LuftverschmutzungFür Ostravas Kinder ist Atmen lebensgefährlich

Stadt-Smog schädigt Kinder schon im Mutterleib. Christian Rühmkorf hat in Tschechien Menschen getroffen, die für etwas kämpfen, was woanders umsonst ist: frische Luft. von Christian Rühmkorf

Fabriken in Ostrava in der Tschechischen Republik (Archiv)

Fabriken in Ostrava in der Tschechischen Republik (Archiv)  |  CC BY-SA 2.5 Cmelak770/Wikimedia

Das Klassenzimmer brummt wie ein Dieselgenerator. Es ist laut. Dafür sind die Kinder still. Sie können auch gar nicht anders, denn aus einer Tülle strömt unentwegt Dampf in ihre Münder. Lauwarme, salzig schmeckende Luft. Sie inhalieren. Routiniert und der Prozedur ergeben, sitzen die Drittklässler da, zu viert um einen Tisch, jeder vor seinem Inhalator. Wie in einem Sanatorium. Die Grundschule mit Kindergarten liegt tief im Osten der Tschechischen Republik, in Ostrava.

Ostrava, zu Deutsch Ostrau, der schwarze Stern von Mährisch-Schlesien, ist eine Industriemetropole. Ihre Luft ist eine der schmutzigsten in Europa. Hier wird Kohle nicht nur gefördert, sondern auch gleich in Stahlwerken verheizt. Zur Winterzeit verwandelt die Inversionswetterlage Ostrava in eine hermetische Kaltluftblase. Für Tage, mitunter sogar Wochen, atmen 300.000 Lungen nichts anderes als den Dreck ihrer Stadt. Unzählige Industrieschlote füttern unablässig nach – wie ein Schlauch, der Abgase in die Fahrgastzelle eines Autos leitet. Die Feinstaubwerte klettern dann in manchen Stadtteilen zeitweise auf bis zu 800 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Erlaubt sind 50 Mikrogramm. Ostrava ist nicht Peking oder Delhi, aber an manchen Tagen ganz nah dran.

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Nach den Sommerferien sucht Dana Koutová, die Leiterin des Kindergartens in der Bílovecká-Straße, Kinder aus, die unter Asthma und anderen Atemwegserkrankungen leiden. Sie müssen das ganze Jahr über inhalieren. Und wenn die Stadt im Winter vom Smog erdrückt wird, kommen alle Kinder an die Reihe. Jeden Tag 15 Minuten. Jeden zweiten Tag sprühen sie sich zusätzlich Mineralwasser in die Nase, um die Schleimhäute feucht zu halten. Ausflüge und Spaziergänge sind gestrichen, die Fenster geschlossen.

"Wir haben eine Art Immunität gegen den Smog aufgebaut", meint Koutová. Es sei zwar eigenartig, aber eine Grippewelle könne gerade den asthmatischen Kindern wenig anhaben. Irgendetwas trügen sie in sich, was sie schütze. "Aber über längere Zeit gesehen wird das mit uns kein gutes Ende nehmen", sagt Dana Koutová und lächelt müde. Ob sie Angst habe? Ja.

Draußen spielen? Undenkbar.

Jan Kozina fährt mit den Fingern über sein Smartphone und zeigt auf eine Skala. Ein Zeiger pendelt zwischen Grün und Rot und bleibt schließlich auf Gelb-Orange stehen. "Über dem Limit", stellt er trocken fest. Das Handy greift auf Daten des Hydrometeorologischen Instituts zu und zeigt die aktuelle Feinstaubbelastung in dem Stadtteil, in dem man sich gerade aufhält. Wird das Limit überschritten, trudelt automatisch eine Warn-Mail ein. "Smog-Alarm" heißt die kostenlose App, die Personalmanager Kozina für seine gemeinnützige Organisation "Čisté nebe" (Sauberer Himmel) entwickeln ließ.

Für Jan Kozina ist die Industrie einer der größten Verschmutzer, sicher. Aber was außerdem die einzelnen Haushalte in die Luft jagen, das sei jenseits von Gut und Böse – Abfälle, Joghurtbecher, Plastikflaschen. Eine lokale Spezialität: die Ostrauer Rakete. Sägespäne in eine Plastikflasche füllen, mit Heizöl aufgießen und in den Ofen werfen. Ein Exemplar genügt, um ein kleines Tal zu verrußen. "Leuten, die mit so etwas heizen, ist man hier einfach ausgeliefert."

Sich zu engagieren, beschloss Jan Kozina, als vor einigen Jahren ein Team der Akademie der Wissenschaften unter Leitung des Epidemiologen Radim Šrám die Folgen des Smogs für den Organismus untersucht hatte und die Stadtvertreter von Ostrava nichts Besseres zu tun hatten, als mit Anwälten gegen die Veröffentlichung vorzugehen. Die Ergebnisse seien irreführend und rufschädigend, hieß es. Die Wissenschaftler hatten unter anderem festgestellt: Die extreme Schadstoffeinwirkung beschädigt das Erbgut der Menschen in Ostrava.

Um Schäden in der DNA auszugleichen, sind bestimmte Gene besonders aktiv. Ein solches reparatives Gen fand man auch unter den Menschen, die Ostravas Smog ausgesetzt waren. "Ostragen" nannte es der Ostrauer Liedermacher Jára Nohavica scherzhaft. Obwohl der Körper eine gewisse Zeit lang gegen Erbschäden ankämpfen kann, wird der Organismus auf Dauer geschwächt.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bemühen Sie sich um einen sachlichen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

  2. "Die Industrie, die Stadt, Umwelt- und Gesundheitsministerium zeigten kaum Interesse an einer Lösung. Das habe spätestens der Umgang mit der Šrám-Studie gezeigt."

    Warum auch? Ist bei uns in Deutschland nicht anders (gewesen).

    Viele Bürger hatten irgendwann die Nase voll von verpesteter Luft und Flüssen, die stinkende Kloaken waren.

    Es gründeten sich Bürgerinitiativen und sogar eine Partei. Die Grünen.

    Erst belächelt, dann diffamiert und schließlich respektiert. So war das.

    Wenn die Menschen in Ostrava es anders haben wollen, müssen sie es ändern. Niemand sonst wird es tun.

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    • liborum
    • 17. Februar 2013 21:06 Uhr

    Bedauerlicherweise haben Sie recht.

    • HH1960
    • 17. Februar 2013 18:37 Uhr

    Denn frische Luft gibt es nicht umsonst! Diese muss permanent gegen die Interessen der Industrie und deren Verbände erkämpft und ja, auch teuer erkauft werden.

    Liesse man der Industrie freien Lauf, würde es aus Kostengründen bei uns genauso aussehen. Wehrt man sich dagegen, wird man als Fortschrittsverweigerer, Ökoterrorist oder bestenfalls als Gutmensch bezeichnet. Aber zum Glück gibt es mittlerweile bei uns genügend Wutbürger, die sich mit den hohlen Phrasen der Industrie und deren Handlangern in der Politik nicht mehr abfinden.

    Und das ist gut so!

    Den Tschechen ist zu wünschen, dass sie den Mut finden auf breiter Front gegen diese unhaltbaren Zustände anzugehen.

    27 Leserempfehlungen
  3. Es muss ja wohl "Atmen" heißen: " d a s Atmen". Danke.

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    Redaktion

    Lieber Leser.

    In diesem Fall geht beides - denn es könnte, "das Atmen" als Substantiv gemeint sein, aber auch atmen als Verb. Wir fanden es groß geschrieben aber nun doch schöner und haben es daher geändert.

    Beste Grüße.

  4. In Deutschland drückt Brüssel grüne Feinstaubplaketten durch.

    In Ostrava und ich bin sicher in Athen und Neapel gleichermassen kümmert sich die EU- Bürokratendiktatur um nichts.

    Dafür habe ich jetzt für 15 EURO giftige Energiesparlampen im Wohnzimmer.
    Ich vermute, die billigen Glühbirnen für 80 Cent bekomme ich in Ostrava auch noch.

    Hier in D wird jeder Blödsinn mit Hinweis auf Brüssel sofort verschärft in die Tat umgesetzt.
    Die wirklich wichtigen Probleme ínteressiert Brüssel in Wahrheit überhaupt nicht.

    Es sind offensichtlich die deutschen Behörden, die (nur zu gerne mit Hinweis auf Brüssel) die Bevölkerung mit teuren Vorschriften bevormunden.

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    • BadLuck
    • 17. Februar 2013 19:22 Uhr

    Naja, wir müssen halt mit (guten) Beispiel vorrangehen, sonst wird das nichts mit der totalen Herrschaft über Europa.

    Und ja, es sollte eigentlich zynisch gemeint sein, aber die Realität und der zynische Sinn in dem ganzen, unterscheiden sich nicht wirklich stark voneinander

    Was, außer EU-Bashing zu betreiben, wollen Sie jetzt eigentlich? Soll sich die EU um Luftverschmutzung kümmern oder nicht (was Brüssel übrigens macht)?

    • s1
    • 17. Februar 2013 18:49 Uhr

    Ich denke der Liedermacher, den Sie meinen, heißt Jaromír Nohavica. Er ist in Ostrava geboren und hat das Lied "Ostrava Černá" geschrieben. Ich weiß allerdings nicht, ob Jara nicht vielleicht die Kurzform von Jaromir ist.
    https://de.wikipedia.org/...

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    Freier Autor

    Ja, richtig,es ist der Liedermacher Jaromír Nohavica. Die Kurzform - Tschechen haben so etwas für jeden Namen - ist Jára.

    • lib-dem
    • 17. Februar 2013 18:52 Uhr

    Danke für den Artikel.

    Das sind ja Verhältnisse wie vor 20 Jahren.
    Ich hatte gehofft, dass der Umweltschutz in den Staaten in Osteuropa eine ähnlich positive Entwickulng mitmachen würde, wie in der ehemaligen DDR, nur langsamer.
    Scheint so als hätte ich mich getäuscht ...

    Und bezüglich des Kommentars von HH1960:
    Das Gegenteil ist wahr. Je besser es der Industrie geht, je hochwertiger die Produkte sind, die in einem Land hergestellt werden, desto besser die Umwelt.

    Dass es in Deutschland heute besser ist, liegt daran, dass wir uns a)die hohen Standards leisten können und das b) eine Menge unserer energieintensiven Industrien das Land lange verlassen haben. Vor dem Ende der Stahlproduktion, sah das im Ruhrgebiet nicht viel anders aus. Und nun ist Thyssen-Krupp am Boden und Mittal produziert (natürlich unter Einsatz von Kohle, den Solarhock=hofen wird es so schnell nicht geben) in anderen Ländern, mit weniger Standards, weniger Energiekosten und günstigeren Arbeistkräften.

    Für einige Länder und Regionen ist das im Kern eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

    5 Leserempfehlungen
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    wir was falsch gemacht! Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wenn man in Velbert über den Berg fuhr, wurde es unweigerlich dunkel. Ob Sommer oder Winter, man hatte das Tal der Ruhr vor sich. Hier ging zu diesem Zeitpunkt die Sonne nie richtig auf! Das war gespenstig. Wollen wir das Thyssen, Krupp, Hösch und Konsorten dies wieder einführen? Doch wohl nicht! Heute sind die Konzerne weitergezogen in Regionen, wo sie weiter ihr dreckiges Geschäft machen können! Nur irgendwann ist auch dort Schluß, ganz einfach weil die Menschen daran sterben werden, wenn sie sich nicht vorher wehren. Wann werden es die Eliten begreifen, daß wir nur diese "eine" Welt haben? Machen wir weiter so, werden wir mit "Sicherheit" untergehen!!!!!

    Ostrava hat eben keinen Sugardaddy, der Ihnen die Arbeitslosenquote und den die Konversion zu einem saubereren Wirtschaften bezahlen würde.

    • gooder
    • 17. Februar 2013 19:10 Uhr

    In Brüssel kümmert man sich um allerlei Unsinn, wohl aber nicht um wichtige Dinge, die einheitliche EU-Standards in Sachen Umweltschutz regelt und im Bedarfsfall auch durchsetzt. Von 2007 bis 2013 hat Tschechien 26,7 Milliarden Euro EU-Mittel bekommen und gehört somit zu den größten Empfängern.Allerdings soll Tschechien auch seit Jahren systematisch bei EU-Subventionen betrogen haben, Korruption und unzureichende Kontrollen durch die EU-Kommission haben dies wohl möglich gemacht.
    Geld für für den Schutz von Menschen scheint nicht übrig zu sein, mittlerweile hat jedes dritte tschechische Kind zwischen 10 und 15 Jahren eine Allergie und das sind mehr als im "realsozialistischen" Zeitalter.

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    Sofern die Angabe mit der Allergiezunahme bei tschechischen Kindern zutrifft, spräche das für saubere Umwelt: Allergien wie Asthma bronchiale und Neurodermitis treten besonders bei Allergenarmut im Kleinkindalter auf; gerade Kinder die mit allem Möglichen zusammenkommen, entwickeln weniger Allergien. So gab es in der DDR weit weniger echte Asthmatiker als etwa in Reinluftgebieten der BRD. Quelle: u.a. Umweltforschungszentrum der GSF, München

    Ich lebe zu 80 % in der Tschechischen Republik.
    Das jede dritte Kind eine Allergie hat kann ich weder bestätigen noch wiederlegen.
    Aber ich muss ich leider dazu sagen das in Deutschland jeder dritte Mensch eine Allergie hat.
    Der Artikel über die Tschechische Stadt Ostrava ist doch sehr aus der luft gegriffen.
    Leider wie so oft.

    Inzwischen scheint ja jeder Artikel zum EU-Bashing benutzt zu werden.
    Die EU (Kommission, Parlament, Rat und damit die Nationalstaaten) kümmert sich übrigens um einheitliche EU-Standards. Leider hat die EU (Kommission) selber keine Kontrollmöglichkeit - das ist die alleinige Kompetenz der Mitgliedsstaaten. Korruption ist in der EU-Kommission weniger verbreitet als in der deutschen Regierung. In Sachen Transparenz könnte sich Deutschland mal was von Brüssel abgucken.
    Dass die tschechische Republik systematisch bei EU-Subventionen betrogen hat, kaufe ich Ihnen nicht ab. Mit den EU-Mitteln hat die tschechische Republik unter anderem viel im Umweltschutz verbessert. Ich habe einige Jahre dort gearbeitet und verglichen mit der Vorwendezeit haben die Tschechen schon sehr, sehr viel erreicht.
    Wie Sie bei sorgfältigerem Lesen hätten feststellen können, sagt der Artikel lediglich, dass jedes dritte Kind in der Praxis der Kinderärztin Asthmatiker ist. Wie Sie darauf kommen, dass jedes dritte tschechische Kind eine Allergie hat, erschließt sich mir nicht.

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  • Schlagworte Asthma | Smog | Tschechische Republik | Tschechische Republik | Delhi | Peking
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