Das Klassenzimmer brummt wie ein Dieselgenerator. Es ist laut. Dafür sind die Kinder still. Sie können auch gar nicht anders, denn aus einer Tülle strömt unentwegt Dampf in ihre Münder. Lauwarme, salzig schmeckende Luft. Sie inhalieren. Routiniert und der Prozedur ergeben, sitzen die Drittklässler da, zu viert um einen Tisch, jeder vor seinem Inhalator. Wie in einem Sanatorium. Die Grundschule mit Kindergarten liegt tief im Osten der Tschechischen Republik, in Ostrava.

Ostrava, zu Deutsch Ostrau, der schwarze Stern von Mährisch-Schlesien, ist eine Industriemetropole. Ihre Luft ist eine der schmutzigsten in Europa. Hier wird Kohle nicht nur gefördert, sondern auch gleich in Stahlwerken verheizt. Zur Winterzeit verwandelt die Inversionswetterlage Ostrava in eine hermetische Kaltluftblase. Für Tage, mitunter sogar Wochen, atmen 300.000 Lungen nichts anderes als den Dreck ihrer Stadt. Unzählige Industrieschlote füttern unablässig nach – wie ein Schlauch, der Abgase in die Fahrgastzelle eines Autos leitet. Die Feinstaubwerte klettern dann in manchen Stadtteilen zeitweise auf bis zu 800 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Erlaubt sind 50 Mikrogramm. Ostrava ist nicht Peking oder Delhi, aber an manchen Tagen ganz nah dran.

Nach den Sommerferien sucht Dana Koutová, die Leiterin des Kindergartens in der Bílovecká-Straße, Kinder aus, die unter Asthma und anderen Atemwegserkrankungen leiden. Sie müssen das ganze Jahr über inhalieren. Und wenn die Stadt im Winter vom Smog erdrückt wird, kommen alle Kinder an die Reihe. Jeden Tag 15 Minuten. Jeden zweiten Tag sprühen sie sich zusätzlich Mineralwasser in die Nase, um die Schleimhäute feucht zu halten. Ausflüge und Spaziergänge sind gestrichen, die Fenster geschlossen.

"Wir haben eine Art Immunität gegen den Smog aufgebaut", meint Koutová. Es sei zwar eigenartig, aber eine Grippewelle könne gerade den asthmatischen Kindern wenig anhaben. Irgendetwas trügen sie in sich, was sie schütze. "Aber über längere Zeit gesehen wird das mit uns kein gutes Ende nehmen", sagt Dana Koutová und lächelt müde. Ob sie Angst habe? Ja.

Draußen spielen? Undenkbar.

Jan Kozina fährt mit den Fingern über sein Smartphone und zeigt auf eine Skala. Ein Zeiger pendelt zwischen Grün und Rot und bleibt schließlich auf Gelb-Orange stehen. "Über dem Limit", stellt er trocken fest. Das Handy greift auf Daten des Hydrometeorologischen Instituts zu und zeigt die aktuelle Feinstaubbelastung in dem Stadtteil, in dem man sich gerade aufhält. Wird das Limit überschritten, trudelt automatisch eine Warn-Mail ein. "Smog-Alarm" heißt die kostenlose App, die Personalmanager Kozina für seine gemeinnützige Organisation "Čisté nebe" (Sauberer Himmel) entwickeln ließ.

Für Jan Kozina ist die Industrie einer der größten Verschmutzer, sicher. Aber was außerdem die einzelnen Haushalte in die Luft jagen, das sei jenseits von Gut und Böse – Abfälle, Joghurtbecher, Plastikflaschen. Eine lokale Spezialität: die Ostrauer Rakete. Sägespäne in eine Plastikflasche füllen, mit Heizöl aufgießen und in den Ofen werfen. Ein Exemplar genügt, um ein kleines Tal zu verrußen. "Leuten, die mit so etwas heizen, ist man hier einfach ausgeliefert."

Sich zu engagieren, beschloss Jan Kozina, als vor einigen Jahren ein Team der Akademie der Wissenschaften unter Leitung des Epidemiologen Radim Šrám die Folgen des Smogs für den Organismus untersucht hatte und die Stadtvertreter von Ostrava nichts Besseres zu tun hatten, als mit Anwälten gegen die Veröffentlichung vorzugehen. Die Ergebnisse seien irreführend und rufschädigend, hieß es. Die Wissenschaftler hatten unter anderem festgestellt: Die extreme Schadstoffeinwirkung beschädigt das Erbgut der Menschen in Ostrava.

Um Schäden in der DNA auszugleichen, sind bestimmte Gene besonders aktiv. Ein solches reparatives Gen fand man auch unter den Menschen, die Ostravas Smog ausgesetzt waren. "Ostragen" nannte es der Ostrauer Liedermacher Jára Nohavica scherzhaft. Obwohl der Körper eine gewisse Zeit lang gegen Erbschäden ankämpfen kann, wird der Organismus auf Dauer geschwächt.