"Ihr Lieben: wir haben gewonnen! :)" Auf ihrer Facebookseite freuen sich die Mitglieder des Vereins Spenderkinder über das vorläufige Ende eines Rechtsstreits, der einmalig in Deutschland ist. Als erster Mensch in der Bundesrepublik hat die 22-jährige Sarah P. das Recht eingeklagt, zu erfahren, welcher Mann den Samen spendete, mit dem sie gezeugt wurde. Ihr Einzelfall soll Menschen in ähnlichen Lebenssituationen nun den Weg ebnen. Ob Sarah P. ihren biologischen Vater allerdings jemals kennenlernen wird, ist ungewiss.

Die junge Frau erfuhr mit 18, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher ist. Seither sucht sie nach dem Mann, der ihr zur Hälfte das Aussehen, Bewegungen und Talente vererbte. So sagte sie es auch vor Gericht, schrieb Andreas Bernard in der Süddeutschen Zeitung

Sarah P. ist eines von mehr als 100.000 Kindern, die seit den siebziger Jahren in Deutschland durch eine Samenspende gezeugt worden sind. Ärzte sprechen von donogener Insemination (DI). Jedes Jahr werden auf diese Weise schätzungsweise 1.000 Kinder in Deutschland gezeugt. Der Pionier dieser Praxis ist der Reproduktionsmediziner Thomas Katzorke, zumindest gemessen an der Anzahl der Kinder, die er mit der DI zeugte. Ihn hat Sarah P. verklagt, denn er weigert sich, den Namen ihres biologischen Vaters preiszugeben. Schließlich sicherten in der Vergangenheit Ärzte wie er den Samenspendern zu, dass sie anonym bleiben würden.

Ein Versprechen, das sie nie hätten geben sollen, wie nun auch das Oberlandesgericht Hamm meint. Die Richter schätzen das Auskunftsrecht von Sarah P. damit höher ein als ein Geheimhaltungsinteresse seitens der Mediziner und ihrer Samenspender. Das Urteil ist wegweisend, ähnliche Klagen könnten nun folgen. Die anonyme Samenspende könnte damit endlich Geschichte werden. Eigentlich müsste sie es längst sein.

Ein Präzedenzfall, um geltendes Recht endlich umzusetzen

Das Wissen um den eigenen biologischen Vater ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Grundrecht. Indirekt bestätigte dies etwa das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 31. Januar 1989. Danach haben Kinder einen Anspruch darauf, ihre Abstammung zu kennen. Im konkreten Fall ging es aber um das Auskunftsrecht eines nichtehelichen Kindes.**

Was in vielen anderen europäischen Ländern bereits seit Jahren ausdrücklich geregelt ist, bleibt bislang in Deutschland auch eine Frage juristischer Fachsimpelei. Im Ausland ist etwa sichergestellt, dass die Informationen von Samenspendern nicht nur verzeichnet werden, sondern dass die Männer auch keine Ansprüche und Pflichten dem Kind gegenüber haben. Die Kinder wiederum haben die Möglichkeit, ab einem gewissen Alter die Daten ihrer biologischen Väter einzusehen.

Offenbar hat Sarah P. nun einen Präzedenzfall geschaffen, um bereits geltendes Recht umzusetzen. In Zukunft werden sich Kinderwunschkliniken nicht mehr so leicht hinter falschen Anonymitätsversprechen verstecken können. Seit 2007 dürfen sie dies offiziell ohnehin nicht mehr. Seither regelt das Transplantationsgesetz deutlicher als vorherige Berufsordnungen für Ärzte, wie mit Samenspendendaten umzugehen ist. Mittlerweile müssen sie mindestens 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Auch der Datenschutz berührt nicht "das Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung".

Samenspender müssen heute darüber aufgeklärt werden, dass Sie kein Recht auf Anonymität haben. Wer partout nicht Vater sein will, sollte also auch keine Samen spenden.

Keine Suche nach einem anderen oder dem richtigen Vater

Die Geheimhaltung sei ein Relikt aus den frühen Zeiten der Reproduktionsmedizin, sagt Corinna Lobe*. Die 28-Jährige ist selbst Mitglied im Verein Spenderkinder. "Vor 20, 30 Jahren war die Samenspende ein großes Tabuthema", sagt Lobe. Damals wollten weder Eltern noch Spender, dass irgendjemand etwas über eine DI erfährt, aus Scham und Angst vor dem Gerede der Nachbarn und Bekannten. Dieses Bild wandelt sich. Auch weil es moderne Familien gibt, die nicht nur aus Vater und Mutter bestehen. Die erfüllten Kinderwünsche Alleinerziehender und auch lesbischer Paare sorgen seit Jahren für mehr Akzeptanz.

Lobe hofft, dass das Urteil ihr und vielen der etwas mehr als 50 Spenderkindern hilft, die über den Verein miteinander vernetzt sind. Sie wünschen sich die Möglichkeit, ihren biologischen Vater zu kennen. "Dieses Bedürfnis ist mehr als bloße Neugier", sagt Lobe. "Es ist Teil meiner Identität, die Hälfte von allem, woraus ich entstanden bin." Dies sei keine Suche nach einem anderen oder dem richtigen Vater. Sie trennt zwischen dem Mann, den sie ihr Leben lang kennt, und der sie erzogen hat, und dem Mann, der ihr Erzeuger ist. "Viele denken, es sei ein großer Schock und mit Leid verbunden, zu erfahren, dass der soziale Vater nicht der biologische ist", sagt Lobe. Was für eine Übertreibung. Die Wahrheit mache den sozialen Vater nicht weniger wichtig im Leben.

Der Mythos von den Unterhaltsklagen

Spenderkinder kämpfen auch gegen einen Mythos, der stets angesprochen wird, sobald es um die Identität ihrer Erzeuger geht. Schnell ist von Unterhalts- und Erbanspruchsklagen die Rede. Dabei ist dies nur in Einzelfällen überhaupt ein Thema. Spenderkinder sind Wunschkinder. Ihre gesetzlichen Eltern übernehmen alle Rechte und Pflichten für sie.

Auch Sarah P. geht es nicht darum, ihren Erzeuger zu verklagen. Rechtlich wäre dies für sie auch gar nicht mehr möglich. Spenderkinder müssten innerhalb von zwei Jahren, nachdem sie erfahren haben, dass ihre Väter nicht ihre Erzeuger sind, die Vaterschaft ihrer sozialen Väter anfechten. Wenn sie das überhaupt wollten. Spätestens können sie dies bis zu ihrem 20. Geburtstag tun. Was auch vergessen wird: Nicht nur ein biologischer Vater wäre unterhaltspflichtig, wenn er identifiziert wäre, und das Spenderkind rechtlich keinen Vater mehr hätte. Auch das von ihm gezeugte Kind müsste unter Umständen mit Ansprüchen des biologischen Vaters rechnen.

Eine gesetzliche Regelung wünschen sich Spenderkinder, aber auch Reproduktionsärzte wie Andreas Hammel aus Erlangen dennoch: Samenspender müssen nicht nur vor finanziellen Forderungen ihrer leiblichen Kinder geschützt sein. Auskunftsrechte müssten auch gesetzlich geregelt werden. Ähnlich wie das Krebsregister könnte eine staatliche Institution die Daten von Samenspendern dokumentieren. Schließlich sollten lesbische Paare, die Ihre Partnerschaft eingetragen und Spenderkinder haben, die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle Eltern von Spenderkindern.

Andreas Hammel leitet eine Samenbank und eine Praxis für Kinderwunschbehandlung. Er setzt sich dafür ein, dass das DI-Verfahren transparent für alle Beteiligten abläuft. "Mein Anliegen ist es, dieses Thema zu enttabuisieren", sagte er im ZDF Morgenmagazin. Er glaubt nicht, dass die Zahl der Samenspender nun abnimmt, weil Männer Ansprüche fürchten.

Seit 2007 sei eine anonyme Spende ja nicht mehr möglich. "Darüber sind die Spender unserer Klinik aufgeklärt und sie sind einverstanden, später Kontakt mit den Kindern zu haben." Wer dazu nicht bereit sei, komme als Spender nicht infrage.

Menschen wie Corinna Lobe und Sarah P. wollen Gewissheit. "Das Urteil des Oberlandesgerichts Hamm erkennt erstmals unsere Rechte und Bedürfnisse an", sagt Lobe. Ihre Mutter hatte sich, wie auch die Mutter von Sarah P., einst bei Thomas Katzorke behandeln lassen. "Ich fühle mich von diesem Mann bevormundet", sagt Lobe. Ihre Bitte zu erfahren, wer ihr Erzeuger ist, wies Katzorkes Klinik ab. Sie hätte doch einen Vater, und Gene seien nicht so wichtig.

Ähnlich war es Sarah P. ergangen. Vor Gericht hat sie Recht bekommen, doch ob sie ihren leiblichen Vater ausfindig machen kann, liegt nicht in ihrer Hand. Katzorke muss die Geheimhaltung aufgeben und die Daten preisgeben. Vor Gericht sagte der Mediziner allerdings, die Akten über Sarah P.s Spender existierten nicht mehr. Als Sarah P. 1991 gezeugt wurde, gab es noch keine rechtliche Verpflichtung, die Spenderinformationen jahrzehntelang aufzubewahren.

Lobe glaubt Katzorke nicht. Auch das Hammer Oberlandesgericht ist nicht überzeugt davon, dass der Name von Sarah P.s Spender nicht mehr zu ermitteln ist. Dazu seien die Aussagen des Mediziners zu widersprüchlich gewesen. Womöglich hadert Katzorke mit seinem Gewissen. Mehr als 20.000 Kinder hat er mit der DI ins Leben geholt, erzählt er gerne in Interviews. So viel wie kein anderer Arzt in Deutschland. Eine ganze Kleinstadt. Die Preisgabe der Namen ist für ihn Verrat. An den Spendern, denen er einst Anonymität versprach, und an deren Familien.

*Name von der Redaktion geändert

**Anm. d. Redaktion: Im Text hieß es zunächst, dass sich das Recht auf das Wissen um die Abstammung aus der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ergebe. Das ist nicht ganz vollständig. Juristen leiten das Recht in Deutschland über ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1989 her. Die Stelle im Artikel wurde entsprechend geändert.