Gefälschte MedikamenteSchwindel in der Pillendose

Gefälschte Medikamente können Krankheiten verschlimmern und sogar zum Tod führen. Dennoch boomt der Handel – besonders in den Entwicklungsländern. von Katrin Weigmann

Medikamentenfälschung ist ein jahrtausendealtes Geschäft. "Sie begleitet uns wahrscheinlich schon, seit Menschen anfingen, pflanzliche Arzneimittel zu nutzen", sagt Paul Newton, Tropenmediziner am Mahosot-Krankenhaus in Vientiane, Laos, und an der Oxford University. "Arzneimittelfälschung wurde schon bei den alten Griechen diskutiert, und in der viktorianischen Zeit in England war sie ein großes Gesundheitsproblem." Dann aber ist das Thema in Vergessenheit geraten, und es scheint fast so, als würde es erst jetzt wieder an die Öffentlichkeit drängen.

"Unsere Vorfahren würden sich sicherlich wundern, warum wir so langsam in die Gänge kommen", meint Newton. Denn das Problem ist keine Kleinigkeit: Das globale Gesundheitssystem krankt massiv an gefälschten und minderwertigen Medikamenten. Etwa ein Zehntel der Medikamente weltweit sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefälscht – in einigen Regionen in Entwicklungsländern sind es sogar fast ein Drittel und mehr.

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Über 100 Herzpatienten starben beispielsweise Ende Januar 2012 in Pakistan an toxischen Substanzen in einem kontaminierten Medikament. In den 1990er Jahren starben in Bangladesch, Haiti, Indien und anderswo hunderte Menschen, meist Kinder, an gefälschtem Paracetamolsirup. Medikamente gegen Aids, Malaria, Hautkrankheiten, Krebs, Diabetes und andere Krankheiten wurden gefälscht, aber auch diagnostische Tests und insektizidbehandelte Moskitonetze. In Industrienationen treten gefälschte Medikamente zwar weit weniger häufig auf, doch eine potenzielle Quelle sind zwielichtige Internetapotheken.

Minderwertig oder falsch?

Die WHO unterscheidet zwischen "substandard" (qualitativ minderwertigen) und "counterfeit" (gefälschten) Medikamenten. Qualitativ minderwertige Medikamente können bei Produktionsfehlern oder bei schlechter Lagerung entstehen – dem kann Versehen oder mangelnde Sorgfalt zu Grunde liegen. Die Fälschung von Medikamenten aber ist ein krimineller Akt, denn hier liegt eindeutig Absicht vor. "Es ist wichtig, zwischen minderwertigen und gefälschten Medikamenten zu differenzieren, denn sie unterscheiden sich in ihrer Herkunft und hinsichtlich entsprechender Lösungsansätze", sagt Newton. Um der Fälschung von Medikamenten beizukommen, sind polizeiliche Ermittlungen notwendig, damit man die beteiligten Kriminellen an die Justiz übergeben kann. Dem Problem minderwertiger Medikamente begegnet man mit Verbesserungen der Produktionsprozesse und einer besseren Qualitätskontrolle.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Gefälschten Medikamenten fehlt es oft am richtigen Wirkstoff. Sie können dagegen Substanzen enthalten, die die Symptome zwar lindern, die Krankheit aber nicht heilen – so fühlt sich der Patient erst einmal besser, und der Betrug fliegt nicht so schnell auf. Manchmal finden sich in gefälschten Medikamenten aber auch Stoffe, die zu Nebenwirkungen führen oder toxisch sind. Dann nützt das Medikament nicht nur nichts, sondern es schadet auch.

Minderwertige Medikamente – also Medikamente, die fehlerhaft produziert oder einfach falsch gelagert wurden – können allerdings noch eine andere Gefahr mit sich bringen: "Während gefälschte Medikamente meist gar keine Wirkstoffe haben, enthalten qualitativ minderwertige Medikamente Wirkstoffe oft in subtherapeutischen Mengen. Bei Infektionskrankheiten kann das zu Resistenzen führen", sagt Newton. Resistenzen gegen den Malariawirkstoff Artemisinin sind in Kambodscha, Thailand, Myanmar und Vietnam aufgetreten. Artemisinin gehört zu den effektivsten Wirkstoffen bei der Behandlung von Malaria – eine weitere Selektion von resistenten Erregern würde artemisininbasierte Medikamente in den entsprechenden Regionen wirkungslos machen.

Leserkommentare
  1. ... nämlich solche, bei denen zwar der Markenname des Herstellers gefälscht ist, der Wirkstoff aber immerhin der richtige ist. Das ist quasi eine Medikamenten-Raubkopie: Dem Patienten wird trotzdem geholfen (soweit der Arzt natürlich das richtige Medikament verordnet hat), der Hersteller kann aber seine (teils exorbitant hohen) Patent-Tantieme nicht kassieren.

    Und dann gibt es die Total-Fälschungen, wo auch der Wirkstoff nicht stimmt. Nur letztere sind für die Patienten gefährlich. In Berichten über Medikamenten-Fälschungen werden aber beide Arten oft genug in einen Topf geworfen.

    Jag

    Eine Leserempfehlung

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