Transplantationen : Einzelfälle oder kriminelle Methode?

Schärfere Kontrollen haben neue Manipulationsfälle aufgedeckt. Auch in Leipzig fälschten Ärzte Akten, um Patienten bevorzugt Organe zu beschaffen. Was bisher bekannt ist.

Worum geht es im deutschen Transplantationsskandal?

Ärzte sollen Patientenakten verändert haben mit dem Ziel, für ihre Patienten schneller ein Spenderorgan zu erhalten. Vermeintlich schlechtere Blutwerte und ein kaum noch arbeitendes Organ – weil Mediziner derartige Angaben machten, sollen einige Patienten auf der Warteliste auf ein Organ nach vorne gerückt sein.

Spenderorgane sind in Deutschland Mangelware. Nur wenigen schwerkranken Patienten kann eine Transplantation ermöglicht werden. Wer zu ihnen zählt, entscheidet die Organvermittlungsstelle Eurotransplant anhand medizinischer Daten, die aus den Krankenhäusern kommen. Wie gut arbeitet das kranke Organ noch? Wie sehen die Blutwerte aus? Solche Kriterien entscheiden oft darüber, ob ein Mensch eine zweite Chance auf ein gesundes Leben erhält. Die bisherige Praxis, dass die am schwersten Erkrankten zuerst ein Organ erhalten, ist unter Medizinern umstritten. Denn je schlechter der Gesundheitszustand eines Organempfängers bei der Operation ist, desto geringer sind auch die Chancen, dass die Transplantation ein Erfolg wird.

Was haben Ärzte davon, wenn sie Patientenakten manipulieren?

Ein sehr menschliches und naheliegendes Motiv ist, dass Ärzte ihren todkranken Patienten helfen wollen. Hinter einer solchen Tat muss keine kriminelle Energie stecken, betonte der Leiter der Ständigen Kommission Organtransplantation, Hans Lilie, im Sommer in einem Interview mit ZEIT ONLINE. Transplantationsmediziner sehen teilweise über Monate mit an, wie sich der Zustand ihrer Patienten verschlechtert, weil sie kein Spenderorgan bekommen. Ärzte tun deshalb viel dafür, dass ihre Patienten das vielleicht rettende Organ erhalten. Hinzu kommt der berufliche Ehrgeiz. Auch Ärzte wollen erfolgreich sein, heilen, eine Lösung finden. Und je länger ein Patient warten muss und je schlechter sein allgemeiner Gesundheitszustand ist, desto geringer ist die Chance, dass eine Transplantation erfolgreich verläuft. Einen Patienten zu verlieren, weil man ihm kein Organ besorgen konnte, ist nicht nur für den Betroffenen tragisch und für die Angehörigen ein schwerer Schlag. Es ist auch ein Misserfolg für den verantwortlichen Arzt.

Im Fall mehrerer Manipulationen im vergangenen Sommer in Göttingen gab es noch einen anderen Anreiz: Der Arbeitsvertrag des Verdächtigen sah einen Zuschlag von etwa 2.000 Euro für jede Lebertransplantation vor – ein beträchtlicher Zusatzverdienst bei durchschnittlich 40 Transplantationen pro Jahr. Darüber hinaus verdient auch eine Klinik an Transplantationen. Im Fallpauschalen-Katalog sind je nach Beatmungsdauer Summen zwischen 11.000 und 34.000 Euro ausgewiesen. Dazu kommt die Vergütung für den Klinikaufenthalt, der meist über einen Monat dauert. Klinikärzte beklagen seit den neunziger Jahren einen Paradigmenwechsel im deutschen Gesundheitswesen hin zum reinen Ökonomieprinzip. 

Welche Kliniken stehen bisher im Verdacht?

Der erste große Verdacht fiel am 20. Juli 2012 auf das Uniklinikum Göttingen, kurz danach auch auf das in Regensburg, wo derselbe Arzt zuvor tätig gewesen war. Die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaften dauern an. Ende September geriet auch das Münchner Klinikum rechts der Isar unter Verdacht. Nun meldete auch das Transplantationszentrum Leipzig nach einer internen Prüfung, dass bei 37 der 182 Organempfänger, die in den Jahren 2010 und 2011 dort operiert wurden, Akten manipuliert gewesen seien. Leipziger Ärzte deklarierten Patienten als dialysepflichtig, obwohl diese gar keiner Blutwäsche unterzogen wurden. So seien sie auf der Warteliste nach oben gerückt.

Kann man noch von Einzelfällen sprechen?

Noch im Sommer war der Chefprüfer im Transplantationswesen, Hans Lilie, von einem Einzelfall in Göttingen und Regensburg ausgegangen. "Wir halten den Fall nicht für einen Fehler im System, weil es zuvor nie Anhaltspunkte für solche Manipulationen bei den Meldungen an Eurotransplant gegeben hatte. Andere Zentren scheinen nicht betroffen zu sein", sagte er ZEIT ONLINE. Mit den neuen Erkenntnissen aus Leipzig zeigt sich, dass dies eine Fehleinschätzung war. Es sind nicht nur einzelne schwarze Schafe. An mehreren Transplantationszentren in Deutschland wurden offenbar Patientenakten manipuliert.

Welche Folgen hat der Skandal?

Es gibt die Befürchtung, dass die Spendenbereitschaft für Organe weiter zurückgeht. Rund 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Nach den vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende gab es zwischen Januar und September 2012 aber nur 829 Organspenden. Das sind rund 70 weniger als im Vorjahr. Seit Anfang November 2012 gilt in Deutschland ein geändertes Transplantationsgesetz. Jeder Bürger wird nun von der Krankenkasse gezielt gefragt, ob er als potenzieller Organspender bereit steht oder nicht. Die Krankenkassen haben begonnen, die Versicherten dazu anzuschreiben.

Als direkte Folge der Manipulationsfälle in Göttingen und Regensburg sind Transplantationszentren seit August 2012 verpflichtet, Prüfern Patientenunterlagen auszuhändigen und ihnen Auskunft über die einzelnen Organempfänger zu geben. Verstöße müssen den Ländern gemeldet werden. Patientenverbänden geht das nicht weit genug. Einige fordern, die Organvergabe komplett zu verstaatlichen.

Haben die verschärften Kontrollen bislang etwas bewirkt?

Schärfere Kontrollen innerhalb der Zentren und auch von außen haben dazu geführt, dass nun mehr Fälle bekannt sind. Seit September werden hierzulande gezielt Lebertransplantationszentren geprüft. Die Prüfer in Leipzig stellten für das vergangene Jahr nur noch eine einzige Manipulation von Organempfänger-Akten fest. In den Jahren 2010 und 2011 waren es zusammen knapp 40. Dies könnte ein erster Hinweis darauf sein, dass es die Kontrollen Ärzten erschweren, Patientenakten gezielt zu manipulieren.

In keinem der bisher bekannt gewordenen Fälle ist bisher ein Arzt angeklagt oder einer Straftat überführt worden. In allen Fällen laufen die Ermittlungen noch.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Fehldiagnosen

Schauen sie doch einmal im Netz unter "Hirntod-Fehldiagnosen" nach (Videos).Oder den Bericht "Tabu Hirntod-
Zweifel an der Qualität der Diagnostik", der in der ARD ausgestrahlt wurde.
Das Problem ist: Fehldiagnosen werden weder offiziell erfasst, noch müssen sie publiziert werden- warum eigentlich nicht? Wie will man dann aus Fehlern lernen?
Fälle wie der von Zack Dunlap, Carina Melchior, Wioletta Plisiska, Vittorio
Mazzuchelli, Madelaine Gouron, Jan Kerkhoffs und viele andere mehr sprechen ein deutliche Sprache. Bei allen hieß es, die Patienten wären hirntot, es sei nichts mehr zu machen. Man wolle die Organe.
Die Angehörigen lehnten ab, alle für "tot Erklärten" leben.