Um auf das Worst-Case-Szenario besser vorbereitet zu sein, beschlossen Fouchier und seine Mitarbeiter sowie ein weiteres Forscherteam um Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison, den Ernstfall selbst zu inszenieren: Sie bauten das Vogelgrippe-Virus so um, dass es so ansteckend wurde wie das Schweinegrippe-Virus, das 2009 eine Pandemie mit rund 18.000 Toten auslöste.

Das Supervirus-Experiment

Im Tierversuch mit Frettchen zeigte sich, dass ihr Experiment gelungen war: Die Forscher hatten ein Supervirus kreiert, das sehr ansteckend war. Die Tiere erkrankten nach wenigen Tagen an Fieberschüben, Husten und Schnupfen. "Unser Virus war zwar nicht tödlich, doch es zeigte, dass sich das H5N1 mit nur wenigen Mutationen in eine leicht übertragbare Variante verwandeln könnte", sagt Fouchier. Für die Forscher war das ein Erfolg. Dank ihrer Ergebnisse könne man sich fortan besser auf Pandemien vorbereiten, argumentierten sie. Beide Forscherteams beschlossen daher, ihre Ergebnisse bei den großen Wissenschaftsmagazinen Science und Nature einzureichen.

Damit lösten sie im Januar 2012 eine heftige Debatte aus – besonders in den USA war die Sorge groß: Darf man solche Ergebnisse überhaupt veröffentlichen? Was passiert, wenn sie in die falschen Hände gelangen? Könnten Terroristen sie als Bauplan für eine neue Art von Biowaffen nutzen? Über diese Fragen diskutierten nicht nur die Forscher selbst und die Herausgeber der Magazine, sondern am Ende auch die amerikanische Politik.

Das US-Gremium für Biosicherheit (NSABB) forderte die Fachzeitschriften auf, die Studien nicht in voller Länge zu veröffentlichen. Science stimmte zu und publizierte im Juni 2012 eine gekürzte Fassung der Fouchier-Studie. Nature hatte Teile der Kawaoka-Arbeit schon im Mai veröffentlicht.

Nur in den USA will man das Risiko bisher nicht eingehen

Die amerikanischen Unterzeichner sind nun auch die einzigen, die noch nicht wieder mit den Viren arbeiten wollen. Sie diskutieren weiterhin, ob die Labore den Gefahren durch den mutierten Grippe-Erreger gewachsen sind. Laut Mitunterzeichner Adolfo Garcia-Sastre von der Mount Sinai School of Medicine in New York muss sich in den USA noch einiges ändern, bevor die Forschung an dem Grippevirus weitergehen kann. "Die Verantwortlichen in den Laboren müssen sich erst darüber einigen, welche Sicherheitsstufe fortan bei H5N1-Studien gelten soll", sagte er Science. "Bislang wurden die meisten dieser Experimente in Stufe-3-Labore durchgeführt – doch Kritiker meinen, man sollte sie in eine begrenzte Zahl der sichereren Stufe-4-Laboren verlagern."

Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), forderte zudem eine klare Einigung in der Frage, welche H5N1-Studien das Risiko tatsächlich wert seien. Andere Kritiker bemängeln laut einem Kommentar in Nature, dass solche Kosten-Nutzen-Analysen bislang fast ausschließlich "qualitativer" Art seien. Es sei jedoch nötig, "quantitative Risikobewertungen" durchzuführen, wie es auch in der Atomkraft-Forschung üblich sei. Nur wenn man Statistiken habe, die das Risiko beziffern, wie wahrscheinlich eine Mutation zum Supervirus ist, könne man abwägen, ob riskante Forschung gerechtfertigt ist.