auch in der Atomkraft-Forschung üblich sei. Nur wenn man Statistiken habe, die das Risiko beziffern, wie wahrscheinlich eine Mutation zum Supervirus ist, könne man abwägen, ob riskante Forschung gerechtfertigt ist.