Noch bevor er seine erste Praxis überhaupt fertig eingerichtet hatte, war die Korruption schon bei ihm eingezogen. In Pforzheim war das, und er war ein junger Arzt.

Die Korruption zog ein in Form einer Kaffeemaschine, die ein Pharmareferent ihm vorbeibrachte. Mit besten Wünschen für den Start. Nett, habe er das gefunden, erinnert sich der Beschenkte, und sich nichts dabei gedacht.

Auch die Abrechnungssoftware für die Praxiscomputer, die ihm ein Pharmahersteller zur Verfügung stellte, war zunächst vor allem praktisch. Erst mit dem dritten oder vierten Update sei es losgegangen, dass auf dem Bildschirm Werbebotschaften aufploppten, nachdem er seine Patientendiagnosen verschlüsselt eingegeben hatte. Es waren Werbebotschaften, die Medikamente für die soeben notierte Diagnose als hilfreich anpriesen – und zwar von der Pharmafirma, die die Software überlassen hatte. Das empfand er dann schon als störend. Als manipulierend. Oder korrumpierend?

"Ach Korruption, was heißt schon Korruption!", sagt Claudius Böck heute und lehnt sich zurück in seinem ergonomisch hochwertigen Bürostuhl. Was ist Korruption, was noch ein unmoralisches Angebot, was bloße Werbung? Kann man da nach Jahrzehnten fortschreitender Interessenverfilzung im Gesundheitswesen überhaupt noch unterscheiden? Fragt Böck und beantwortet das in Teilen gleich selbst. "Es ist längst Usus, was wir jetzt beklagen", sagt er.

Seit Jahresbeginn wird nach einem Vorstoß der Krankenkassen wieder über Ärztebestechung diskutiert. Der Bundesgesundheitsminister will schärfere Regelungen prüfen, die Bundesjustizministerin ist bereits dafür, schon wird nach Haftstrafen gerufen, vom gestrigen Montag datiert die Nachricht, dass ein Gesetzentwurf vorliege, der es Kassenärztlichen Vereinigungen ermögliche, unzulässiges Verhalten an die Behörden und Ärztekammern zu liefern, der Ärztekammerpräsident fordert ein Ermittlungsrecht für die Ärzte selbst, spricht aber auch von Einzelfällen, und die Pharmaindustrie will einen Transparenzkodex einführen, nach dem ab dem Jahr 2016 veröffentlicht wird, welches Geld an welchen Mediziner fließt und wofür.

Claudius Böck betrifft das nicht mehr, er ist erklärterweise raus aus der damit gemeinten Beeinflussungsindustrie. Böck ist inzwischen 53 Jahre alt, ein bulliger, schnell sprechender Bayer. Aus Pforzheim ist er 2006 weggegangen, war dann drei Jahre als Chefarzt in einer Rehaklinik auf Usedom und hat sich Anfang 2009 mit einer neuen schmerztherapeutischen Privatpraxis in Berlin-Mitte, Friedrichstraße, niedergelassen. In seinem Wartezimmer hält auf einem Tischchen ein Plexiglashalter drei Flyer bereit. Der größte von denen überrascht die hier Sitzenden mit der Nachricht: "Bei uns bekommen Sie keine Rezepte der Pharmaindustrie." Und weiter hinten: "Sie denken sich vielleicht: Das ist doch wohl die selbstverständlichste Sache der Welt! Leider sieht die Realität anders aus."

"Ja was? Ja wie?", würden seine Patienten oft fragen und direkt mit dem Flyer in der Hand ins Behandlungszimmer kommen, sagt Böck.