MassentierhaltungZu viele Antibiotika auf Chinas Schweinefarmen

Chinesen essen immer mehr Fleisch. Um den Bedarf zu befriedigen, füttern Bauern Schweine mit Antibiotika als Wachstumsmittel. Die Folge sind resistente Keime. von 

Antibiotika Schweine China Schweinemast

Auf einer Farm im chinesischen Linxi in der Provinz Zhejiang werden Ferkel gesäugt.  |  © STR/AFP/Getty Images

In China gibt es kein Gesetz, das es verbietet, Antibiotika ins Rinder-, Hühner- oder Schweinefutter zu mischen. Nun werden die Folgen des unkontrollierten Einsatzes der Medikamente sichtbar: Resistente Keime verbreiten sich. Lösen sie Infektionen aus, hilft kein Antibiotikum mehr. Zunächst einmal trifft das die chinesischen Landwirte, die dann gegen Tierseuchen machtlos sind. Doch auch für Menschen kann es vermutlich gefährlich werden.

Ackerböden und Chinas Grundwasser sind in besorgniserregendem Ausmaß mit resistenten Keimen belastet, berichten Forscher im Fachmagazin PNAS. Auf drei großen Schweinefarmen nahmen sie Gülle- und Kompostproben.

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149 verschiedene Resistenzgene (siehe Kasten) gegen alle herkömmlichen Antibiotika fanden sie darin. Sie sind es, die den Erregern die Fähigkeit verleihen, den Angriff eines Medikaments abzuwehren.

Was sind Resistenzen?

Bakterien vermehren sich ständig und vervielfältigen dabei auch ihr Erbgut – ihre DNA. Dabei kommt es zu natürlichen Mutationen, also Veränderungen der Erbinformation, und das hat Folgen für die Fähigkeiten des Bakteriums. Eine davon ist die Fähigkeit, die Wirkung eines bestimmtenAntibiotikums abzuschwächen oder ganz auszuschalten. Kann ein Bakterium das, ist es gegen das Mittel resistent. Das Medikament wirkt nicht mehr, und ein infizierter Mensch oder ein infiziertes Tier kann an der Bakterien-Infektion schwer erkranken oder sogar sterben.

Resistenzen entstehen vor allem dort, wo viele Antibiotika im Umlauf sind: in Kliniken oder in Massentierhaltungen. Denn unter dem ständigen Einfluss der Antibiotika überleben und vermehren sich genau die Bakterien-Stämme, die zunächst zufällig durch Mutation eine Resistenz entwickelt hatten. Sie sind zudem in der Lage, die Resistenz durch Gentransfer an andere Bakterien-Stämme zur übertragen.

Was sind Resistenzgene?

Resistenzgene sind die Träger von Erbinformation, die dafür sorgen, dass ein Bakterium ein Antibiotikum abwehren kann. Gene steuern die Produktion von Eiweißen, die Grundbausteine von Lebewesen. Resistente Bakterien produzieren Eiweiße, die als Enzyme genau die Bausteine des Antibiotikums angreifen, die den Krankheitserreger eigentlich bekämpfen sollen.

Ein Beispiel für so ein Enzym sind die "Extended Spectrum β-Lactamasen", kurz ESBL. Bakterien, die ein Resistenzgen besitzen, das ESBL bilden kann, sind entsprechend geschützt vor Angriffen durch Penicilline, Cephalosporine und andere Antibiotika.

Als im Jahr 2011 Frühgeborene in einer Klinik Bremen an resistenten Bakterien starben, war die Ursache ein ESBL-Resistenzgen. Neben ESBL gibt es viele weitere Resistenzgene gegen alle möglichen gängigen Antibiotika.

Gefährliche Keime

Wenn gleich mehrere Antibiotika nicht mehr gegen einen Krankheitserreger wirken, bezeichnet man den Erreger als multiresistent.

Solche multiresistenten Keime kommen vor allem in Krankenhäusern verstärkt vor – dort wo viele Menschen Bakterien einschleppen und wo viele Antibiotika im Umlauf sind. Zuweilen spricht man daher auch von Krankenhauskeimen. Der bekannteste unter ihnen ist das Methicillin-resistente Staphylokokkus-aureus-Bakterium, kurz MRSA.

Häufig sind Antibiotika-Resistenzen auch in der Massentierhaltung – dort, wo Antibiotika im großen Stil gegen Tierseuchen eingesetzt werden. Das Beimischen von antibakteriellen Mitteln ins Viehfutter, um das Wachstum der Tiere anzuregen, ist in Deutschland seit 2006 verboten. Doch noch immer verordnen Tierärzte zu häufig Antibiotika zur Vorbeugung von Tierseuchen und fördern dadurch die  Ausbildung neuer Resistenzen.

Ob die Resistenzen, die beim Menschen immer häufiger auftreten, aus der Tierhaltung stammen, ist nicht erwiesen. Erste Untersuchungen deuten aber darauf hin. Zum Teil fanden sich dieselben Resistenzgene in Krankenhauskeimen, die auch in Ställen isoliert wurden. Und biologisch sind Bakterien unterschiedlicher Arten fähig, Resistenzen auszutauschen.

Für die Studie arbeitete das Team um Yong-Guan Zhu vom Institut für Urbane Umwelt der Chinesischen Akademie der Wissenschaften mit James Tiedjes Arbeitsgruppe vom Zentrum für Mikrobielle Ökologie der Universität Michigan zusammen. Die amerikanischen Forscher extrahierten aus den Proben Fragmente von Bakterien-DNA, um deren Struktur aufschlüsseln zu können.

Dass Forscher aus China derart brisante Forschungsergebnisse aus dem eigenen Land veröffentlichen konnten, ist ungewöhnlich. Wissenschaftler werden in China – ebenso wie Journalisten – staatlich kontrolliert und können sich zum Teil nicht frei kritisch äußern. Umweltprobleme oder Lebensmittelskandale werden der Öffentlichkeit daher selten bekannt.

In den Proben aus dem Schweinestall-Abfall steckten nicht nur Resistenzgene gegen alle gängigen Antibiotika, sondern auch besonders viele. Die Konzentration lag für die 63 am weitesten verbreiteten Resitenzgene im Schnitt 192-mal höher als in Kontrollproben etwa aus Waldboden, in Extremfällen sogar 28.000-mal höher.

Die Resistenzen haben Schleuser

Zudem fanden die Forscher jede Menge Proteine, die den Resistenzgenen helfen, vom Erbgut eines Bakteriums auf ein anderes umzuspringen. Diese Transposasen genannten Eiweiß-Moleküle "erhöhen die Gefahr, dass Resistenzgene von harmlosen Bakterienarten auf Krankheitserreger transferiert werden", sagt Johnson. Das sei auch für Menschen eine nicht zu unterschätzende Bedrohung. Landen nämlich Bakterien mit der Gülle auf dem Acker, ist schnell auch das Gemüse verkeimt. Wird es dann roh verzehrt, nimmt der Mensch die Resistenzgene auf. Krank wird er davon zwar noch nicht – aber es ist denkbar, dass die Bakterien ihre Resistenz auf diesem Wege an Erreger weitergeben, die Menschen schwer krank machen.

Ob die chinesische Bevölkerung diese Resistenzgene bereits aufgenommen hat, haben die Forscher nicht direkt untersucht. Laut Stefan Schwarz vom Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit ist noch nicht erwiesen, ob die Gefahr überhaupt besteht. "Zunächst ist fraglich, wie lange die Bakterien sich in der Umwelt halten", sagt er. Zudem müssten sie im menschlichen Körper die Magen-Darm-Schranke überwinden, "dort ist das Milieu aber so sauer, dass viele Bakterienstämme nicht überleben".

Chinesen essen immer mehr Fleisch

Dennoch ist auch Schwarz der Meinung, China müsse den Antibiotika-Einsatz kontrollieren. Dass diese Medikamente als Wachstumsmittel aber  – wie in Deutschland – ganz verboten werden, ist unwahrscheinlich. Denn schon jetzt können Bauern den rasant steigenden Fleischbedarf der stetig wachsenden Bevölkerung kaum befriedigen.

Laut einem Bericht des Magazins Spiegel verkauften Firmen aus der EU 2011 rund 393.000 Tonnen Schweinefleisch an China. Das sind etwa 85 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Das United States Department of Agriculture veröffentlichte Zahlen, denen zufolge China im Jahr 2012 rund 52 Millionen Tonnen Schweinefleisch konsumierte, rund 44 Millionen Tonnen mehr als die USA.

Eine Gefahr für Europa?

Trotzdem wird Fleisch aus China auch nach Europa importiert. Dass diese Lieferungen mit Resistenzgenen kontaminiert sein könnten, hält Schwarz für unwahrscheinlich. "Das wäre nur möglich, wenn das Tier sehr krank war oder sein Fleisch bei der Schlachtung verunreinigt wurde", sagt er.

Schlimmer sei, dass Europa sein eigenes Antibiotika-Problem noch nicht gelöst habe. "Die Medikamente werden hier ja immer noch eingesetzt – nur eben nicht als Leistungsförderer", sagt er. Er sei überzeugt, auch in europäischen Gülleproben Resistenzgene zu finden. "Nur womöglich nicht so viele."

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Leserkommentare
  1. 1. Zahlen

    " ... rund 44 Tonnen mehr als ... "

    Bei Millionen Tonnen sind einzelne Tonnen nicht der Rede wert. Oder fehlen da ein paar Nullen ?

    Im Zusammenhang ergibt das wenig Sinn.

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    Redaktion

    Lieber User,

    vielen Dank für den Hinweis. Es ging natürlich um 44 Millionen Tonnen, ich habe das korrigiert.

    Beste Grüße,
    Lydia Klöckner

  2. Ich möchte nur an diesen Film erinnern:

    http://www.facebook.com/photo.php?v=420901831314393

    Wer denkt, dass solche Verhältnisse doch nur in Fernost existieren würden, der irrt.
    Zu Zeiten des überverhältnismäßigen Fleischverzehrs und dem Konsum von abgepacktem 89 Cent-Billigfleisch aus dem Hard-Discounter braucht es doch niemanden mehr zu wundern, wenn Verunreinigungen dieser Art auch hier auftreten würden.

    Das werden die Ignoranten aber wohl so schnell nicht lernen (wollen).

    Die Bio-Bewegung ist nicht ohne Grund entstanden...

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    • 29C3
    • 16. Februar 2013 12:45 Uhr

    Also warum "Zu viele Antibiotika auf <strong>Chinas</strong> Schweinefarmen?
    <a>
    @ Autorin: gehen Sie hierzulande derselben Frage nach, und Sie werden einiges erleben, womöglich gar recht schnell auch Drohungen mit Anwendung körperlicher Gewalt bekommen.

    Eine Leserempfehlung
    • klom
    • 16. Februar 2013 13:00 Uhr

    Bla bla bla China.

    In Deutschland ist es nicht besser, hier werden Antibiotika massiv bei der Tierzucht eingesetzt. Deutschland ist Europameister beim Einsatz von Antibiotika in der Tiermast.
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deutschland-ist-spitzenreiter-b...

  3. sieh das Schlechte liegt so nah. Wer glaubt, dass das nur in China passiert, irrt sich gewaltig. Jeder, der hier eine Portion Fleisch ißt, nimmt auch eine gehörige Portion Antibiotika zu sich. Guten Appetit.

  4. ... sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Tod.
    Wir können nur froh sein, dass die Keime ( nicht wie wir Menschen manchmal ) einen Präventivschlag gegen die Verursacher ihrer Probleme ausführen ...

  5. Redaktion

    Lieber User,

    vielen Dank für den Hinweis. Es ging natürlich um 44 Millionen Tonnen, ich habe das korrigiert.

    Beste Grüße,
    Lydia Klöckner

    Antwort auf "Zahlen"
    • Ellala
    • 18. Februar 2013 9:28 Uhr

    Immer wieder werden schockierende Skandale bekannt.
    Der Fleischatlas 2013 zeigt eindeutig den Zusammenhang zwischen der steigenden Antibiotikaresistenz bei Mensch und Tier und der Vergabe von Antibiotika in der "Nutztierhaltung" auf. 2011 sollen laut Angaben der Pharmakonzerne 1.734 Tonnen Antibiotika an Tierärzte in der EU geliefert worden sein. 99 % davon gehen in die Agrarindustrie. Insbesondere bei Hühnern, Puten und Schweinen, werden in rund 80 % der Betriebe Antibiotika vergeben. Auch ist die Rede von über 80 Einzelgaben pro Tier und Mastdurchgang bei Puten. Das alles findet sich später in der Putenbrust auf unserem Teller wieder.
    Wie so oft interessiert das Leid der Tiere die Politiker und den Großteil der Konsumenten nur wenig, doch hier geht es auch um die eigene Gesundheit. Das Bundesinstitut für Risikobewertung teilte mit, dass eine Erkrankung durch antibiotikaresistente Keime schlechter behandelbar sei und durchaus zum Tod führen kann. Jährlich sind in Europa rund 25.000 Menschen betroffen!
    Anstatt einzugreifen werden von der Bundeslandwirtschaftsministerin immer weitere Megamastanlagen zugelassen, die wiederum mehr Antibiotika in den Kreislauf einbringen werden. Menschen und Tiere stehen wie so oft hinter den Interessen der Wirtschaft. PETA und viele Tierschutzorganisationen sprechen sich daher für eine pflanzliche Ernährung aus, die bei weitem gesünder und tierfreundlicher ist. Auch ich habe mich für die vegane Ernährung entschieden!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Europäische Union | Antibiotikum | Fleisch | Lebensmittelskandal | Medikament
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