NorovirusDuell mit dem perfekten Keim
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Erste Impfstoffkandidaten

Denn die bisher aussichtsreichsten Impfstoffkandidaten basieren auf diesen Partikeln, die man in Form eines Nasensprays verabreicht. In einem klinischen Test unter Samer El-Kamary von der University of Maryland erhielten 18 gesunde Versuchspersonen so ein Spray aus virusähnlichen Partikeln und dem Adjuvans Monophosphoryl-Lipid A, das die Immunreaktion stimuliert. Nach zwei Anwendungen im Abstand von drei Wochen entwickelten 80 Prozent der Probanden tatsächlich eine Immunreaktion gegen das Virus und produzierten spezifische Immunzellen, die Antikörper erzeugten, welche das Virus hindern, an die HBGA zu binden.

Allerdings – eine Immunreaktion macht noch keine Immunität. Da man derzeit mangels eines geeigneten Tiermodells und ohne Zellkultursystem nur sehr unvollständige Informationen über die genaue Immunreaktion gegen Noroviren besitzt, ist jedoch nur schwer einzuschätzen, wie wirksam eine solche Impfung tatsächlich in der Praxis ist. Und unter den schwierigen Umständen der Forschung an Noroviren lässt sich das nur auf eine Weise sicher herausfinden: indem man Probanden zuerst mit dem Impfstoffkandidaten behandelt – und anschließend gezielt mit dem Norovirus infiziert. Erstaunlicherweise gibt es tatsächlich Freiwillige für solche Experimente.

Im Dezember 2011 berichtete ein Team um Robert Atmar vom Baylor College of Medicine dann in der Tat von einem derartigen Versuch mit einem Nasenspray aus virusähnlichen Partikeln, bei dem die Patienten samt einer Placebogruppe anschließend gezielt mit dem Norovirus infiziert wurden. Die Ergebnisse von 2010 bestätigten sich auch in diesem Experiment: Es zeigte sich bei etwa 70 Prozent der Probanden eine Immunreaktion. Und auch im eigentlichen Härtetest waren die Ergebnisse ermutigend: Von den geimpften Individuen erkrankten nach der Infektion nur 37 Prozent, verglichen mit 70 Prozent der Kontrollgruppe.

Dieses Ergebnis beweist, dass eine Impfung gegen das Norovirus möglich ist. Doch bevor ein solcher Impfstoff in der Praxis eingesetzt werden kann, um große Ausbrüche zu verhindern, bleibt noch viel zu tun. Einerseits muss der Impfstoff noch weitaus effektiver werden, um Patienten sicher zu schützen, zum Beispiel indem man ihn injiziert. Zum anderen ist bislang offen, was die große Diversität der verschiedenen Noroviren für eine Impfung bedeutet – wird es reichen, einen Kombinationsimpfstoff gegen die wichtigsten Stämme zu verabreichen, oder muss die Impfung aufgefrischt werden?

Die Parallelen des Virus zum Grippeerreger suggerieren allerdings eine weitere, unbequeme Möglichkeit: dass analog zur Grippe für jede neue Epidemie ein neuer Impfstoff geschaffen und der Schutz für die gefährdeten Bevölkerungsschichten alljährlich erneuert werden muss. Dann bliebe Noro, das perfekte Virus, auch nach der Entwicklung einer Vakzine ein formidabler Gegner.

Erschienen auf spektrum.de

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Leserkommentare
  1. Norovirus-Infektionen mit heftigem Brechdurchfall werden allein durch Fäkalien entweder in Lebensmitteln oder im Trinkwasser ausgelöst, bevor sie sekundär übertragen werden können, besonders augenfällig in Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen oder Kindergärten. In unseren Gewässern, auch im Grundwasser, kommen Viren vor. Wasserwerke können Viren regelmäßig nicht filtern. Kaltes Wasser konserviert ansteckende Viren. Offensichtlich folgen die Norovirus-Infektionen jedes Jahr streng dem Verlauf der Kälte im Wasser und in den Wasserleitungen. Unsere Lebensmittel haben das ganze Jahr über in etwa die gleiche Temperatur. Das Trinkwasser nicht. Es hat sein Temperaturminimum im Februar/März. Also muss das Trinkwasser die Norovirus-Infektionen auslösen! Unsere Wasserwerke müssen so nachgerüstet werden, dass auch Viren abgefiltert werden. Das geht mit der Ultrafiltration für gerade einmal 6 Euro je Person und Jahr.

    Dipl.-Ing. Wilfried Soddemann
    soddemann-aachen@t-online.de

    Bitte beachten Sie, dass das Profil zur Verlinkung auf Ihr privates Blogs vorgesehen ist. Danke, die Redaktion/kvk.

    • Gibbon
    • 18. Januar 2013 12:04 Uhr

    Wie im Artikel beschrieben ist der Norovirus insbesondere für bestimmte Personengruppen gefährlich. Die in Deutschland klassische Magen-Darm-Erkrankung ist für die meisten Betroffenen unangenehm aber sicher nicht lebensbedrohlich. Lediglich Säuglinge und Kleinkinder können durch den Flüssigkeitsverlust ernsthaft gefährdet werden. Dass die Situation in Entwicklungsländern aufgrund des schlechteren allgemeinen Ernährungszustand und der teilweise immer noch unzureichenden medizinischen Versorgung nicht so gut aussieht, ist klar. Fraglich ist jedoch, ob bessere Sanitäranlagen, Ernährungssicherung und Hygienestandard in der Lebensmittelherstellung und im Umgang mit Kranken nicht sinnvoller wären als Impfungen, die dann wohlmöglich auch noch einmal im Jahr durchgeführt werden müssen. Denn auch dafür muss Geld und medizinisches Personal vorhanden sein.

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