ZEIT ONLINE: Sie haben erforscht, wie Prostatakrebs bei jungen Männern entsteht. Erkranken nicht vor allem Ältere an dieser Art von Tumor?

Jan Korbel: Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt in der Tat bei 65. Für diese Altersgruppe ist es aber nicht so gefährlich. Der Tumor wächst fast immer langsam und meist sterben die Patienten schon eines natürlichen Todes, bevor die Krebserkrankung bedrohlich wird. Eine Faustregel besagt, dass fünf von sechs Patienten mit dem Tumor sterben – nicht durch ihn.

ZEIT ONLINE: Und wie steht es um Jüngere mit dieser Diagnose?

Korbel: Die Gruppe der Erkrankten unter 50 Jahre ist sehr viel kleiner. Bei ihnen hat der Tumor aber die Chance, gefährliche Ausmaße anzunehmen, bevor sie ihr natürliches Lebensende erreicht haben. Prostatakrebs ist also vor allem für Jüngere eine Bedrohung. Deshalb wollten wir herausfinden, wie genau der Krebs bei dieser Altersgruppe entsteht.

ZEIT ONLINE: Sind die Ursachen unter Jüngeren denn andere?

Korbel: Ja, wir haben, wie jetzt in unserer Studie veröffentlicht, herausgefunden, dass bei jüngeren Männern ein fehlgeleiteter Ableseprozess der DNA den Krebs auslösen kann. Normalerweise binden das Sexualhormon Testosteron und ein Bindungsprotein aneinander, um das Erbgut zu greifen – so kann die Erbinformation zur Herstellung von Proteinen genutzt werden. Doch bei einigen Männern zerbrechen dabei DNA-Abschnitte. Das ist, als würde man Seiten eines Buches vertauschen, die Informationen ergeben plötzlich einen anderen Sinn. Dasselbe passiert mit dem Erbgut, das die Zellen steuert. Sie beginnen dann, unkontrolliert zu wuchern. Bei älteren Männern entsteht Prostatakrebs zwar auch durch Veränderungen in der Erbsubstanz. Die molekularen Ursachen sind aber anders.

ZEIT ONLINE: Ab welchem Alter sollten Männer zur Früherkennungsuntersuchung gehen?

Korbel: Nach Abschluss der Pubertät, also mit etwa 18 bis 20 Jahren, steigt der Testosteronspiegel. Theoretisch kann die Krankheit ab diesem Alter schon entstehen. Aber solange keine familiäre Vorbelastung bekannt ist, würde ich nicht unbedingt dazu raten, sich untersuchen zu lassen. Wer erste Symptome bemerkt, wie etwa Probleme oder Schmerzen beim Wasserlassen, sollte natürlich einen Arzt aufsuchen.

ZEIT ONLINE: Die gängige Methode zur Früherkennung ist der umstrittene PSA-Test, der häufig Fehldiagnosen liefert und hierzulande nicht von den Kassen gezahlt wird. Was raten Sie verunsicherten Patienten?

Korbel: Ich rate dazu, den Test regelmäßig zu machen. Durch ihn können Tumore gefunden werden, die mitunter so langsam wachsen, dass der Patient sie niemals bemerkt hätte. Aber komplett verlässlich ist er nicht. Er kann auch zu einem "falschen Verdacht" auf Krebs führen.

ZEIT ONLINE: Wie sind die Heilungschancen bei Prostatakrebs?

Korbel: Das kommt darauf an, in welchem Stadium und wie bösartig der Tumor ist. Wenn er klein und lokal begrenzt ist, kann man ihn meist operativ entfernen und das Restgewebe mit einer Strahlentherapie beseitigen. Problematischer sind Tumore, die schon zu streuen begonnen haben. Sie können im schlimmsten Fall tödlich enden.