Wegen als Rindfleisch deklariertem Pferdefleisch in mehreren europäischen Ländern will die EU-Kommission DNA-Tests für verarbeitetes Rindfleisch einführen. Die ersten 2.500 Gentests könnten im März stattfinden, etwa 200 davon in Deutschland, teilte EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg nach einem Krisentreffen von acht beteiligten Staaten mit. Die Mitgliedsländer sollen am Freitag über seinen Vorschlag entscheiden, Ergebnisse sollen Borg zufolge Mitte April veröffentlicht werden.

In Deutschland ist nach Nordrhein-Westfalen möglicherweise auch in Baden-Württemberg Lasagne mit Pferdefleisch in den Handel gelangt. Lieferungen von französischen Firmen, die in den Skandal um das falsch deklarierte Fleisch verwickelt sind, seien über Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg gelangt, teilte das Landesverbraucherministerium mit. "Die verdächtige Ware wurde aus dem Verkehr gezogen", sagte eine Ministeriumssprecherin. Es handele sich um Tiefkühl-Lasagne der Firma Eismann. Derzeit liefen Untersuchungen, um abzuklären, ob die Lasagne tatsächlich Pferdefleisch enthalte. Die Ergebnisse dieser Tests sollen "bis spätestens Anfang der kommenden Woche" vorliegen.

Bislang stehen in Deutschland sechs Unternehmen auf der Kontrollliste der Behörden. Aus der Auswertung der Lieferlisten ergebe sich, dass zwischen November 2012 und Januar 2013 über einen Zwischenhändler verdächtige Produkte in größerem Umfang nach Deutschland gekommen seien, hatte Verbraucherminister Johannes Remmel (Grüne) aus Nordrhein-Westfalen mitgeteilt. Eine Gesundheitsgefährdung schloss der Minister nicht aus. Bisher fehlten jedoch umfassende Analysen.

Kritik an "Billig-Billig-Ideologie"

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) begrüßte den Vorschlag aus Brüssel zu den europaweiten Kontrollen. Sie reagierte empört auf die falsche Deklarierung. "Man könnte fast sagen: Es ist eine echte Sauerei", sagte sie im ARD-Morgenmagazin. Sie sprach ebenso wie Remmel von gewaltiger Verbrauchertäuschung. "Das ist kriminell", sagte Remmel in der Sendung. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast machte die Billig-Produktion von Fleisch für den Skandal verantwortlich. "Beim Pferdefleisch zeigt sich, dass die Billig-Billig-Ideologie wirklich Probleme bereitet."

In den vergangenen Wochen waren in mehreren Ländern der EU Fertiggerichte entdeckt worden, in denen statt des angegebenen Rindfleischs auch oder ausschließlich Pferdefleisch verarbeitet worden war. In Europa werden nach Angaben der EU-Kommission wissentlich jährlich 110.000 Tonnen Pferd verspeist, 70.000 Tonnen davon aus heimischer Zucht.

Verbot von billigem Rindfleisch verantwortlich?

Nach Angaben der britischen Zeitung The Times könnte eine Ursache des Skandals das Verbot von billigem Rind- und Lammhackfleisch aus britischer Produktion sein. Im vergangenen Jahr hatte die britische Lebensmittelaufsicht FSA auf Anraten der EU-Kommission die Verarbeitung von maschinell verarbeitetem Hackfleisch ohne Sehnen plötzlich untersagt. Diese Art von Hack wird aus Kostengründen in industriell hergestellter Fertigkost, Hamburger-Frikadellen und Kebabs benutzt.

Da die Hersteller die Preise niedrig halten wollten, sei ihr Ausweichen auf billige Fleischimporte aus dem Ausland geradezu programmiert gewesen, schrieb das Blatt. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Jim Paice hatte nach Angaben der Zeitung schon im vergangenen Sommer einen Parlamentsausschuss vor möglichen Billigfleisch-Importen gewarnt.