OrganvergabePatientenverband sieht Mängel im System

Wieder haben Ärzte bei der Organvergabe getrickst. Patientenschützer schlagen Alarm: Göttingen und Regensburg waren keine Einzelfälle.

Erst Göttingen und Regensburg, nun Leipzig: Wieder wurden Manipulationen bei Organspenden aufgedeckt. Für die Deutsche Stiftung Patientenschutz ist damit endgültig klar: Die Mängel liegen im System der Organvergabe. "Die Unregelmäßigkeiten im Organspendesystem sind keine Einzelfälle", sagte Vorstand Eugen Brysch. Je mehr Transplantationszentren die Prüfungs- und Überwachungskommissionen kontrollierten, desto mehr Manipulationen kämen ans Licht.

Nach dem kürzlich in Göttingen aufgedeckten Organspendeskandal sind nun auch am Transplantationszentrum in Leipzig Unregelmäßigkeiten bekannt geworden. Laut Uniklinik sollen zahlreiche Patienten fälschlich als Dialysepatienten ausgegeben worden sein, um deren Chancen auf eine Spenderleber zu erhöhen. Der verantwortliche Direktor der Klinik sowie zwei Oberärzte wurden von ihren Aufgaben entbunden.

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Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Der neue Fall hat nach aktuellem Ermittlungsstand nichts mit der Göttinger Affäre zu tun. "Konkrete Verbindungen sind derzeit nicht bekannt", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig, Birgit Seel. Möglicherweise sei allerdings in Leipzig nach ähnlichen Prinzipien wie in Göttingen vorgegangen worden.

Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den früheren Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie noch nicht abgeschlossen. Ihm wird vorgeworfen, mit Unterstützung eines weiteren Arztes in 23 Fällen medizinische Daten so manipuliert zu haben, dass seine Patienten bevorzugt Spenderlebern erhielten. Auch an seiner früheren Arbeitsstelle in Regensburg soll der Transplantationsmediziner in ähnliche Machenschaften verwickelt gewesen sein.

Schwerpunktstaatsanwaltschaft gefordert

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht die Ursachen für die Skandale daher vor allem im System. Um alle Vorwürfe lückenlos aufzuklären, müsste eine bundesweit tätige Schwerpunktstaatsanwaltschaft gegründet werden, fordert Verbandsvorstand Brysch.

Darüber hinaus müsse der Gesetzgeber das Transplantationssystem verstaatlichen. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) solle eine unabhängige Kommission einsetzen, "der auch kritische Ärzte, Ethiker und Juristen angehören, die nicht am Transplantationssystem beteiligt sind und damit Geld verdienen", sagte Brysch.

Im Sommer vergangenen Jahres war ein Organspende-Skandal an der Uni-Klinik in Göttingen aufgedeckt worden. Dort sowie auch in Regensburg sollen durch die Manipulation von Krankenakten bestimmte Patienten bei der Organspende bevorzugt worden sein. Seit September prüfen deshalb unabhängige Kommissionen von Kassen, Krankenhäusern und Ärzteschaft die Lebertransplantationsprogramme an den deutschen Transplantationszentren.
 

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Leserkommentare
  1. beim letzten Skandal erklärten die Standesvertreter der Ärzteschaft die Fehlungen noch mit der wohlmeinenden engen Patienbindung. (Kennt denn da keiner das berufsrechtliche Abstinezgebot?) Aktuell werden Statusgründe und Ergeiz zur verhamlosenden Begründung in das Feld geführt. Die ethisch und noch nicht medizinisch umstrittene Organvermarktung verlängert Leben und Lebensqualität, schafft gleichzeitig eine Goldgäberstimmung zur chronischen Abschöpfung von Gesundheitsbudgets. Es sind diese enormen geldwerten Marktchanchen die die Ärztevertretungen veranlassen ihren erheblichen Einfluß geltend zu machen Die rufschädigende Missetaten werden in der Öffentlichkeit und daher vor Gerichten verharmlosen und vertuscht. Eine wirksammer Straftatbestand für Korruption existiert nicht. Die jetzige CDS/CSU/ FDP Bundesregierung weigerts sich beharrlich die internationalen G20 Verträge zur Korroptionsbekämpfung in Gesetzeswerk umzusetzen. Echte nachvollziehbare Transparenz verbunden mit einer schmerzhaften und durchsetzbaren Strafandrohung fürchtet dieser Berufstand der Ärzte genauso wie eine Mehrheit von Parlamentarier vermutlich so sehr wie der Teufel das Weihwasser! Die Minimalforderungen der Patienvertreter vergasen angesichts dieser Temperaturen!

    3 Leserempfehlungen
  2. damit sich andere eine goldene Naße verdienen."
    Diesen Satz oder ähliche hört man mittlerweile immer mehr.

    Warum auch sollte ich meine Organe spenden?

    Ich wäre bereit meine Organe bei meinem Hirntot zu verkaufen, damit meine Kinder und Frau durch meinen Tot finanziell abgesichert sind.

    Spenden werde ich Sie nicht, auch aus dem Grund, dass ich nicht weiß, wer diese bekommt.

    3 Leserempfehlungen
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    • joker69
    • 02. Januar 2013 16:02 Uhr

    denn es wäre nur schwer zu ertragen, wenn der gemeine Unsympath von nebenan durch mich weiterlebt.
    Nein Danke!
    Erst wenn ich wählen kann, wer meine Organe NICHT bekäme, werde ich Spender. Und natürlich, wenn solche Machenschaften, die diesen Artikel nötig machen, empfindlichst bestraft würden.

    Oje, jetzt shitstormen gleich wieder die Moralisten und Gutmenschen.. aber das ist meine Meinung

    FIN

    Geht mir genauso. Wieso soll ich meine Organe im Falle meines Hirntodes einfach verschenken, während sich u.U. die an der Transplantation beteiligten Ärzte vom Empfänger eine fürstliche Spende haben geben lassen, damit der Empfänger auf der Warteliste schneller nach oben wandert?

    Durch eine Organspende werden meine Angehörigen um eine würdige Sterbebegleitung gebracht. Dafür sollen sie meiner Meinung nach entschädigt werden (eben durch den Verkauf meiner Organe).

    Ich kann als Spender auch gar nicht darüber entscheiden, wer meine Organe erhalten soll. Beispielsweise möchte ich nicht, dass für gewisse Delikte Vorbestrafte und ehemalige Trinker meine Organe bekämen.

    Nein, solange ich als Spender weder Einfluss auf den Empfängerkreis habe, noch durch meine Spende meine Angehörigen finanziell absichern kann, werden meine Organe mit mir begraben. Ja, vielleicht ist es egoistisch, aber so bin ich halt.

  3. Waren die Menschen, die in Leipzig von den Fälschungen der Ärzte profitiert haben, mehrheitlich Privat- oder Kassenpatienten?

    Das fände ich wichtig zu wissen, um mir ein abschließendes Urteil zu bilden.

  4. Also von mir bekommt kein reicher oder wohlhabender Schnösel auch nur Irgendwas!

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  5. auf die ich hier gerne noch einmal hinweisen möchte: Die Chance, jemals Organspender zu werden ist viel, viel kleiner als Wahrscheinlichkeit, selber zum Organempfänger zu werden ! Das ist noch immer kaum bekannt, und es wird auch in den Medien völlig zu Unrecht kaum erwähnt. Ich weiss das, weil ich mich mit dieser Materie schon seit langem befasse. Ich gehöre zu denen, die auf der Warteliste auf ein Organ warten. Es ist ein seltsames Gefühl, nur durch den Tod eines anderen normal weiterleben zu können. Aber das Gefühl, andernfalls ganz einfach sterben zu müssen, dieses Gefühl ist noch weitaus gewöhnungsbedürftiger.

    Eine Leserempfehlung
  6. Soll ich nun als Nierentransplantierter meine Medikamente selber zahlen, aber gleichzeitig die ganzen Junkies (Raucher, Säufer etc.) brav finanzieren? Das kann ja wohl kaum ein Argument sein.

    Oder soll ich, da ich Fremdkörper in mir trage, am besten gleich direkt abtreten, wie es einige hier unterschwellig fordern.

    Am Sterbebett nach einer Niere gieren, aber vorher dagegen poltern. Die Doppelmoral ist immer diesselbe. Mir kann keiner erzählen, dass er eine Niere, wenn er sie auf dem Tablett serviert bekommt ablehnen und lieber sterben würde. So päpstlich ist nicht mal Razinger selbst.

  7. Und das Schönste dabei: sollte es sich um Bestechung handeln, ist diese nicht einmal strafbar.

    http://www.n-tv.de/politi...

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    Wie weit geht die Korruption ? Geht sie soweit, daß ein VIP sich die Organe aussuchen kann ? Dass ein möglicher Krankenhausaufenthalt,für mich ein persönliches Risiko darstellt, weil ich zu besagten VIP kompatibel bin ? Da gehen einen immer einschlägige Filme(z.B."Fleisch") durch die Birne, also lasse ich es gleich !
    So sorry !
    GoG

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, zz
  • Schlagworte FDP | Arzt | Daniel Bahr | Gesundheitsminister | Krankenhaus | Organspende
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