Gambias Präsident Yahya Jammeh © AFP/Getty Images

Aids-Patienten schmiert der Präsident sogar selbst die grünliche Creme auf die Haut. 2007 trat Gambias Präsident Yahya Jammeh an die Öffentlichkeit und erklärte, er habe ein Heilmittel für die Immunschwächekrankheit gefunden. Mit der Creme und einem Gebräu aus Pflanzen und Bananen könne er Infizierte vom HI-Virus befreien, das weltweit mehr als 30 Millionen Menschen infiziert hat.

Nun will Jameh seine Heilmethoden in dem westafrikanischen Land anwenden: Der Präsident plant eine Spezial-Klinik für Aids-Patienten. Dort sollen Ärzte allerdings nicht die üblichen antiretroviralen Medikamente einsetzen, sondern seine traditionellen Naturheilmittel. Mehr als tausend Betten soll die Klinik haben, 2015 soll sie eröffnet werden.

"Mit diesem Projekt wollen wir alle sechs Monate Zehntausende Aids-Patienten durch Medizin aus der Natur heilen", sagte Präsident Jammeh in seiner Neujahrsansprache, die die gambische Zeitung The Point abdruckte. Nach ein paar Wochen Behandlung mit den Mittelchen seien Patienten vom Aids-Erreger geheilt.

Experten sind entsetzt. Die Aussagen von Jammeh würden falsche Hoffnungen wecken, sagt Oliver Moldenhauer, der bei Ärzte ohne Grenzen die Kampagne für den Zugang zu Medikamenten koordiniert. Die fragwürdigen Naturheilmethoden hielten Patienten von Medikamenten und überlebenswichtigen Therapien fern. Die Pläne des gambischen Präsidenten verstärken eine Problematik, gegen die Hilfsorganisationen in vielen Entwicklungsländern kämpfen: Noch immer gibt es in traditionellen Gesellschaften eine Skepsis und eine ablehnende Haltung gegenüber moderner Medizin.

Familien, Naturheiler und Kirchen nehmen großen Einfluss

Der aktuelle Fall in Gambia ist dafür nur ein Beispiel. In Pakistan wurden vor ein paar Wochen Mitarbeiter einer Polio-Impfaktion ermordet – vermutlich weil Islamisten Gerüchte verbreitet hatten, die Impf-Helfer würden Muslime sterilisieren oder gezielt das HI-Virus verbreiten. In Südafrika meinte der Präsident, Aids mit einer Wasserdusche heilen zu können. Traditionsbewusstsein, Unwissenheit, aber auch Stolz und Vorurteile spielen eine Rolle.

Familien, Naturheiler, aber auch radikale Kirchen hätten in traditionellen Gesellschaften große Einflüsse. "In manchen Regionen ist es schwierig, Menschen von einer Therapie mit modernen, westlichen Medikamenten zu überzeugen", sagt Moldenhauer. Für Ärzte ohne Grenzen arbeiten deshalb Sozialarbeiter in den Dörfern. Sie klären auf und nehmen Ängste.

Noch mehr Überzeugungskraft aber hätten andere Patienten, sagt Oliver Moldenhauer. "Sie gehen freiwillig oder gegen ein geringes Taschengeld zu Nachbarn oder anderen Dorfbewohnern, wenn die beispielsweise ihre Medikamente nicht wie vereinbart abgeholt haben."

Es gehe nicht darum, alle traditionellen Heilmethoden zu verdammen, sagt der Mediziner. "Sie können eine Ergänzung sein." Pflanzliche Mittel helfen mitunter, die Nebenwirkungen der antiretroviralen Therapie wie Fettstoffwechselstörungen oder Appetitlosigkeit zu lindern. Ersetzen könnten sie die modernen Medikamente gegen Aids aber in keinem Fall.

Die Naturheilmethoden gefährden bisherigen Kampf gegen Aids

Den Ansatz von Präsident Jammeh in Gambia – für eine Naturmethode die antiretrovirale Behandlung abzubrechen – halten Ärzte wie Oliver Moldenhauer für lebensgefährlich. "Jeder Aufruf, moderne Medikamente nicht zu nutzen, kostet Menschenleben", sagt er. Aids kann zwar bisher nicht geheilt werden. Mit einer antiretroviralen Therapie aus mehreren verschiedenen Wirkstoffen können die Erreger im Körper aber so weit zurückgedrängt werden, dass HIV-Infizierte ein fast normales Leben führen können. Auch die Ansteckungsgefahr wird mit der Therapie reduziert.

Dafür müssen Patienten allerdings einen strengen Medikamenten-Plan einhalten. "Wird die antiretrovirale Therapie für eine traditionelle Methode ausgesetzt oder abgebrochen, vergrößert das das Ansteckungsrisiko für andere und die Wahrscheinlichkeit, dass Resistenzen gegen die antiretroviralen Mittel entstehen."

Damit würden außerdem bisherige Erfolge wieder zerstört, meint auch die Weltgesundheitsorganisation. In Gambia beispielsweise sind zurzeit 1,3 Prozent der Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert, für Afrika noch ein vergleichsweise niedriger Wert.