Samenspenden : Moderne Familien vertragen die Wahrheit

Wer Samen spendet, bleibt nicht mehr unbekannt. Nun ist endlich Zeit für offene Gespräche – und eine klare gesetzliche Regelung, kommentiert Sven Stockrahm.

Von wem habe ich meine Augen? Die Nase, das Grübchen am Kinn? Wer schenkte mir die Leidenschaft für die Musik? Solche Fragen stellen sich Menschen, die wissen, dass ihre Eltern sie mit einer Samenspende ins Leben holten. Die Mutter vererbte ihnen die Hälfte ihrer Gene, nicht aber das andere ihnen bekannte Elternteil. Wer also ist der Mann, dessen Samen die Kinder zeugte? Das wissen zu dürfen, ist ein Grundrecht. Das hat das gestrige Urteil des Oberlandesgerichts Hamm im Fall Sarah P. zuletzt bestätigt.

In der Realität ist das aber bisher überhaupt nicht selbstverständlich. Die meisten Spenderkinder wissen nicht, wer ihr biologischer Vater ist. Noch dazu müssen Menschen, die durch donogene Insemination (DI) entstanden sind, ihre Neugier stets rechtfertigen: Warum musst du wissen, von wem du abstammst? Gene sind doch nicht so wichtig! Willst du etwa Unterhalt? Oder suchst du nach einer neuen Familie?

Dabei zählt für die meisten Betroffenen allein die Gewissheit. Unterhalt und Erbansprüche interessieren sie in der Regel nicht, denn sie kommen aus rechtlich klaren Familienverhältnissen. Der Verein Spenderkinder, in dem sich DI-Kinder zusammengeschlossen haben, fordert sogar Regelungen, die Samenspender vor solchen Forderungen schützen. Umgekehrt ist klar, dass Samenspender keine Vaterrolle übernehmen. Das schließen sie vor der Spende explizit aus. Ein Recht, anonym zu bleiben, leitet sich daraus aber nicht ab.

Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die meisten Spenderkinder suchen ohnehin keine neue Familie. Denn egal, ob sie mit Vater und Mutter groß geworden sind, mit zwei Müttern oder mit einer alleinerziehenden Frau, sie sind immer Wunschkinder. Und Kinder lieben die Menschen, die sie umsorgen und prägen, ganz gleich, welche Gene sie haben.

Auch Samenspender brauchen Rechtssicherheit

Deshalb sollten Eltern von DI-Kindern den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Sie sollten von der Samenspende erzählen und ihren Kindern die Chance geben, ihre Erzeuger kennenzulernen, wenn sie es denn wollen. Noch sind im Verein Spenderkinder nur rund 50 Menschen organisiert. Aber schon jetzt leben hierzulande mehr als 100.000 DI-Kinder, jedes Jahr kommen rund 1.000 dazu.  

Diese Offenheit sollte auch deshalb möglich sein, weil die Gesellschaft ohnehin neue Formen von Familie in ihre Mitte holt. Die Zahl derjenigen, die mit Eltern aufwachsen, die nicht oder nur zum Teil ihre genetischen Erzeuger sind, nimmt zu. Schon heute wachsen Kinder ganz selbstverständlich in Patchworkfamilien hinein, werden adoptiert oder haben Regenbogeneltern.

Was aber für die DI fehlt, ist ein Gesetz, das die Rechte und Pflichten von Eltern, Samenspendern und Spenderkindern klar festlegt. Heute gibt es nur punktuelle rechtliche Regelungen.

So wird etwa im Gewebegesetz festgelegt, dass Informationen über Samenspenden 30 Jahre lang aufbewahrt werden müssen. Ein Auskunftsrecht der Kinder ist damit nicht verbunden. Das leitet sich wiederum indirekt aus einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ab. Die Richter befanden 1989, dass Kinder das Recht haben zu wissen, von wem sie abstammen.

Sinnvoll wäre zum Beispiel ein bundesweites Register, in dem alle Informationen zu Samenspenden aufbewahrt werden. Hier sollten sich Samenspender wie Spenderkinder jederzeit informieren können. Gleichzeitig müssten darüber hinausgehende Ansprüche – etwa auf Unterhalt – eindeutig ausgeschlossen werden.

Die ersten Generationen der Spenderkinder sind seit 40 Jahren Teil unserer Gesellschaft. Es sollte langsam möglich sein, unverkrampft über Abstammung zu reden, Schweigen führt nicht weiter. Moderne Familien vertragen die Wahrheit. Eine Samenspende zerstört Familien nicht, sie schafft neue.

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Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

"Neue zusätzliche Familien"

Damit ist doch nicht gemeint, dass die Kinder nun mit den Samenspendern in familienähnliche Beziehungen treten, sondern damit ist gemeint, dass eine Samenspende auch Kinder in nicht-heterosexuellen Familien ermöglicht.
Es ist ganz erstaunlich, wie hartnäckig sich die Vorbehalte gegen das Urteil hier schon in der dritten Kommentarspalte zum dritten Artikel auf ZEIT Online zu diesem Thema halten. Jedes Mal wieder wird geschrieben, ein Sturm von Unterhaltsklagen gehe nun quasi los, während das Recht des Kindes auf Kenntnis der Abstammung herunter geschrieben wird auf "Kleinkind"-Niveau (so bei Schusswaffe, toller Name übrigens), und es herrscht große Einigkeit, dass dieses Recht auf Kenntnis der Abstammung dummes Zeug ist. Natürlich ist es in der momentan noch nicht rechtssicher geregelten Lage theoretisch denkbar, dass ein Kind den Weg der Unterhaltsklage mal zu gehen versucht, nach dem Motto: was kümmern mich die Abmachungen meiner Eltern. Aber würde dieses Kind vor Gericht Recht bekommen? im übrigen wird dies, wie der Artikel auch darlegt, im wesentlichen nur relevant in Fällen von Spenden an Alleinerziehende, weil hier nicht beide rechtlichen Elternstellen besetzt sind. Aber solche Spenden an Alleinstehende gibt es meines Wissens genau deswegen auch gar nicht, hier bin ich mir nicht sicher, ob der Artikel in diesem Punkt nicht falsch liegt. Die Ärztekammer legt auf jeden Fall nahe, Alleinstehende nicht zu behandeln, und auch Samenbanken sichern sich ab.

Anonymität vor 20 Jahren schon nicht de jure

Die Zusicherung der Anonymität vor 20 Jahren war ja auch schon unzulässig angesichts des Urteils von '89 auf das Recht auf Kenntnis der Abstammung. die Anonymität hätte gar nicht zugesichert werden dürfen, darauf fußt ja wohl auch das neue Urteil. es gab also gar kein Gesetz, auf das sich hier so viele berufen, wonach ein Spender für immer anonym bleiben konnte, sondern die Samenbanken haben das einfach fälschlich eigenmächtig zugesichert, war ja schließlich die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Letztlich hätte sich dann damals schon jeder Spender rechtlich kundig machen können und müssen, anstatt jetzt vielleicht zu klagen.

Anders sieht die Sache aus für die Spenden der 70er und 80er Jahre. Hier muss der Gesetzgeber jetzt nachbessern, um damalige Spender zu schützen - nicht ihre Identität, aber alles, was sich daraus ableiten könnte.

Und was ist mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung?

Eine "ad hoc Untersuchung der drei mutmaßlich Beteiligten" darf ja wohl nur mit der Einwilligung der Beteiligten erfolgen, oder? (Oder wollen Sie die Gebärende im Kreisssaal zwischen den Wehen zur Blutprobe zwingen?)

Die Frau darf also selbstverständlich eine Analyse ihrer Gene ablehnen.
Als automatisch Sorgeberechtigte für das Kind (Mater semper certa est, das Gegenteil müßte vorher bewiesen werden und wie soll das gehen?) darf sie folgerichtig auch eine Genanalyse des Neugeborenen ablehnen.

Ohne Aushöhlung von Rechten, die mit guten Grund (Euthanasie, Abtreibungsdruck, Versicherungsrecht) existieren geht Ihre Forderung komplett ins Leere.

Oder wollen Sie den totalen Überwachungsstaat, der dann auch noch Zugriff auf all diese Daten hätte?

k.

Abstammung bei der Geburt grundsätzlich feststellen

eine richtige Lösung ist Abstammungsdaten bei Geburt festzustellen:
Mutter und Vater werden per DNA-Abgleich bestätigt und vom Ergebnis diskret unterrichtet.
Ist alles stimmig gibt es kaum Probleme.
Eine mogelnde Mutter ist schon während der Schwangerschaft informiert, daß ein Kuckuckskind sofort beim Test aufgedeckt wird und wird zu 90% unterlassen, falsche Angaben zu machen. Sie hat Monate Zeit den gehörnten Partner vorzubereiten, was ihm mit der amtlichen Mitteilung klar werden muß.
Das dabei entstehende Partnerdrama ist verschwindend kleiner als das seelische Drama und das lebenslange Trauma getäuschter Kinder. Solche Abstammungstraumatas verfolgen betroffene Kuckuckskinder leenslang bis ins höchste Lebensalter.
Bei der Abwägung der Interessen ist nebensächlich, was die Mutter als Motiv im Moment des Ertapptseins bewegt. Die Folgen situationsbedingter Lügen treffen die betroffenen Kinder weitaus schwerwiegender. Die seelischen Folgen sind unheilbar.
Nicht die Frage der tatsächlichen Abstammung schmerzt so sehr, sondern das insgesamt zerstörte Vertrauen in die Glaubwürdigkeit elterlicher Wahrheiten.

Mit diesem Verfahren würde auch jeder Samenspender rechtlich korrekt erfaßt und mit der DNA-Überprüfung abgeglichen werden.

Mit der Volljährigket erlangt das Kind umfängliche Einsicht in dieses geheime standesamtliche Register. Die Familie selbst kennt die standesamtlichen Abstammungsangaben und weiteren Inhalte genau und hat das Recht dieses Geheimnis vor Dritten zu hüten.