Lebensmittelkontrolle"Es könnte sein, dass es keine Schlachtpferde waren"

In Tiefkühl-Lasagne deutscher Hersteller wurde Pferdefleisch nachgewiesen. Der Biologe Ralf Reiting sagt im Interview, warum das für Verbraucher gefährlich sein kann. von 

ZEIT ONLINE: Herr Reiting, in der vergangenen Woche wurde in Fertiggerichten in Großbritannien Pferdefleisch gefunden. Jetzt wurde es auch in deutscher Lasagne entdeckt. Sie untersuchen jetzt, ob weitere deutsche Produkte Hack aus Pferdefleisch enthalten. Gibt es schon neue Ergebnisse?

Ralf Reiting: Nein, unsere Untersuchungen hier in Hessen laufen noch; erste Ergebnisse aus unseren Proben erwarten wir Anfang der kommenden Woche. Im Moment führen wir DNA-Tests durch, mit denen wir das im Fleisch enthaltene Erbgut analysieren. Wenn die Tests durch sind, können wir anhand der nachgewiesenen DNA-Sequenzen beurteilen, ob es sich um reines Rindfleisch oder um Pferdefleisch handelt.

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ZEIT ONLINE: Wie kommt Pferdehack in Rindfleisch-Lasagne?

Reiting: Was in diesem Fall konkret schiefgelaufen ist, ist mir nicht bekannt. Das kann man nur durch Analysen der Lieferketten feststellen. Ganz offensichtlich hatte einer der Hersteller betrogen. Er hat dem Rindfleisch kostengünstigeres Pferdefleisch beigemischt, um vermutlich günstiger produzieren zu können. Das ist zunächst nicht aufgefallen, denn in Hackfleisch kann man den Unterschied nicht sehen und kaum schmecken.

Ralf Reiting
Ralf Reiting

Ralf Reiting ist Leiter des molekularbiologischen Labors am Hessischen Landeslabor. Derzeit überprüft er, ob deutsche Fleischprodukte Pferdefleisch enthalten.

ZEIT ONLINE: Ist Pferdefleisch nicht normalerweise teurer als Rindfleisch?

Reiting: In Deutschland schon. Die Nachfrage ist hierzulande gering, weil viele Deutsche ethische Bedenken haben, Pferdefleisch zu essen. Es kann sein, dass es andernorts Händler gibt, die Pferdefleisch billig verkaufen.

ZEIT ONLINE: Vermutlich, weil es alt oder minderwertig ist, oder?

Reiting: Nicht zwangsläufig. Es ist gut möglich, dass das Fleisch genauso hochwertig ist wie das Rindfleisch.

ZEIT ONLINE: Der Gesundheit schadet das Fleisch aber nicht?

Reiting: Wenn es sich um einwandfreies Pferdefleisch handelt, nicht. Das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, woher die Pferde kamen und ob es wirklich Schlachtpferde waren. In Deutschland bekommen alle Pferde einen Pass, in dem steht, ob sie geschlachtet und für die Fleischproduktion verwendet werden dürfen. Wenn sie als Schlachtpferde eingetragen sind, behandeln Tierärzte sie unter Umständen mit anderen Medikamenten. Denn das Fleisch darf nicht mit Arzneien belastet werden, die dem Menschen eventuell schaden. Von diesen Pferden wissen wir aber nichts. Ob es Schlachttiere waren, darüber kann man nur spekulieren.

ZEIT ONLINE: Wenn sich das Fleisch als einwandfrei herausstellt, wo wäre dann das Problem?

Reiting: Der Verbraucher wurde getäuscht. Er hat ein Produkt mit Rindfleisch gekauft, also sollte auch ausschließlich Rindfleisch enthalten sein. Ist Pferdefleisch ohne Kennzeichnung enthalten, ist das Betrug.

ZEIT ONLINE: Kommt es in Deutschland häufiger vor, dass Fleischprodukte nicht nur die Fleischsorte enthalten, die auf der Verpackung steht?

Reiting: Häufig wäre übertrieben, aber die Landeslabore haben immer wieder mit solchen Fällen zu tun. Meist bei verarbeitetem Fleisch, wie zum Beispiel in Brühwürsten; da kann man kaum erkennen, was sie genau enthalten. Wir stellen gelegentlich fest, dass deklarierte Rindfleischprodukte auch Schwein oder Huhn enthalten. Auch bei Schafsmilchprodukten kommt es vor, dass sie in Wahrheit ganz oder anteilig aus Kuhmilch bestehen. Wie oft das der Fall ist, ist mir nicht bekannt.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn Produkte, bei denen man sicher sein kann?

Reiting: Viele Produkte im Lebensmittelhandel sind unbedenklich und ordnungsgemäß hergestellt. Leider kann nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass es zu Fehlverhalten und zu Betrügereien Einzelner kommen kann. Meist ist es am besten, regionale Produkte zu kaufen, die nicht Tausende Kilometer durch Europa transportiert wurden und endlose Lieferketten hinter sich haben. Ich empfehle etwa Produkte des örtlichen Bauern, bei dem man die Kühe noch auf der Wiese grasen sieht.

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Leserkommentare
  1. Vor der aktuellen Wirtschaftskrise hatten sich viele Iren, auch aufgrund der damaligen Wirtschaftsentwicklung ("Tigerstaat"), ein Hobby-Pferd zugelegt, für dessen Unterhalt hinterher einfach das Geld fehlte.
    Da gab es also plötzlich jedem Menge Pferdefleisch, das eigentlich als Sondermüll behandelt werden musste, da die Tierchen halt auch mit allerlei Medikamente vollgestopft wurden. Auf der anderen Seite sind die Mägen der Verbraucher immer noch die kostengünstigste Entsorgung. Macht man auf dem Pferdefleisch einfach Rindfleisch, gibt es dafür ja sogar noch Geld.

    Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Gäule auf irgendeinem Wege auf den Tellern landeten.

    7 Leserempfehlungen
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    Ich denke, es handelt sich eher um rumänische Zug- und Bauernpferde. Ob diese nun gesünder oder ungesünder (phenylbutazone)als Rinder aus der Massunghaltung sind, kann man sicher streiten.

  2. "Ich empfehle etwa Produkte des örtlichen Bauern, bei dem man die Kühe noch auf der Wiese grasen sieht."

    Sorry, aber diese Empfehlung geht an der Lebenswirklichkeit der Konsumenten und Bauern vorbei!!!!

    10 Leserempfehlungen
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    Wer halbwegs vernünftig ist bezieht so sein Fleisch, die anderen können ja billigen Müll und Abfall essen.

    Wer will, hat einen Bauern in der Umgebung mit Hofladen, ansonsten eine Schlachterei, bei der er erfahren kann, woher das Fleisch stammt. - Wer allerdings weiterhin schnell und billig abgepacktes Fertigessen in sich hineinstopft, dem ist nicht zu helfen: Er erhöht den Gewinn der Gewissenlosen und tut sich selbst den gemeinsten Tort an. Er weiß ja noch nicht einmal, wie schön Kochen sein kann und daß dies den eigenen Körper anregt, Verdauungssäfte zu produzieren und sich aufs Essen zu freuen. -

    • Gerry10
    • 14. Februar 2013 19:12 Uhr

    "Er hat ein Produkt mit Rindfleisch gekauft, also sollte auch ausschließlich Rindfleisch enthalten sein und kein Pferdefleisch"
    Gefrorene Burger enthalten zwischen 80% und 60% Fleisch - und viel davon reines Fett.
    Wäre ich ein Konsument, würde ich mich eher fragen was denn die anderen 20% - 40% sind...

    8 Leserempfehlungen
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    • zfat99
    • 14. Februar 2013 19:36 Uhr

    ... Schlachtabfall. Guten Appetit!

    Sind es Hamburger dann enthalten sie auch zu 100 Prozent Rinderhack. Ich denke Sie meinen Frikadellen???
    Diese enthalten natürlich noch Ei, Panade u.s.w.

    • 4p9xD
    • 14. Februar 2013 19:12 Uhr

    Nun schlagen die Verbraucher entsetzt die Hände vor den Mund wie hysterische Cheerleader in amerikanischen Filmen: Pferd? In meinem Essen könnte Pferd sein?

    Ja, warum denn nicht! Schweine und Kühe essen sie doch auch. Tatsächlich verlangen sie ja, dass in diesem Essen, das derzeit aus den Regalen genommen wird, doch bitte lieber Kuh oder Schwein sein möge. Oder Huhn. Aber bitte kein Wellensittich!

    Aber es macht den Konsumenten ja anscheinend nichts aus, dass Hühnern beim Einfangen oft Flügel und Beine gebrochen werden. Dass bei 500.000 Schweinen in Deutschland jedes Jahr die Betäubung versagt, so dass die Tiere im kochend heißen Brühbad bei vollem Bewusstsein um ihr Leben kämpfen und ertrinken. Nein, das lässt sich mit dem Gewissen vereinbaren. Und plötzlich ist einem unwohl, weil es doch nicht ertränktes Schwein, sondern Pferd war? Liebe Verbraucher, jetzt werdet nicht plötzlich zimperlich.

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    • 4p9xD
    • 14. Februar 2013 19:14 Uhr
    • rooosen
    • 14. Februar 2013 19:41 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

    Es geht um Betrug, denn die Konsumenten wurden getäuscht.

    Es wurde schon ein verbotenes Medikament in diesem Fleisch nachgewiesen.

    Und genau darum geht es: Fleisch das nicht für den Verzehr zugelassen ist, wird auf Umwegen eingeschleust und senkt die Herstellkosten.

    Dann wird es falsch deklariert in den Handel gebracht

    Ein klarer Betrug - zu Lasten der Gesundheit der Käufer.

    • 4p9xD
    • 14. Februar 2013 19:14 Uhr
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  3. Insekten, Würmer...
    Aber so weit muß man gar nicht gehen - hierzulande haben manche Menschen auch etwas gegen Hase, Ziege, Lamm oder Hammel...

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    Antwort auf "Rindfleisch ist ok ..."
  4. schlachten und essen einfach Pferde oder Hunde. Hierzulande ist man zivilisiert, man isst Schweine und Kühe. Darin zeigt sich unsere zivilisatorische Überlegenheit! Weil Pferde sind voll klug und werden sogar Fernsehstars.

    4 Leserempfehlungen
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    Dabei vergessen Sie völlig das Schweinchen Babe. ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Betrug | Erbgut | Gesundheit | Großbritannien | Medikament | Test
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